Beim Online-Supermarkt Amazon tummeln sich unter den vielen Produkt-Rezensenten immer mehr Amateur-Komiker. „Als ich das erste Kapitel las, dachte ich mir gleich: ‚Achtung, Harry Potter!'", schreibt zum Beispiel ein Rezensent über ein Buch namens „A Million Random Digits With 100,000 Normal Deviates" (Eine Million zufällige Zahlen mit 100.000 normierten Abweichungen). Das Buch, das auf 600 Seiten nichts als Zahlenreihen auflistet, wurde auf dem US-Auftritt des Online-Versandhauses schon von 400 Amazon-Besuchern besprochen – meistens als Scherz.

„Fast perfekt", schreibt ein weiterer Nutzer über das 60 Jahre alte Nachschlagwerk für Mathematiker und Statistiker. „Doch bei so vielen tollen Zahlen ist es schade, dass die Autoren sie nicht sortiert haben, damit man die Zahl, die man sucht, schneller findet." Andere beschwerten sich, dass die Zahlen zwar wie erhofft zufällig angeordnet, die Seitenzahlen aber aufsteigend sortiert seien.

Video auf WSJ.com

Smart-aleck customers are flexing their comedy muscles on Amazon, with snarky reviews and silly photos of products like banana slicers and fresh whole rabbit. WSJ's Michael M. Phillips reports.

Einige Produkte sind besonders starke Magneten für nicht ganz ernst gemeinte Rezensionen, zum Beispiel ein Buch zum Thema „Wie man riesigen Schiffen ausweicht" von John W. Trimmer und der Hutzler 571 Bananenzerteiler, ein gelbes Plastikgerät, das Bananen in gleich große Scheiben schneidet.

„Die Kreativität unserer Kunden überrascht uns immer wieder", sagt eine Sprecherin von Amazon. Trimmers Anleitung über die Sicherheit auf den Weltmeeren gewann 1992 einen Preis für den seltsamsten Buchtitel und ist heute vergriffen. Doch im Internet lebt das Buch weiter – zumindest für die Rezensenten.

„Das Buch liest sich wie eine Detektivgeschichte", schreibt einer und kürt das Werk mit fünf Sternen. „Ich habe auch schon Kapitän Trimmers andere Werke gekauft: ‚Wie man einem Zug ausweicht' und ‚Wie man dem Empire State Building ausweicht'." Über 1.500 Amazon-Kunden haben angegeben, dass sie diese Rezension hilfreich fanden.

„Das Buch hat mein Leben und meinen Verstand gerettet", schrieb ein Kunde im Jahr 2012. „Vor acht Monaten merkte ich erstmals, dass mich ein riesiges Schiff verfolgt. Ich hatte Angst, weil schon meine Eltern von einem großen Schiff umgebracht wurden, als sie vor vier Jahren mit dem Hund Gassi gingen. Bis heute habe ich Albträume davon." Der Rezensent gab dem Buch nur vier Sterne, „weil es nicht rechtzeitig erschien, um meinen Eltern das Leben zu retten".

Drei-Sterne-Rezension einer Dose Uran-Erz. Images Scientific Instruments

Angebliche Käufer des „frischen ganzen Hasen" für 45,90 Dollar zeigten sich überrascht über das, was schließlich mit der Post kam. „Er war tot!", beschwert sich ein Rezensent aus Kalifornien. „Ich habe den Hasen für meine Kinder zu Ostern gekauft. Sie haben den ganzen Tag geweint. Die Ostereisuche war ruiniert. Vielleicht war der Hase am Leben, als er eingepackt wurde, aber die Kiste hatte keine Löcher."

Fast 11.500 Amazon-Nutzer fanden diese Drei-Sterne-Rezension einer Dose Uran-Erz hilfreich: „Ich habe dieses Produkt vor 4,47 Milliarden Jahren gekauft, und als ich sie heute öffnete, war sie halb leer."

John Iovine, Vorsitzender der Firma Images SI, die das Produkt anbietet, hält jede Art von Werbung für vorteilhaft. „Nach 100 oder 200 Rezensionen muss man einfach loslassen und es akzeptieren", sagt er. Ein Amazon-Manager hat ihm bereits zum „Kultstatus" des Produkts gratuliert.

Der Hutzler 571 Bananenzerteiler hat schon 4.000 Rezensionen generiert. „Ich musste das Produkt zurückschicken, weil es nur Bananen zerteilt, die nach rechts gebogen sind. Ich kann aber nur Bananen finden, die nach links gebogen sind", beschwerte sich ein Kunde.

Kein Stromkabel dabei

„Man stelle sich meine Enttäuschung vor, als ich die Schachtel öffnete und merkte, dass kein Stromkabel dabei war", schrieb ein anderer. „Das hier könnte das beste Produkt seit dem Bierzerteiler sein, aber ich werde es nie wissen."

„Seit Jahrzehnten suche ich nach einer Methode, um Bananen perfekt zu schneiden", schreibt ein Kunde. „Nimm ein Messer, sagen manche. Das hat mir aber mein Bewährungshelfer verboten. Schieß mit einer Pistole drauf, sagen andere. Für eine Waffe bräuchte ich jedoch ein gutes Führungszeugnis."

