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Die Flut hat in Deutschland ein altes Thema wieder an die Oberfläche gespült: Eine Versicherungspflicht für alle Hauseigentümer. Besonders in den besonders betroffenen Hochwasserregionen ist die Debatte in Gang gekommen, in die sich nun auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung einschaltet.

Angesichts der gewaltigen Schäden und der wiederkehrenden Hochwasserereignisse fordern die Ökonomen des DIW eine deutschlandweite Versicherungspflicht gegen alle Elementarschäden. Der Preis ist hoch, bis zu 550 Euro könnten auf Hauseigentümer jährlich zukommen.

Alle Elementarschäden – also nicht nur die Folgen von Hochwasser, sondern auch die von Starkregen, Erdbeben, Lawinen und ähnliche Ereignisse – sollen nach Meinung des DIW per Versicherungspflicht gebündelt abgesichert werden. Für Gebäude in Flussnähe müssten Eigentümer gegebenenfalls höhere Prämien oder einen höheren Selbstbehalt einkalkulieren als diejenigen, deren Haus auf einer Anhöhe steht.

Zwischen 150 und 550 Euro jährlich würde eine solche Zwangsabsicherung kosten, hat das DIW errechnet, der Selbstbehalt würde je nach Risikozone zwischen 1.500 und 15.000 Euro liegen. Die Beiträge ließen sich aber senken, sagen die DIW-Experten, indem Eigentümer ihre Immobilie schützen, etwa durch wasserdichte Kellerfenster in Hochwasserregionen.

Bei Extremschäden sehen sie allerdings auch künftig den Staat in der Pflicht. Bis zu einer Gesamtschadenssumme von 8 Milliarden Euro müssten die Versicherer für die Kosten aufkommen. Für alles, was darüber hinaus gehe, solle der Staat einen Rettungsschirm aufspannen. Alles in allem komme ein solches Arrangement billiger, als wenn bei großen Fluten wie jetzt Milliardensummen als Soforthilfe aufzubringen seien, argumentieren die DIW-Ökonomen.

Wie bei der Elbeflut von 2002 haben Bund und Ländern gerade einen nationalen Aufbaufonds vereinbart, der 8 Milliarden Euro Hilfsgelder für die betroffenen Gebiete bereitstellen soll.

Die Idee einer Pflichtversicherung findet auch auf politischer Seite Unterstützung. Am Donnerstag sprachen sich die Justizminister der Bundesländer für eine Versicherungspflicht aus. Für die Länder ist der nationale Aufbaufonds nur schwer zu finanzieren.

Gegner des Vorschlags ist vor allem die Versicherungsbranche. Eine Versicherungspflicht für Elementarschäden schaffe Fehlanreize und sei zudem ungerecht, argumentiert der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft GDV. Er spricht von einem „Feigenblatt", das das eigentliche Problem nicht löse. So fehle jeglicher Anreiz für bauliche Schutzmaßnahmen, weil im Schadensfall die Versicherung zahle. „Wer würde da freiwillig in geflieste Keller, Schutzmauern oder dichte Fenster investieren?"

Auch die Allianz als größter deutscher Erstversicherer lehnt die Versicherungspflicht ab. Sie sei „unfair und somit eine staatlich verordnete Zusatzsteuer", sagte Mathias Scheuber, Schadensvorstand bei der Allianz Versicherungs-AG. Auch würden falsche Signale gesetzt, da eine falsche Siedlungspolitik in den hochwassergefährdeten Gebieten unterstützt werde.

Aus Sicht der Versicherungen ist die Versicherungspflicht auch unnötig, weil in Deutschland fast alle Häuser versicherbar seien. Für unter 1 Prozent sei eine Absicherung unmöglich – oder für die Kunden unbezahlbar. Trotzdem haben in Deutschland lediglich 30 Prozent aller Versicherten einen Elementarschutz für Gebäude, so der GDV.

Auch die Versicherungsbranche sieht nach der jüngsten Jahrhundertflut aber die Notwendigkeit, beim Hochwasserschutz enger mit der Politik zusammenzuarbeiten. Wie der DIW erwarten sie eine Häufung von Naturkatastrophen. Überschwemmungen sind nach Angaben der Geneva Association, dem Forschungsinstitut der Versicherungsbranche, dabei „die am häufigsten eintretende Naturkatastrophe".

Allein 2010 waren 178 Millionen Menschen von Flutereignissen betroffen, die volkswirtschaftliche Schäden von rund 31 Milliarden Euro verursachten. Zudem treten Hochwasser immer häufiger auf: Gab es 1950 noch lediglich 20 Überflutungen stieg ihre Zahl bis 2010 auf 200 bis 250 an.

Kontakt zum Autor: Alexandra.Edinger@wsj.com