Deutsche wollen Strom sparen. Sie wollen nachhaltig sein, die Umwelt schonen, den Planeten in ordentlichem Zustand an ihre Kinder übergeben. Und sie wollen weniger ausgeben. Aber wenn es darum geht, etwas am Energieverbrauch zu ändern, schlägt die Trägheit zu: Die wenigsten machen sich die Mühe, tatsächlich den Stromanbieter zu wechseln. So ist es auch bei den Freunden von Christoph Jugel.

Vor vier Jahren wurde Jugel 30. Das nahm er zum Anlass, nach sechs Jahren Konzernkarriere in der Dienstleistungssparte von Bertelsmann zu kündigen. Der Plan: Ein eigenes Geschäft gründen. Klar war, dass es in Richtung Umwelt, Energie, Nachhaltigkeit gehen würde. Er selbst versucht schon lange, ressourcenschonend zu leben, sagt er – wenig Auto fahren, keinen unnötigen Schrott kaufen. „Ich hatte im Konzern nicht das Gefühl, etwas Sinnvolles zu machen. Das wollte ich ändern."

Also begab er sich auf Ideensuche und fuhr quer durch Deutschland. Er sprach mit Freunden, Ex-Kollegen und Bekannten. „Alle haben gesagt, dass sie sich für Umweltschutz und Energieeffizienz interessieren. Das war ihnen wichtig, da wollten sie mitmachen", berichtet Jugel. „Aber wenn ich gefragt habe, wie viel Strom sie eigentlich verbrauchen, hatten sie keine Ahnung."

So sieht die Benutzeroberfläche von Econitor aus. Econitor GmbH

Dieses Unwissen war die Inspiration für Jugels Start-up Econitor – und es könnte für den jungen Unternehmer die größte Hürde auf dem Weg zum wirtschaftlichen Erfolg sein. Die Internet-Plattform zeigt dem Nutzer seinen Stromverbrauch im Zeitverlauf an, vergleicht zwischen Tagen, lässt Auffälligkeiten erkennen. Der Anwender kann so zum Beispiel feststellen, dass der Fernseher bei einer bestimmten Bildeinstellung besonders viele Kilowattstunden verbraucht. Oder dass der Motor des Kühlschranks statt periodisch ständig läuft. Damit lässt sich viel Geld sparen.

Konkurrenzprodukte, die ähnlich breit aufgestellt sind, gibt es nicht. Aber die Frage ist trotz alledem: Werden die Deutschen, denen es vor Stromverträgen und Zählerständen graut, sich in Massen auf einer Plattform einloggen, um den eigenen Verbrauch zu überwachen? Zumal die meisten keinen digitalen Zähler oder eine andere intelligente Technologie haben, die den Stand automatisch an die Plattform übermittelt. Darum müssten sie die Werte regelmäßig selbst eintragen. Bisher ist die Kundenzahl mit 600 überschaubar.

Christoph Jugel hat die Hürde, die durch Unwissen und mangelndes Engagement der Bürger für Econitor im Weg steht, erkannt. Zum einen will er es so einfach wie möglich machen, die Werte einzutragen – per E-Mail, SMS oder über das Programm. Zum anderen setzen er und sein Team, das aktuell aus drei Programmierern besteht, auf Gewinne durch White-Label-Software: Sie entwickeln die Plattform, die sich momentan in der fortgeschrittenen Entwicklungsphase befindet, so, dass das Start-up sie später auch für andere betreiben kann. Städte, Berater, Stadtwerke: Econitor will ihnen die Software auf den Leib schneidern und betreiben. Und so von Kunden dauerhaft kassieren.

Der 34-jährige Christoph Jugel hat Econitor vor vier Jahren gegründet. Econitor GmbH

Ende dieses Jahres soll Econitor in die Gewinnzone kommen. „Gerade entwickeln wir die Plattform zu Ende, wir bekommen ein richtig gutes System", jubelt er. Vor allem vom Backend des Datendienstes schwärmt er, also dem unsichtbaren Datenspeicher der Plattform. Alle Zahlen sind verschlüsselt, sagt Jugel. Zum Beispiel, damit Hacker nach einem potenziellen Angriff auf das System nicht wissen, welcher Anwender wann die Lichter ausmacht, um zur Arbeit zu gehen – und dann die Wohnung ausräumen können.

Im Frühjahr wollen die drei Programmierer die Plattform aus der Entwicklungsphase herausgebracht haben. Dann will Jugel jetzige und zukünftige Kunden der White-Label-Software ansprechen „und ihnen sagen, dass wir endlich alles machen können, was sie sich von uns wünschen", sagt er.

Jugel hat BWL studiert. In seiner Firma steckt eine Menge Idealismus, sagt er. „Wäre es nur irgendein Geschäft, hätte ich schon längst schließen müssen." Denn der 34-Jährige finanziert das Start-up seit der Gründung im Jahr 2009 aus seinem Privatvermögen.

Jetzt hat das Start-up einen Vertrag mit „einer großen norddeutschen Landeshauptstadt". Die testet eine angepasste Version des Portals zunächst intern für die eigenen Kindergärten. Irgendwann will sie die Dienste von Econitor über die eigene Homepage an alle Bürger weitergeben. Auch Energieberater, ein Energie-Magazin und ein Projektentwickler für Solaranlagen überweisen Gebühren auf das Konto der Firma. Die Sonderwünsche, die Jugel ab Frühjahr bedienen will, sind so unterschiedlich wie die Kunden: Die Solar-Firma will ihren Kunden in Echtzeit zeigen, wie die Energie von der Anlage auf dem Dach ins Haus fließt. Andere wollen einen E-Shop in das System einbinden.

Ab Frühjahr will Jugel auch weitere Kunden gewinnen: Mehr Kommunen, Berater, Stadtwerke – und Heizungsbauer. Von ihnen verspricht sich der Gründer Interesse an der Plattform, weil sie die Kunden enger an sich binden können, indem sie ihnen ein Werkzeug in die Hand legen, um den eigenen Verbrauch zu überprüfen. Bei den großen Stromkonzernen ist er dagegen eher skeptisch. „Ich glaube, dass wir für andere Partner noch interessanter sind."

Die Energiewende spielt dem Unternehmer in die Karten, schafft sie doch Aufmerksamkeit für das Thema. Das weiß Jugel. Doch politisch sieht er sie auch kritisch: „Wir rennen bei dem Thema politisch nicht gerade nach vorne. Und unser Umweltminister ist kein Umweltminister. Der ist ein Wirtschaftsminister, ein Energiestandortminister."

Ein großes Risiko sieht er darin, dass die Energiewende als politisches Projekt in aller Munde ist: „So könnten die Leute denken, dass sie selbst nichts mehr machen müssen. Und das ist natürlich grundfalsch: Jeder einzelne muss seinen Verbrauch senken, wenn dieses Projekt funktionieren soll."

Kontakt zum Autor: florian.bamberg@dowjones.com