Monique Haas, stellvertretende Vorsitzende des Familienbetriebs Hutzler Manufacturing Co., bezweifelte selbst, ob die Welt wirklich ein neues Gerät zum Schneiden von Bananen braucht, als die Designer ihre Idee präsentierten. Doch als ihre Kinder das 3,59 Dollar teure Gerät ausprobierten, gewöhnte sie sich an die Idee. Und auch die Scherzrezensionen haben zum Erfolg des Produkts beigetragen.

Das Schweizer Offiziersmesser mit Schatulle Giant von Wenger. Wenger SA

Auch die Damen-Kugelschreiber „For Her" von BIC sind zum Thema einiger sarkastischer Rezensionen geworden. „Durch die filigrane Form und die Pastellfarben ist dieses Produkt perfekt zum Beschriften von Rezeptkarten, um Überweisungen an meinen Psychologen auszufüllen (den ich wegen mehrerer Hysterieanfälle besuche) und um meinen monatlichen Zyklus zu dokumentieren", schreibt eine Rezensentin. „Natürlich nutze ich den Stift nicht für geschmacklose Zwecke wie für Rechenaufgaben oder um einen Wahlzettel auszufüllen. Bitten Sie Ihren Mann um etwas Taschengeld, damit Sie sich auch diesen Stift kaufen können!" Eine Packung mit 16 Stiften kostet 13,12 Dollar.

"Wir verfolgen gespannt die Diskussion um die Damenstifte und sind immer an Feedback von unseren Kunden interessiert", sagt Jill Johnson, Sprecherin von BIC USA.

Das Verfassen und Bewerten von lustigen Rezensionen erfreut sich auch in Deutschland großer Beliebtheit. Im deutschen Amazon-Store wird zum Beispiel ein Schweizer Offiziersmesser mit Schatulle von Wenger heiß diskutiert. Das Messer verfügt von Haus aus bereits über 87 Werkzeuge mit 141 Funktionen. Doch das scheint vielen Rezensenten noch längst nicht auszureichen.

Gartenhäuschen und Zaun ruiniert

So schreibt zum Beispiel der Nutzer Günther Hetzer, dass man bei der Lieferung durch die Schwerlast-Spedition darauf achten solle, wohin die Ware geht: „Bei mir haben sie es einfach in den Garten gestellt, Gartenhäuschen und Zaun waren gleich ruiniert." Ansonsten habe ihn das Messer jedoch mehr als überzeugt, wenn man auch gewisse Kompromisse eingehen müsse: So sei „der U-Bahn-Tunnelbohrer bei auftretendem Starkgeröll gerne mal aus der Verankerung gesprungen" und auch das Spiegelteleskop käme längst nicht auf die im „Handbuch versprochene Sichtweite von 8 Mrd Lichtjahren".

Ein anderer Rezensent sieht einige Schwächen bei den Produktionsstandards. So will er „zwischen den Funktionen #721 (Abrissbirne) und #722 (Skisprungschanze) zufällig einen Schweizer Ingenieur (Herr Ing. Meier) gefunden" haben. Dieser sei anscheinend bei der Montage des Taschenmessers vergessen und eingeschlossen worden, vermutet der „Käufer".

Andreas D ist zwar von der Lieferung durch Amazon begeistert – „Das Messer war zwei Tage vor meiner Bestellung da." – allerdings bemängelt er die „vielgerühmte Schweizer Genauigkeit". Die verbaute Cheops-Pyramide sei beispielsweise gut sieben Meter größer als das Original.

Imelda Marcos bemängelt vor allem, dass das Offiziersmesser kaum für Frauen geeignet sei. Ein elektronischer Fleischwolf sei nicht integriert, die Waschmaschine habe einen hohen Wasserverbrauch der begehbare Kleiderschrank sei viel zu klein und Fön, Glätteisen und Lockenstab fehlten komplett. Weiter schreibt sie: „Besonders enttäuscht bin ich allerdings von dem als „John Holmes Lookalike" angepriesenen Vibrator – dem eigentlichen Grund meines Giant-Messer-Kaufes – der so viel Strom verbraucht, dass einem der Einsatz von Batterien lediglich eine Vibrationsdauer von drei Minuten auf niedrigster Stufe beschert und daher überhaupt nicht lohnt."

Ein beliebtes Ziel von Spaßrezensenten ist auch ein Suborbital-Flug mit einem Lynx- Raumfahrtvehikel für 95.000 Euro (Gutschein). Seit 2010 im Angebot, wurde das Produkt bereits 43 Mal rezensiert. Ein „Fluggast" schreibt, dass schon der Start sehr lustig sei: „Das Flugzeug wird wie früher bei den Römern auf ein riesiges Holzkatapult gespannt." Im Weltraum angekommen sollte man dann vorsichtig beim Genießen das mitgeschmuggelten Weizenbieres sein: „durch die verringerte Schwerkraft schäumt es wie verrückt".

Ein Mitreisender fügt hinzu, dass der Anfang viel Spaß gemacht habe. „Als uns dann allerdings Aliens angriffen, artete das Ganze in Arbeit aus."

Kontakt zu den Autoren: michael.phillips@wsj.com und joergen.camrath@wsj.com