Das 100. Volkswagen-Werk in Silao, Mexiko. Volkswagen

SILAO/MEXIKO — Damit die Vision der Volkswagen -Chefetage, in spätestens fünf Jahren die automobile Weltmacht Nummer eins zu werden, Wirklichkeit werden kann, muss der Konzern weiter wachsen. Nahezu überall auf der Welt kämpft Europas größter Automobilkonzern deshalb um Marktanteile, und ein wesentlicher Teil der Strategie basiert auf der ebenso globalen Verteilung der Produktion von Autos, Motoren und anderen Komponenten. Mit Ausnahme von Australien ist das Unternehmen aus Niedersachsen auf allen Kontinenten vertreten.

Am Dienstag eröffnete Vorstandschef Martin Winterkorn im Beisein des mexikanischen Staatspräsidenten Enrique Peña das weltweit 100. Werk in der Stadt Silao. Das Motorenwerk stehe stellvertretend für eines der größten und internationalsten Produktionsnetze in der Automobilindustrie, sagte der VW-Chef stolz. Silao sei ein starkes Symbol für den ungebrochenen Wachstumskurs von Volkswagen.

Volkswagen - made in ...

In Silao bauen künftig mehr als 700 Mitarbeiter spritsparende Benzinmotoren zusammen, die anschließend in den VW-Werken in Chattanooga (Tennessee) und Puebla (Mexiko) eingesetzt werden. 550 Millionen US-Dollar wurden in Silao investiert.

100 Werke weltweit - da kann kaum ein anderer Autohersteller mithalten: Toyota, nach Absatz die Nummer eins auf dem globalen Automarkt, unterhält insgesamt 91 Produktionsstätten - 31 davon in Japan und 60 über den ganzen restlichen Globus verteilt. General Motors kommt global gesehen auf rund 165 Standorte.

Der Abstand zu GM dürfte in den nächsten Jahren jedoch abnehmen. Während der Expansionsdrang bei Volkswagen schier unaufhaltsam scheint, treten Wettbewerber inzwischen spürbar auf die Bremse.

So berichtete die japanische Tageszeitung Nikkei erst vor einigen Tagen, dass Toyota Pläne für den Bau neuer Werke für drei Jahren auf Eis gelegt hat. Auch General-Motors-Chef Dan Akerson verkündete unlängst Ähnliches. Eher will GM weitere Werke dicht machen.

Im Zuge des Insolvenzverfahrens nach Chapter 11 haben die Amerikaner bereits einige Fabriken geschlossen. Im defizitären Europa-Geschäft soll in wenigen Jahren die Opel-Produktion in Bochum auslaufen. Der VW-Konzern dagegen wird allein 2013 noch an drei Standorten in China sowie in einem Lkw-Werk der Tochter MAN in Russland neue Produktionsanlagen in Betrieb nehmen.

Regional ist Volkswagen so breit aufgestellt wie kaum ein anderer Autobauer. Gut ein Viertel der Werke steht in Deutschland, das größte ist das Stammwerk in Wolfsburg mit mehr als 50.000 Beschäftigten. Die restlichen Produktionsstätten verteilen sich auf sämtliche Kontinente, lediglich in Australien hat VW kein Werk.

Die globale Ausrichtung macht Volkswagen nicht nur unabhängiger von Schwankungen auf einzelnen Märkten, sondern hilft auch, Importzölle zu umgehen, Transportkosten zu minimieren und die Auswirkungen von Wechselkursschwankungen zu begrenzen. Branchenexperten sehen darin eines der zentralen Erfolgsgeheimnisse des niedersächsischen Automobilimperiums, das sich seit Jahren auch in konjunkturell schwierigen Fahrwassern sowohl beim Absatz als auch beim Ertrag überdurchschnittlich gut schlägt.

