Ein Tourist in Paris muss den Eiffelturm bestiegen haben, zum Louvre gehen und seine Liebe besiegeln - mit einem Vorhängeschloss, am besten an den malerischen Brücken, die sich über die Seine spannen. Das ist ein Problem. Nicht nur in Frankreich. Auch in Deutschland kämpfen Städte mit der zunehmenden Last der Liebesschlösser.

Die Brücken in Paris ächzen unter Vorhängeschlössern, Fahrradschlössern, Handschellen und anderen Glücksbringern, die die ewige Liebe besiegeln sollen. Angebracht werden sie von Pärchen, die ihre Initialen oder Namen auf die Talismane schreiben, diese an der Brücke anbringen und den Schlüssel anschließend in den Fluss werfen. Im vergangenen Herbst erst hatte Kourtney Kardashian, bekannt geworden durch die US-Reality-Show über ihre Promi-Familie, gemeinsam mit ihrem Freund und ihrem kleinen Sohn Liebesschlösser an der Pont des Arts angebracht – gefilmt von einem Kamerateam. Diese Fußgängerbrücke in der Nähe des Louvre wird von Touristen viel frequentiert und ist besonders beliebt bei den Liebenden.

Liebesschlösser an der Pont de l'Archevêché in Sichtweite des Notre Dame. Christina Passariello/The Wall Street Journal

Doch viele Pariser fragen sich, was die Liebe eigentlich damit zu tun hat. Die öffentliche Zurschaustellung der Zuneigung erregt den Unmut der kaltherzigen Einheimischen. Manche sagen, dass die Schlösser nicht besser als Graffiti sind und die Wahrzeichen der Stadt beschmutzen. Rost und Umweltverschmutzung machen den Parisern ebenfalls Sorgen. Man denke nur an die tausende Schlüssel, die auf dem Boden der Seine „gemeinsam mit Autos und Kadavern" dahinrotten, sagt Sylvain Louradour, die in der Nähe der Pont des Arts lebt.

Andere argumentieren, dass der Brauch etwas völlig Falsches symbolisiert. „Das Schloss ist ein negatives Symbol, ein Symbol des Verschließens und des Einsperrens, also genau das Gegenteil von dem, was Liebe sein sollte", sagt Esther Pawloff, die in Paris arbeitet.

Kunst aus Schlössern teuer verkauft

Die Schlösser haben schon so manche inspiriert. Sie wurden in teure Gegenwartskunst verwandelt, oder wegen ihres Messinggehalts auch schon mal eingeschmolzen. Als in einer Nacht im Jahr 2010 auf mysteriöse Weise tausende der Schlösser verschwanden, verdächtigten Zyniker bereits einen verschmähten Liebhaber – oder einen Vorhängeschloss-Produzenten, der seinen Absatz ankurbeln will.

Stattdessen tauchten die Schlösser einige Wochen später in einer Kunstinstallation der bekanntesten Kunsthochschule Frankreichs auf, an der École nationale supérieure des Beaux-Arts. Ein Student hatte die Schlösser abgesägt und sie für ein Projekt verwendet.

Unverdrossen bringen tausende Liebespaare neue Schlösser an. Der französische Künstler Loris Gréaud hatte im vergangenen Jahr reichlich Auswahl, als er für seine Installation „Tainted Love" Schlösser an der Pont des Arts suchte. Eine Woche lang sammelten er und sein Assistent rund 150 Kilogramm an Schlössern. In der ersten Nacht verhaftete ihn die Polizei. Nachdem er sie davon überzeugte, dass er die Schlösser für seine Kunst brauchte, ließen sie ihn wieder laufen. „Ich bin kein Dieb oder Vandale", sagt Gréaud. So lange man die Brücke nicht beschädigt, ist die Entfernung der Schlösser erlaubt.

Moskau, Köln, Seoul: Eine Weltreise im Namen der Liebe

ChameleonsEye/Shutterstock

Gréaud schmolz die Schlösser ein und formte sie zu 15 Skulpturen in Form einer Scherbe, für die er 675.000 Euro bekam. Er wollte das Paradoxon der Umschmelzung des mit Liebe getränkten Metalls zu einem emotionslosen geometrischen Objekt erforschen, sagt er. Der französische Kunstasammler François Pinault hat sie alle gekauft.

