Anleger haben immer mehr Appetit auf europäische Hochzinsanleihen und investieren deshalb immer mehr Geld in einige der riskantesten Unternehmen der Region. Diese Kapitalflut – Teil der globalen "Suche nach Rendite" von Fondsmanagern und Vermögensverwaltern – erweist sich für viele europäische Unternehmen als Segen, vor allem für die aus Südeuropa, die im vergangenen Jahr zumeist noch praktisch vom Anleihemarkt abgeschnitten waren.

Die Börse in Madrid: Anleger investieren immer mehr Geld in den Krisenländern. Getty Images

Zahlreiche Firmen besorgen sich jetzt Geld am Markt, so lange sie das können, denn die Eurokrise kann jederzeit wieder aufflammen. Im vergangenen Monat haben europäische Unternehmen, deren Bonität von den Ratingagenturen als riskant eingestuft wird, Anleihen für knapp 12 Milliarden Euro ausgegeben – so viel wie noch nie in einem Januar. Fast 6 Milliarden Euro davon kamen aus den Krisenländern der Eurozone - Spanien, Griechenland, Portugal, Italien und Irland – ein Rekordmonat und fünfmal so viel wie aus diesen Ländern im Januar 2012 emittiert wurde.

"Im Januar hat ein radikaler Wandel stattgefunden", sagt Anil Jhangiani, Industrie-Analyst bei Fitch Ratings. "Es gibt eine Jagd nach Rendite. Es begann mit den größten Emissionen, und dann lief es das Ratingspektrum runter."

Anleger sorgen sich um Ausgang der Italien-Wahl

Einige befürchten bereits, dass der Boom der Beginn einer Blase ist, die schnell platzen könnte, wenn erneut Ängste um die Eurozone aufkommen sollten. Einige der neu begebenen Ramschanleihen haben im nachfolgenden Handel bereits wieder nachgegeben. Denn die Anleger sorgen sich um den Ausgang der anstehenden Wahl in Italien und den Korruptionsskandal in Spanien. Auch ein Anstieg bei den Pleiten in Europa oder eine Verschlimmerung der US-Haushaltskrise könnte den Markt drücken.

Bankberater sagen deshalb, dass die bullische Stimmung schon bald wieder verschwinden könnte. Sie raten ihren Kunden, aus den Anleihen wieder herauszugehen, so lange die Stimmung noch gut sei. Gerade in Italien versuchen vor der Wahl Ende Februar noch einige Firmen, Anleihen loszuschlagen.

In der vergangenen Woche wurden bereits einige geplante Emissionen abgesagt, was dafür spricht, dass der Anlegerappetit wohl zumindest teilweise schon gestillt ist. Wenn die Blase platzt, könnten die Renditen für Hochzinsanleihen um einige Prozentpunkte ansteigen und Unternehmen davon abhalten, an den Markt zu gehen, sagen Bankberater.

Gleichwohl sorgen die niedrigen Leitzinsen der US-Notenbank und anderer Zentralbanken zur Stützung der Konjunktur dafür, dass Fondsmanager kaum Wertpapiere finden, die eine ordentliche Rendite bieten. Südeuropa hat diese Leere geschlossen. Die Unternehmensanleihen von dort bieten höhere Renditen als viele andere Investments, obwohl die Ängste vor einem Zerfall der Eurozone auf dem Rückzug sind.

"Die Anleger haben inzwischen weniger Probleme mit Kreditrisiken aus der Europeripherie, weil sich das Bankensystem dort stabilisiert hat", sagt Andrew Jessop, der für Pimco 40 Milliarden Dollar Hochzinsanleihen managt. Pimco achte weniger auf das Risiko einer Wiederkehr der Eurokrise, sondern konzentriere sich in diesem Jahr mehr auf die Entwicklung einzelner Unternehmen in der Region, sagt er.

Die Renditen der Unternehmensanleihen aus den Euro-Krisenstaaten lagen zuletzt im Hochzinsbereich zwischen 6 und 8 Prozent. Im Gegensatz dazu bieten Ramschanleihen aus Nordeuropa teilweise nur 5 Prozent.

