Mahdi Ehsaei / The Wall Street Journal Deutschland

Was Beziehungen im Büro angeht, legen vor allem US-Unternehmen ihren Mitarbeitern schon länger Handschellen an. Groß ist die Angst vor teuren Gerichtsprozessen. Aber gegen Amors Pfeile, oder ganz banal menschliche Triebe, scheinen auch milliardenschwere Konzerne oft machtlos zu sein.

Das treibt die Firmen um. Durch Gerüchte oder belegte Ungerechtigkeiten im Fahrwasser von Büro-Affären gehen ihnen wichtige Leute verloren. Klagen wegen Belästigung oder Übervorteilung können sie Millionen von Dollar kosten. Und sie können das Image ruinieren.

So etwa bei Keith Rabois, dem ehemaligen Chef des mobilen Bezahldienstes Square. Eine Angestellte beschuldigte ihn, sie belästigt zu haben. Er nannte die Vorwürfe „ein Komplott" – er und die Angestellte hätten eine Beziehung gehabt, bevor sie beim Unternehmen anfing. Klar ist, dass sein Aufbruch im vergangenen Monat die Firma schmerzt.

Also versuchen die Arbeitgeber, mindestens eins von zwei Dingen zu erreichen: Entweder Beziehungen von vornherein zu unterbinden, oder aber sicherzugehen, dass die menschlichen Instinkte sie nicht später vor Gericht führen können. Außerdem wolle man „nicht den Eindruck erwecken, dass sowas die Leute weiterbringt", sagt David S. Baffa, Anwalt für Arbeitsrecht und Chef des Bereichs für Arbeitsethik bei der Chicagoer Kanzlei Seyfarth Shaw.

Mit der Hand in der Keksdose

Besonders Führungskräfte, die über Einstellungen, Gehälter und Beurteilungen bestimmen, sollten sich von derartigen Abenteuern fernhalten, sagt er: „Ich habe einige Fälle betreut – und saß manchen sehr mächtigen, sehr dummen Menschen gegenüber, die mit ihrer Hand in der Keksdose erwischt worden sind."

Die US-Gesetze lassen dem Arbeitgeber viel Spielraum, Amor an die Leine zu nehmen. Manche Unternehmen gehen so weit, Romanzen zwischen Kollegen grundsätzlich zu untersagen. Andere verbieten die zwischen Chefs und Mitarbeitern oder schreiben vor, Verhältnisse anzuzeigen. Eine besonders obskure Blüte dieses Trends: So genannte Liebesverträge, die das Unternehmen Pärchen vorlegt. Beide unterschreiben – so dass klar ist, dass beide das Verhältnis wollen und es sich nicht um Belästigung handelt.

„In den USA hat der Schutz der Allgemeinheit einen hohen Stellenwert – Transparenz hat Vorrang", sagt Christian Vetter, der beim Bundesverband der Personalmanager die Fachgruppe Arbeitsrecht leitet. „In Deutschland spielen die Persönlichkeitsrechte eine größere Rolle. Es muss handfeste Gründe geben, damit ein spezielles Gesetz die allgemeine Handlungsfreiheit beschneiden kann."

So kann ein deutscher Arbeitgeber laut Vetter nur dann gegen Liebesverhältnisse im Büro vorgehen, wenn klar ist, dass dadurch jemand ungerecht behandelt wurde. „Dann sind arbeitsrechtliche Maßnahmen denkbar. Aber eine Meldepflicht für Affären und Beziehungen im ganzen Unternehmen – auch unter Gleichen und über Abteilungen hinweg – dürfte kaum durchgehen."

Deutsche Firmen haben weniger Spielraum

Das höchste, was ein deutscher Arbeitgeber nach Vetters Verständnis durchsetzen könnte, ist eine Meldepflicht für Verhältnisse zwischen Chefs und Mitarbeitern. Die ist auch im Code of Conduct vom US-Chemiekonzern Dow Chemical festgeschrieben, wo Christian Vetter im Hauptberuf den Bereich Arbeits- und Sozialrecht leitet. Den Leitfaden gibt es nur auf Englisch, er gilt aber weltweit.

Manch amerikanisch geprägter Konzern schränkt das Verbot auf bestimmte Situationen innerhalb der Arbeitsbeziehungen ein: So verbietet es etwa ein großes US-Unternehmen auch in einer deutschen Version seines Codes of Conduct den Angestellten, über das Gehalt oder die Beförderung von einem Untergebenen zu entscheiden, wenn sie mit ihm ein „enges persönliches Verhältnis" haben. Eine so beschränkte Vorschrift sei auch in Deutschland unbedenklich, sagt Vetter.

Mit derartigen Problemen haben US-Konzerne nicht zu kämpfen – dort sind auch viel pauschalere Vorschriften juristisch wasserdicht. „Dort stehen die US-Unternehmen wegen der Diskriminierungsgesetze unter panischer Angst, verklagt zu werden", sagt Vetter. Im vergangenen April ist der Chef der Elektronikkette Best Buy, Brian Dunn, nach einer angeblichen Affäre abgetreten. Wahrscheinlich in letzter Minute – ein Sprecher der Firma hatte schon gesagt, er hätte Unternehmensgesetze verletzt, indem er eine „extrem enge persönliche Beziehung zu einer Untergebenen einging, die das Unternehmensklima negativ beeinflusste".

Regulierungswelle schwappt herüber

Natürlich gibt es auch in den USA Unternehmen, die den Mitarbeitern überlassen, zu wem sie welches Verhältnis aufbauen. Laut einer Umfrage des Personaler-Verbands Society for Human Resource Management aus dem Jahr 2006 haben weniger als ein Fünftel der Firmen Vorschriften, was Techtelmechtel im Büro angeht. Aber Anwälte raten den dortigen Arbeitgebern zu klaren Vorschriften.

Zumal laut einer Umfrage 40 Prozent der US-Angestellten schon romantische Treffen mit Kollegen hatten. Und in Staaten wie Kalifornien können Manager persönlich haftbar gemacht werden für Schäden, die durch Amors Pfeile entstehen. So raten Rechtsanwälte dazu, bei Betriebsfeiern die Alkoholreserven knapp zu halten – es könnte ja etwas passieren. Immer genauere Regelungen sind auf dem Vormarsch.

Und auch nach Deutschland schwappt die Welle an Vorschriften und Gesetzen, die Angestellte vor sich selbst schützen sollen, Angestellte vor der Firma, und die Firma vor ihren Mitarbeitern. „Egal, wie man es findet – das kommt auf uns zu", sagt Vetter.

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