Der Dollar ist an den Devisenmärkten derzeit nicht wohlgelitten. Reuters

Der Devisenmarkt droht aus den Fugen zu geraten. Der erneute Einbruch des Nikkei-Index hat die Flucht der Anleger aus Risikoanlagen noch beschleunigt. Hauptprofiteur der Bewegung ist nicht die klassische Reservewährung Dollar, sondern der Yen. Anleger aus Nippon haben damit begonnen, Positionen im Ausland aufzulösen, und die frei werdenden Mittel in den Yen zurückzuführen. Die japanische Währung ist am Donnerstagmorgen auf ein neues Zweimonatshoch gegen den Greenback gestiegen. Aber auch der Euro zieht kräftig gegen die US-Währung an.

Auf den ersten Blick macht die Dollarschwäche wenig Sinn. Die anhaltenden Spekulationen um eine Drosselung der Anleihekäufe durch die US-Notenbank sowie die Verwerfungen an den internationalen Finanzmärkten sollten die Reservewährung Dollar eigentlich stützen. Dass dem nicht so ist, liegt vor allem an Japan. Dort steigt die Skepsis gegenüber den Plänen der Regierung unter Premier Shinzo Abe und Notenbankgouverneur Haruhiko Kuroda, Japan aus der Deflation zu führen.

Die Folge ist nicht nur ein Abverkauf des Nikkei, sondern damit verbunden auch eine Wiederentdeckung des Yen. Die Ankündigung der Bank of Japan, die Geldbasis bis Ende kommenden Jahres zu verdoppeln, hatte den Dollar von 80 Yen im November auf über 103 Yen Mitte Mai geführt. Mit den Zweifeln an "Abenomics" geht diese Phase der Dollarstärke nun aber zu Ende. Die US-Währung notiert aktuell um 94 Yen, und viele Marktbeobachter schließen nicht aus, dass der Greenback in den kommenden Tagen bis auf 90 zurückfallen wird.

Japanische Anleger ziehen sich aus dem Ausland zurück

Die Analysten von Nomura sprechen von einer veränderten Marktpsychologie, die sich auch in den Kapitalflüssen bemerkbar mache. Nachdem Ende vergangenen Jahres japanische Investoren ihre Portfolios wegen der Yen-Schwäche noch stärker international ausrichteten, suchen sie nun wieder den sicheren Heimathafen auf. "Japanische Investoren haben im Mai ausländische Wertpapiere im Volumen von 30 Milliarden Dollar verkauft", heißt es bei Nomura. Diese Verkäufe stützen natürlich den Yen.

Ein anderer Grund für die Yen-Stärke ist die Auflösung sogenannter Carry-Trade-Positionen. Beim Carry-Trade nehmen ausländische Investoren Kredite in Währungsräumen mit niedrigen Zinsen auf und investieren die Mittel in höher rentierende Devisen. Angesichts von Marktzinsen, die zu den niedrigsten der Welt gehören, ist der Yen seit Jahren eine beliebte Carry-Trade-Basis. Bei einer steigenden japanischen Währung verliert diese Handelsstrategie jetzt aber an Attraktivität. Die Positionen werden aufgelöst und die freiwerdenden Mittel in den Yen zurückgeführt.

Aber nicht nur die Yen-Stärke, auch die Euro-Stärke hat die Anleger auf dem falschen Fuß erwischt. Viele Analysten erwarten den Euro zum Jahresende im Bereich von 1,20 zum Dollar. Seit Ende Mai geht es für die Einheitswährung aber praktisch nur noch nach oben - von 1,2850 auf aktuelle Stände von 1,3330 Dollar. Wie Kathleen Brooks von Forex.com anmerkt, ist die Bewegung angesichts der sich ausweitenden Zinsdifferenzen beider Währungsräume ungewöhnlich und steht auf wackligen Beinen.

Stärke des Euro zum Dollar verwundert etwas

Die Sorge der Anleger vor einer Drosselung der Anleihekäufe durch die Federal Reserve hat in den vergangenen Wochen zu einem starken Anstieg der Marktzinsen an den US-Anleihemärkten geführt. Die Rendite von Treasurys ist innerhalb kurzer Zeit von 1,60 auf rund 2,20 Prozent gestiegen. Zugleich sind zwar auch die Renditen von Bundesanleihen gestiegen - aber bei weitem nicht so stark wie in den USA. Eigentlich sollte der Greenback von der relativ höheren Verzinsung im Dollarraum profitieren, tut er aber nicht.

Gründe dafür gibt es mehrere. Nomura verweist unter anderem auf die Auflösung von Handelspositionen durch Anleger aus der Eurozone. Fast 70 Prozent der Zuflüsse in die Anleihemärkte der Schwellenländer in den vergangenen Monaten stammten aus dem Gemeinsamen Währungsraum. Gerade die Finanzmärkte der Schwellenländer sind mit den jüngsten Turbulenzen aber unter die Räder gekommen. Die Folge ist das Schließen von Marktpositionen und die Rückführung von Geldern vor allem in den Euroraum.

Daneben verweisen Händler immer wieder auf die Pressekonferenz von Mario Draghi im Anschluss an die jüngste EZB-Sitzung. Dort hatte sich der EZB-Präsident vorsichtig optimistisch zu den Aussichten der Eurozone geäußert. Auch wenn Europa weiter unter der Rezession leidet, so scheint sich die wirtschaftliche Lage doch zu stabilisieren. Leitzinssenkungen jedenfalls zeichnen sich bis auf weiteres nicht ab, genauso wenig wie negative Einlagesätze für die Geschäftsbanken bei der EZB. Auch das stützt den Euro.

Wichtigster Impulsgeber für den Devisenmarkt wird nun die Offenmarktsitzung der US-Notenbank Mitte nächster Woche. Zumindest bis dahin dürfte es an den Märkten turbulent weitergehen.

Kontakt zum Autor: manuel.priego-thimmel@dowjones.com