Nur Tage bevor der Internetaktivist Aaron Swartz sich erhängte, zerschlugen sich die Hoffnungen des 26-Jährigen auf einen Deal mit den nationalen Strafverfolgungsbehörden in den USA.

Aaron Swartz arbeitete als Teenager am RSS-Standard mit und war ein früher Einsteiger bei der Social-News-Website Reddit. dapd

Swartz war Verfechter eines freien Zugangs zu Informationen. Laut Anklage soll er vor zwei Jahren das Computernetzwerk des Massachusetts Institute of Technology (MIT) genutzt haben, um aus einer kostenpflichtigen Datenbank fast fünf Millionen wissenschaftliche Artikel herunterzuladen. Teile der Internet-Community sahen in ihm eine Art Robin Hood des Informationszeitalters.

Die Behörden sahen das jedoch anders und drohten damit, ihn mehr als drei Jahrzehnte hinter Gitter zu bringen. Swartz Anwalt, Elliot Peters, lotete im vergangenen Herbst einen juristischen Deal mit dem Staatsanwalt Stephen Heymann aus. In einem Interview am Sonntag sagte er, dass die Regierung darauf bestand, dass sich Swartz in jedem Anklagepunkt für schuldig bekennt. Außerdem hätten die Behörden auf die komplette geforderte Haftstrafe von 35 Jahren bestanden.

Anwalt: Staatsanwalt hat sich nicht bewegt

Peters sprach vergangenen Mittwoch erneut mit dem Staatsanwalt, um nochmals einen Kompromiss zu verhandeln. Staatsanwalt Heymann hätte sich keinen Zentimeter bewegt, behauptet er. Heymann nahm am Sonntag keine Stellung.

Nachdem klar war, dass sich die US-Regierung nicht bewegen würde, wurde Swartz bewusst, dass er einen teuren und schmerzvollen öffentlichen Prozess vor sich hatte, sagte seine Freundin Taren Stinebrickner-Kauffman am Sonntag. Die Anklage hatte zu diesem Zeitpunkt bereits große finanzielle Verluste für den jungen Programmierer bedeutet. Für die Verteidigung hätte er sich verschulden müssen. Erst kürzlich wurden zwei seiner Freunde vor Gericht geladen. Beides – die Aussicht, sich Geld leihen zu müssen, und die Tatsache, dass Freunde vor Gericht geladen wurden – hätte Swartz stark belastet, sagte seine Freundin. Es war bekannt, dass er unter Depressionen litt.

„Es fiel ihm zu schwer, nach Hilfe zu fragen und diesen Teil seines Lebens öffentlich zu machen", führte sie aus. „Leute nach Geld zu fragen, das konnte er nicht."

Seit Freitag ist Swartz tot. Der 26-Jährige wurde von seiner Freundin in ihrer gemeinsamen Wohnung in dem New Yorker Stadtteil Brooklyn aufgefunden. Er hatte sich mit einem Gürtel erhängt, sagte ein Polizist, der mit dem Fall vertraut ist.

Einen Abschiedsbrief hinterließ Swartz nicht, sagte der Beamte. Eine Sprecherin des Gerichtsmedizinischen Instituts New York erklärte, dass die Obduktion am Samstag durchgeführt wurde. Als Todesursache wurde Suizid durch Erhängen festgestellt.

Die Gründe, warum jemand zu einem so drastischen Schritt wie einer Selbsttötung greift, sind komplex und können nur selten auf einen einzigen Auslöser zurückgeführt werden, behaupten Experten. Swartz Familie und Freundin Stinebrickner-Kauffman sind allerdings überzeugt, dass übereifrige Strafverfolgungsbehörden eine Rolle gespielt haben.

Familie erhebt schwere Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft

„ Aarons Tod ist nicht einfach nur eine persönliche Tragödie", schrieben sie in einem im Web veröffentlichten gemeinsamen Statement. „Er ist das Produkt eines kriminellen Justizsystems, in dem Einschüchterungen und ungerechte Vorwürfe weit verbreitet sind."

