PEKING – Es war ein bitterer Meilenstein: Ein früherer buddhistischer Mönch hat sich nach Angaben von Aktivisten und der tibetischen Exilregierung aus dieser Woche als 100. Mensch in China aus Protest selbst verbrannt. Die Tibeter protestieren gegen die Politik der harten Hand Pekings. Die Zentralregierung hatte dutzende Aktivisten verhaften lassen - und macht für die Unruhen in der Region den Dalai Lama und ausländische Medien verantwortlich.

Exiltibeter gedachten am Mittwoch der Selbstverbrennungen mit einer Mahnwache. Agence France-Presse/Getty Images

Nach Berichten der Aktivisten hat sich Lobsang Namgyal, ein 37-jähriger ehemaliger Mönch, am 3. Februar in der Provinz Sichuan angezündet. Die Organisation Free Tibet sagte in einer Presseerklärung, man habe zehn Tage benötigt, um den Vorfall zu bestätigen. Der Ort des Geschehens, der so genannte „autonome Bezirk Ngawa der Tibeter und Qiang", ist der Brennpunkt der jüngsten Unruhen.

Am Donnerstag erklärte Lobsang Sangay, der politische Führer der Exilregierung, man lehne Selbstverbrennungen weiter ab. Sie seien aber ein extremer Akt des zivilen Ungehorsams gegen die chinesische Herrschaft: „China erkennt die eigene Rolle in der Tragödie von Tibet nach 60 Jahren Herrschaft mit eiserner Hand nicht an. Stattdessen werden in unverantwortlicher Weise Seine Heiligkeit der Dalai Lama und die tibetische Führung für die Selbstverbrennungen attackiert."

Die Behörden in der Präfektur waren am Donnerstag nicht erreichbar, und die Angaben der Gruppen konnten nicht unabhängig bestätigt werden. Journalisten haben keinen Zugang zu der Region mehr, und Anwohner fürchten die Repressalien der Behörden, wenn sie Informationen zu den Selbstverbrennungen weitergeben.

Vorwürfe gegen US-Sender

Von den 100 Tibetern, die sich in China selbst angezündet haben, kamen fast 80 ums Leben, erklärte Free Tibet. Ähnliche Vorfälle ereignen sich auch außerhalb des Landes, so etwa in Nepal am Mittwoch, wie die Nachrichtenagentur AP berichtet.

Die Bestätigung der 100. Selbstverbrennung zeigt, dass sowohl Peking als auch die tibetische Exilregierung keine Fortschritte in ihren Bemühungen gelungen sind, die Praxis einzudämmen. Die steigende Zahl der Fälle hält die Region, die nach Ansicht von Peking historisch ein Teil Chinas ist, im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Vor allem aber auf die Exilregierung steigt der Druck. Viele junge Tibeter fordern eine härtere Linie gegenüber Peking.

Der chinesische Propagandaapparat hat in den vergangenen Wochen detaillierte Anschuldigungen gegen ausländische Aktivistengruppen vorgelegt. Diese sollen angeblich Selbstmordkandidaten rekrutieren und ermutigen. In langen Berichten legten die staatliche Nachrichtengagentur Xinhua und das Staatsfernsehen CCTV da, dass der von Washington finanzierte Sender Voice of America die Selbstverbrennungen durch häufige Berichte gefördert habe.

Die nur heimlich zu empfangenden Sender in tibetischer Sprache sind bei der Bevölkerung sehr beliebt. In dem Bericht von CCTV wurde Voice of America vorgeworfen, mit Hilfe eines Geheimcodes Botschaften der Anhänger des Dalai Lama zu verbreiten. Der Leiter des Senders, David Ensor, weist das zurück: „Wir berichten darüber, aber ermutigen sicher niemanden dazu", sagt er auf einem Video auf der Webseite des Senders.

Der Dalai Lama floh 1959 nach einem gescheiterten Aufstand aus Tibet und gründete die Exilregierung im indischen Dharamsala. Er ist aber nicht mehr ihr politischer Führer.

Tibeter in China berichten, dass die Selbstverbrennungen eine Reaktion auf die stärkere Kontrolle über die tibetische Kultur sind, insbesondere die Eingriffe in den buddhistischen Klöstern. Nach den tödlichen Ausschreitungen in mehreren von Tibetern bewohnten Provinzen 2008 wurde die Polizeipräsenz verstärkt und das Alltagsleben stärkeren Kontrollen unterworfen, berichten Tibeter.

In den letzten Wochen hat sich dieser Griff weiter verstärkt, Im Januar wurden acht Tibeter zu langen Gefängnisstrafen verurteilt, weil sie laut Staatsmedien andere zu Selbstverbrennungen angestiftet haben sollen. Lorang Konchock aus der Provinz Aba etwa wurde zum Tode verurteilt, mit einem Aufschub von zwei Jahren. Üblicherweise wird eine solche Strafe dann zu lebenslänglicher Haft umgewandelt. In der Provinz Qinghai wurden nach Medienberichten in der vergangenen Woche 70 Menschen in Zusammenhang mit Selbstverbrennungen festgenommen.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de