Selbst Griechenland schreckt die Anleger nicht mehr

Viele Anleger lassen sich selbst von Griechenland nicht abschrecken. Im Dezember begab der Milchproduktehersteller Fage eine 250-Millionen-Dollar-Anleihe mit einem Zinskupon von knapp 10 Prozent – das Management hatte mit einem Zins über dieser Marke gerechnet.

Im Januar hat der Telekomkonzern OTE, der von der Rezession in Griechenland hart getroffen wurde und ein Ramschrating hat, eine fünfjährige Anleihe über 700 Millionen Euro mit einem Zins von 7,875 Prozent verkauft. Dieser liegt zwar über dem früherer Anleiheemissionen, aber ein Kupon von unter 8 Prozent wurde von vielen Anlegern dennoch als erstaunlich niedrig eingeschätzt, weil die meisten griechischen Unternehmen für Bankenkredite weit mehr als 10 Prozent zahlen müssen – wenn sie diese überhaupt bekommen.

"Zum ersten Mal seit einigen Jahren gibt es für griechische Unternehmen wieder ein Fenster zum Markt", sagt Emilios Kyriacou, Chef des Firmenkundengeschäfts bei der griechischen Citigroup. "Investoren interessieren sich für Angebote von großen griechischen Unternehmen, vor allem von solchen, die auch im Ausland präsent sind."

Große Nachfrage nach spanischen Unternehmensanleihen

In Spanien hat der Maschinenhersteller Abengoa, der ebenfalls über ein Ramschrating verfügt und seit 2010 keine Anleihen mehr ausgegeben hat, festgestellt, dass "es 2012 keine Gelegenheit [für eine Emission] gab", sagt Investor-Relations-Chefin Barbara Zubiria Furest. Aber im Dezember bemerkte das Management, dass die Anlegernachfrage nach einigen spanischen Unternehmensanleihen bei weitem größer war als das Angebot.

Um ihre Bankverbindlichkeiten zu mindern, offerierte Abengoa deshalb im vergangenen Monate eine Wandelanleihe über 250 Millionen Euro. Die Nachfrage war so stark, dass das Volumen noch auf 400 Millionen aufgestockt wurde. Der Kupon lag bei 6,25 Prozent und damit am unteren Ende ihrer Zielspanne. Zehnjährige spanische Staatsanleihen rentieren mit rund 5,4 Prozent.

Ence, ENC.MC -0,28% ENCE Energia y Celulosa S.A. Spain: Madrid 1,78 -0,01 -0,28% 30 Sept. 2014 13:28 Volumen (​15 Min. verzögert) : 117.114 KGV N/A Marktkapitalisierung 455,50 Millionen € Dividendenrendite 1,69% Umsatz/Mitarbeiter 698.991 € ein spanischer Zellstoffproduzent, hat im Januar seine erste Anleihe überhaupt ausgegeben, nachdem er erst im vergangenen Jahr ein Rating – Ramsch – erhalten hat. Für die siebenjährige Anleihe über 250 Millionen Euro lag der Zinskupon bei 7,25 Prozent. Im vergangenen Jahr habe niemand wirklich gewusst, wie man das Szenario eines Zusammenbruchs des Euro bewerten sollte, sagt Finanzvorstand Diego Maus Lizariturry. Jetzt, während die Angst vor einem Kollaps verschwindet, könnten die Anleger die Preise für bestimmte Anlagen besser einschätzen, sagt er.

Auch US-Investoren, die im Vorjahr aus dem südeuropäischen Kapitalmarkt geflohen sind, halten wieder einen Zeh ins Wasser. Das größte Gebot für die Abengoa-Anleihe kam von einem amerikanischen Fonds.

Aber trotz der nachlassenden Sorgen um Südeuropa bevorzugen Anleger Unternehmen, die in der Region selbst nicht so stark engagiert sind, sagen Bankberater. So erwirtschaftet Fage zum Beispiel drei Viertel der Gewinne im Ausland. "Man muss mehr Fragen beantworten als noch vor zwei Jahren", sagt Zubiria von Abengoa.

—Mitarbeit: Matt Wirz

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