Das Büro des Staatsanwalts wollte mit Hinweis auf die Privatsphäre der Familie am Sonntag keine Stellung nehmen. In einer Pressemeldung zur Anklageerhebung von Juli 2011 sagte der verantwortliche US-Staatsanwalt Carmen Ortiz allerdings: „Diebstahl ist Diebstahl – egal, ob man einen Computer oder eine Brechstange benutzt."

Der Druck der Anklage lastete schwer auf Swartz, von dem Freund sagen, dass er bereits seit längerem unter depressiven Episoden litt. Cory Doctorow, Freund des Angeklagten und Autor des Blogs BoingBoing, schrieb in einem langen Artikel, dass Swartz seit Jahren mit seiner Depression kämpfte und darüber auch öffentlich schrieb.

Ein düsterer Blog-Artikel von Swartz aus dem Jahre 2007 trug den Titel „Der Tag, an dem sich Aaron umbringt". Sein Arbeitskollege Alexis Ohanian, Mitgründer der Website Reddit, war nach eigenen Angaben so besorgt, dass er die Polizei rief.

Psychologen sind vorsichtig, einen einzelnen Grund zu benennen, wenn sich jemand das Leben nimmt. „Ich bin mir sicher, dass die Anklage für ihn ein Stressfaktor war", sagte Gregory Eells, Direktor des psychologischen Beratungsdienstes an der Cornell University. „Es ist aber immer problematisch, zu sagen, dass das der einzige Grund war." Eeells sind die Details des Falls nicht bekannt.

Talentierter Programmierer

Swartz Leben begann hoffnungsvoll. Als Teenager half er dabei, eine Technologie namens RSS zu schaffen. RSS erlaubt Websites Aktualisierungen an Abonnenten über das Web zu melden. Er brach ein Studium an der Stanford University ab und gründete das Start-up Infogami, das von Reddit übernommen wurde. Auf Reddit können die Leser Links zu Artikeln veröffentlichen, wobei die populärsten am weitesten oben stehen.

Vor einigen Jahren verursachte Swartz einigen Wirbel, als er etwa 20 Millionen Seiten an Gerichtsdokumenten von der kostenpflichtigen Website Pacer herunterlud, indem er einen kostenlosen Zugang ausnutzte, der an Bibliotheken vergeben wurde. Seinem Anwalt zufolge wurde deshalb niemals eine Anklage erhoben und damit keine Straftat begangen. Letztlich brachten ihn seine Bemühungen, Online-Inhalte frei zugänglich zu machen, jedoch mit dem Gesetz in Konflikt.

2011 wurde Swartz verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, dass er sich in das Computer-Netzwerk des Massachusetts Institute of Technology (MIT) eingeloggt habe, um Millionen akademischer Artikel aus einer Datenbank namens JSTOR herunterzuladen, die einer Nonprofit-Organisation gehört.

Laut Anklage kaufte Swartz im September 2010 ein Acer-Laptop und verband ihn noch am gleichen Tag mit dem MIT-Netzwerk. Demnach registrierte er sich als Gast unter dem Namen Gary Host und nannte seinen Laptop „ghost laptop" – „Geister-Laptop". In den folgenden Monaten nutzte er angeblich diesen und einen anderen Computer, um automatisch Wissenschaftsjournal-Artikel herunterzuladen. Mit JSTOR und der Universität spielte er dabei ein Katz- und Mausspiel. Man versuchte, den unbekannten Eindringling aus dem Netzwerk auszuschließen.

Einsatz für Informationsfreiheit

Swartz Ziel war es laut Freunden nicht, die Artikel aus persönlichem Interesse zu stehlen. Er wollte sie öffentlich verfügbar machen. Das Ziel hat er noch erreicht: Am vergangenen Mittwoch machte JSTOR nach einer zehnmonatigen Testphase sein Archiv für die Öffentlichkeit frei zugänglich.