Vor fünf Jahren schwappte das Liebesschloss-Phänomen von Italien nach Paris über. Seinen Ursprung soll der Brauch in Florenz haben, wo die Absolventen der Akademie San Giorgio nach dem Abschluss die Schlösser ihrer Spinde an ein Gitter der Ponte Veccio hängten. Für die Ausbreitung auf ganz Europa machen die meisten Beobachter den Erfolg des 2006 erschienenen italienischen Teenie-Liebesromans „Drei Meter über dem Himmel" und seiner Fortsetzung „Ich steh auf Dich" verantwortlich. Darin schwören sich die beiden römischen Liebenden ihre ewige Liebe, befestigen das Schloss an einer Brückenlaterne und werfen den Schlüssel in den Tiber.

Die Leser kopierten die Geste – bis eine der Lampen so mit Schlössern voll hing, dass die Behörden Angst hatten, sie könnte umkippen.

Deutschland im Liebesschlossfieber

Auch in Deutschland greift die Manie um sich. Um sich seine ewige Liebe mit Schloss und Schlüsselwurf ins Wasser zu beweisen, pilgern seit 2008 viele Liebespaare nach Köln zur Hohenzollernbrücke. Über 40.000 Schlösser dürften inzwischen schon am Geländer hängen. Die Stadtverwaltung sieht es gelassen. „Das ist eine nette, neue Art von Volksbrauchtum", sagt Gerd Neweling, Leiter des Amtes für Brücken und Stadtbahnbau. Anders als in Paris beschränkt sich das Phänomen in Köln auf diese eine Brücke. „Das ist wohl der Herdentrieb". Sicherheitsbedenken habe er nicht, letztlich müsse die Bahn als Eigentümerin der Brücke über die Duldung der Schlösser entscheiden. Diese sieht keine Gefahr in den Liebesbeweisen. „Uns stört das in keinster Weise", sagt ein Sprecher des Unternehmens. „Mittlerweile ist das zur Kultstätte geworden – und so viele Schlösser können die gar nicht anbringen, dass das zum Beispiel die Statik der Brücke gefährdet." Die Brücke wiege 24.000 Tonnen, da sei das Gewicht der Schlösser marginal.

In den meisten anderen deutschen Städten hat der Trend etwas später angefangen, in Frankfurt etwa vor rund zwei Jahren. Am Eisernen Steg über den Main glitzern inzwischen so viele bunte Schlösser, dass es zumindest ins Auge fällt. „Streng genommen ist es nicht erlaubt, etwas ohne Sondergenehmigung auf oder am Teil einer öffentlichen Straße anzubringen", sagt Peter Postleb, Leiter der Stabsstelle Sauberes Frankfurt. „Aber in der Praxis wird es geduldet. Wir wollen nicht als Schrecken der Liebespaare in die Geschichte der Stadt eingehen."

So wie die Frankfurter handhaben es die meisten deutschen Stadtverwaltungen. Bis auf Berlin – dort ist das Anbringen der Schlösser nicht erwünscht. „Brücken sind sensible Bauwerke, Liebesschlösser haben da nichts dran zu suchen", sagt Petra Roland, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Bei regelmäßigen Kontrollgängen werden die Schlösser rigoros entfernt."Im Kleinen ist es eine süße Idee", sagt Roland. Aber die Masse an Vorhängeschlössern laste mit ihrem Gewicht auf den Brücken. Zudem wäre die kunstvolle Verzierung der in Berlin von den Liebespaaren favorisierten Weidendammbrücke schon nicht mehr zu sehen, toleriere man die Anbringung der Schlösser. „Da lassen wir uns gerne als unromantisch beschimpfen."

Die Schloss-Manie greift nicht nur in Europa um sich. Mittlerweile finden sich Schlösser an der Großen Mauer in China, an der Brooklyn Bridge in New York oder an Zäunen in Seoul oder an der Autobahn im Silicon Valley.

Paris - die Hauptstadt der Liebesschlösser

In Paris jedoch scheint die Liebe zu den Schlössern besonders ausgeprägt zu sein. Der Brauch ist verbunden mit dem Ruf der Stadt als Liebeshochburg Europas und treibt den Tourismus an. Am Valentinstag bieten einige Hotels bereits Pakete an, bei denen der Schlösser-Brauch inklusive ist.

Doch in den vergangenen Monaten hat sich das Liebesschloss-Problem zu einem tatsächlichen ausgeweitet. Die zwei beliebtesten Brücken – die Pont des Arts und die Pont de l'Archevêché – sind inzwischen so überladen, dass die Schlösser immer öfter an anderen Brücken mit schmalen Gittern aufgehängt werden. Inzwischen zieren die Schlösser auch Denkmäler und Statuen in der Stadt der Liebe – und richten Schaden an, den die Stadt reparieren muss.

Ewige Liebe soll es bringen, das Liebesschloss.