Obwohl VW seine Produktion im Inland zwischen 2007 und 2011 um gut ein Viertel nach oben schraubte, stieg auch der Anteil der im Ausland produzierten Autos - von rund 66 auf fast 70 Prozent. Wurden 2007 insgesamt 4,13 Millionen Fahrzeuge außerhalb Deutschlands hergestellt, waren es 2011 schon rund 5,85 Millionen - ein Plus von über 40 Prozent.

Der Aufbau außereuropäischer Kapazitäten liegt in der Autobranche seit Jahren im Trend. Audi kündigte beispielsweise erst vor wenigen Monaten den Bau eines Standorts in Mexiko an, BMW erweitert ein Werk in China und will ein neues in Brasilien hochziehen. Während der europäische Automobilmarkt seit Jahren schrumpft, wächst die Nachfrage in aufstrebenden Volkswirtschaften wie China, Brasilen und Russland stetig.

Wo baut Volkswagen seine Fahrzeuge?

Kaum ein anderer Hersteller geht den Weg der Internationalisierung so konsequent wie Volkswagen. Viel strategischen Weitblick bescheinigen deshalb Branchenexperten. Früh dran war VW in Schwellenländern - zum Beispiel in Brasilien, wo das Unternehmen schon wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aktiv wurde mittlerweile fast ein Viertel des Marktes beherrscht.

Ein anderes Paradebeispiel ist China. 1985, damals war Carl Hahn Vorstandschef und der heutige Aufsichtsratschef und Firmenpatriarch Ferdinand Piech lenkte die Geschicke von Audi, ging VW das erste Joint Venture mit dem chinesischen Autobauer SAIC ein.

Keine Handvoll Hersteller war im Reich der Mitte seinerzeit aktiv, als die breite Masse der Chinesen von einem eigenen Auto noch nicht zu träumen wagte. Als erster Volkswagen made in China lief das Modell Santana vom Band, seinerzeit die automobile Oberklasse der Marke und ein Fahrzeug für Parteifunktionäre. Bereits 1991 gründete VW dann sein zweites Gemeinschaftsunternehmen mit FAW.

Die Autoneuheiten aus Detroit

Heute ist die Volksrepublik ist nicht nur der größte Automarkt der Welt, sondern auch der wichtigste Einzelmarkt für den VW-Konzern. 2012 lag der Absatz dort bei gut 2,8 Millionen Fahrzeugen, das ist weit mehr als ein Viertel des Gesamtabsatzes. Volkswagen kontrolliert mit seinen Marken mehr als ein Fünftel des gesamten chinesischen Automarktes.

Experten sagen der Branche in der Volksrepublik noch viele fette Jahre voraus, denn weite Teile Chinas sind nach wie vor kaum erschlossen, zugleich wächst die Mittelschicht rasant. Dieses Potenzial will VW ausbeuten. Mittlerweile gehört ein Dutzend Produktionsstandorte mit weit mehr als 45.000 Mitarbeitern in China zum Konzern.

Das Vorhaben, zum weltweit größten und erfolgreichsten Autobauer aufzusteigen, lässt sich VW einiges kosten. Die Präsenz in den USA und wichtigen Zukunftsmärkten soll deutlich ausgeweitet werden, weshalb weiter in Brasilien, China, Russland und Indien investiert wird. Alleine bis 2015 wird VW - inklusive seiner chinesischen Gemeinschaftsunternehmen - rund 60 Milliarden Euro in den Ausbau stecken. Das Gros dieser Rekordsumme wird in neue Fahrzeuge und Werke gehen.

Besonders wichtig ist dabei der Ausbau des Nordamerika-Geschäfts. Dort hat VW noch Nachholbedarf. In den USA liegt der Marktanteil gerade einmal bei drei Prozent. Mit dem neuen Werk in Silao treibe VW seine ehrgeizige Nordamerika-Offensive voran, sagte denn auch VW-Chef Winterkorn. Alleine in den kommenden drei Jahren werden die Wolfsburger nach seiner Aussage auf dem Kontinent mehr als 5 Milliarden US-Dollar in die Hand nehmen.

Kontakt zum Autor: nico.schmidt@dowjones.com