„Wir sind über die Nachricht vom Tod Aaron Swartz' tief betroffen ", schrieb JSTOR auf seiner Website am Samstag. Nach Angaben der Organisation hat JSTOR den Behörden mitgeteilt, dass eine Anklage gegen Swartz nicht in ihrem Interesse sei.

Der Prozess sollte am 1. April beginnen. Swartz war wegen Überweisungsbetrug, Computerbetrug, dem unrechtmäßigen Eindringen in Computersysteme und der fahrlässigen Beschädigung geschützter Computersysteme angeklagt. Die Anklage forderte eine Haftstrafe von 35 Jahren und eine Geldstrafe von einer Million US-Dollar. In einer neuen Anklage, die im September erhoben wurde, erweiterten die Strafverfolger die Anklagepunkte noch um 13 weitere, wodurch die Haftstrafe sogar noch länger hätte ausfallen können.

Die Regierung wies darauf hin, dass Swartz möglicherweise nur sieben Jahre im Gefängnis verbringen müsse und zeigte sich gewillt, die Haftstrafe auf sechs bis acht Monate zu reduzieren, falls sich Swartz schuldig bekennen würde, sagte eine mit der Sache vertraute Person. Doch Swartz wollte nicht ins Gefängnis.

„Ich glaube, Aaron war verängstigt und fassungslos, dass sie ihm gegenüber diese unglaublich unnachgiebige Haltung zeigten", sagte sein Anwalt Peters. „Er wollte nicht ins Gefängnis. Er wollte kein Verbrecher sein."

Stinebrickner-Kauffman kam im Juni 2011 mit Swartz zusammen, einen Monat vor der Anklage. Sie lebte mit ihm seit einigen Monaten in einer Wohnung in Brooklyn. Sie habe keine Anzeichen für eine Depression in den vergangenen Wochen gesehen, sagte sie.

Neben seinen Sorgen um Geld und seine Freunde wühlte ihn besonders auf, dass sich das MIT nicht hinter ihn stellen würde, führte Stinebrickner-Kauffman aus. Swartz Vater Robert sagte in einem Interview am Sonntag, dass es eine „Tragödie" sei, dass das MIT die Strafverfolgung nicht gestoppt habe.

MIT-Rektor ordnet Untersuchung an

MIT-Rektor L. Reafel Reif drückte in einer E-Mail an Universitätsangehörige Bedauern über die Rolle aus, welche seine Universität in dem Fall gespielt habe. Reif schrieb, er habe eine Untersuchung des Falls angeordnet.

Trotz der Anklage hatten Swartz und seine Freundin ihr normales Leben weitergeführt. Vergangenen Mittwoch besuchte das junge Paar ein privates Treffen von Aktivisten aus aller Welt, darunter auch einige Freunde, die sie lange nicht mehr gesehen hatten. Am nächsten Tag gingen sie nach der Arbeit aus und tranken etwas.

Auch am Todestag selbst schien laut Stinebrickner-Kauffman alles ganz normal: Nach einem spielerischen „Kitzelkampf" am Morgen habe sie die gemeinsame Wohnung in Richtung ihres Arbeitsplatzes verlassen. Ihr Freund habe gesagt, er bleibe zu Hause, um sich auszuruhen.

Im Laufe des Tages habe sie ihrem Freund mehrfach SMS-Nachrichten geschickt – doch das Telefon war ausgeschaltete. Das sei aber nicht ungewöhnlich gewesen, sagte sie. Dennoch wusste sie, dass es ihm schlecht ging und machte sich um ihn Sorgen.

Swartz habe häufig davon gesprochen, „sich in den Schmerz hinein zu lehnen." Wenn etwas kompliziert war, war er überzeugt davon, dass es besser sei, mit dem Schmerz umzugehen, statt davor wegzulaufen. Doch „diesmal ist er in den Schmerz hineingefallen", sagte seine Freundin.

Mitarbeit: Matthew Lynley und Pervaiz Shallwan

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