Die Pariser Stadtverwaltung hatte über die Entfernung und ein anschließendes Verbot der Schlösser nachgedacht, um das architektonische Erbe der Stadt zu wahren. Dann machte das Rathaus einen Rückzieher. „Es ist sehr heikel, das Phänomen zu bekämpfen – weil es Touristen anzieht", sagt Joel Retailleau, Vertreter des sechsten Arrondissements, in dem die Pont des Arts steht. Paris habe ernsthaftere Probleme, als sich um Schlösser auf Brücken zu kümmern, fügt der Stadtangestellte hinzu.

Das Bürgermeisteramt von Paris hingegen wehrt sich gegen die Aussage, man habe sich dem touristischen Druck gebeugt. „Der Ruf von Paris als Hauptstadt der Liebe beruht auf der Historie, auf der Schönheit und vielen anderen Qualitäten der Stadt", sagt Damien Steffan, ein Sprecher des Bürgermeisters. „Wir ermutigen den Trend nicht, aber wir verdammen ihn auch nicht."

Liebesschlösser kosten die Städte irgendwann viel Geld

Künstler Gréaud will, dass die Stadt den neuen Brauch in Ruhe lässt. „So lange die Brücke unter dem Gewicht der Liebe nicht zusammenbricht, sollte kein Verbot ausgesprochen werden."

Tatsächlich wird das Gewicht der Liebe aber bereits gefährlich. In der vergangenen Woche musste die Pariser Stadtverwaltung einige der Schlösser abknipsen. Fünf beschädigte Geländer mussten zudem entfernt werden. Die Stadtverwaltung fürchtet, dass das Gewicht der Schlösser die Brücke unsicher macht. Immerhin lasten rund 150 Kilo auf einer einzelnen Stange. Vertreter der Stadt verweisen auch auf eine Gefährdung der Sicherheit: Metallverkäufer durchschneiden oftmals den Zaun statt der Schlösser, da das Metall der Brückengitter dünner ist.

In Berlin sieht man nicht nur das Gewicht der Schlösser als Problem. „Rost am Geländer, Umweltverschmutzung wegen der Schlüssel im Flussbett, die man zudem vielleicht irgendwann rausholen muss – letztendlich fallen früher oder später größere Bauarbeiten an, und die bedeuten enorme Kosten", sagt Petra Roland.

Auch in Frankfurt denkt man bereits darüber nach, wie man mit der Schlösserpracht umgeht, sollte sie eines Tages überhand nehmen. Die Fahrrinne des Mains sei tief genug, die Schlüssel würden zudem weggeschwemmt. Doch „es geht auch um die Optik. Immerhin ist der Eiserne Steg ein Wahrzeichen unserer Stadt", sagt Peter Postleb mit Verweis auf Köln als „abschreckendes Beispiel". Er überlegt, ob die Stadt einen Geländerabschnitt am Ufer als offiziellen Platz zum Anbringen der Liebesschlösser ausweisen sollte. Auf jeden Fall müsse man den öffentlichen Diskurs suchen.

Eigentlich gibt es bereits eine mögliche Lösung für das Problem, das Paris, Berlin und vielleicht bald auch Frankfurt und andere Städte heimsucht – umsonst für die Gemeinden und schonend für die Umwelt: Online-Schlösser mit persönlicher Gravur, die man nach der Erstellung an virtuellen Brücken anbringen lassen kann; unter anderem auf der Homepage der Band Klee oder mit der neuen Facebook FB -3,15% Facebook Inc. Cl A U.S.: Nasdaq $76,55 -2,49 -3,15% 01 Okt. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 54,48 Mio. NACHBÖRSLICH $76,65 +0,10 +0,13% 01 Okt. 2014 19:59 Volumen (​15 Min. verzögert) : 607.676 KGV 81,44 Marktkapitalisierung 205,51 Milliarden $ Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 1.580.090 $ -App Lovlock möglich. Dasselbe Prinzip verfolgt Master Lock, Teil der Fortune Brands Home & Security, FBHS -2,07% Fortune Brands Home & Security Inc. U.S.: NYSE $40,26 -0,85 -2,07% 01 Okt. 2014 16:02 Volumen (​15 Min. verzögert) : 1,67 Mio. NACHBÖRSLICH $40,26 0,00 % 01 Okt. 2014 16:59 Volumen (​15 Min. verzögert) : 23.295 KGV 25,16 Marktkapitalisierung 6,51 Milliarden $ Dividendenrendite 1,19% Umsatz/Mitarbeiter 222.328 $ auf seiner Homepage. Dort kann man Schlösser kaufen, die anschließend in einer Online-Gallerie gezeigt werden. Der Werbespruch von Master Lock: „Reisen ist nicht mehr notwendig."

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