Nach den jüngsten Kurseinbrüchen kehren einige Investoren nun vorsichtig auf die Schwellenmärkte zurück. Sie suchen nach günstigen Aktien, Anleihen und Währungen. Doch die allgemeine Verkaufswelle hat den Anlegern einen Dämpfer versetzt. Sie machen sich jetzt viel wählerischer ans Werk als in der Vergangenheit.

Seit Mitte Mai haben sich die Märkte von Brasilien bis China auf Talfahrt begeben. Ausgelöst wurden die Kursrückgänge von der wachsenden Besorgnis der Marktakteure, die US-Notenbank Fed könnte ihre Anleihekäufe über monatlich 85 Milliarden US-Dollar bald einstellen. Damit würde der Zustrom billigen Geldes in die Schwellenmärkte genau zu einem Zeitpunkt versiegen, zu dem sich die Wachstumsaussichten in einigen dieser Länder eingetrübt haben. Am Dienstag hatte der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Prognose für die Weltwirtschaft im laufenden Jahr zurückgenommen und dafür als einen Hauptgrund das nachlassende Wachstum auf den aufstrebenden Märkten angeführt.

Anleger gehen bei Investitionen in Schwellenländern selektiver vor. Der mexikanische Peso steht derzeit in ihrer Gunst. AFP

Investoren, die sich auf die Käuferseite geschlagen haben, betrachten die Entwicklung allerdings aus einem anderen Blickwinkel. Nach zwei Monaten der Abflüsse, so argumentieren sie, sei ein Großteil der "spekulativen Gelder" von Hedgefonds und anderen Investoren mit kurzfristigem Investitionshorizont, die für eine Verteuerung der Anlagenpreise gesorgt hatten, aus dem Weg geräumt. An den eigentlichen Gründen, die sie überhaupt erst in diese Märkte gelockt hätten, habe sich kaum etwas geändert. Denn das Wachstum geht immer noch schneller vonstatten und die Renditen sind immer noch höher als in der industrialisierten Welt.

"In einigen Bereichen hat die Korrektur auch Chancen hervorgebracht", sagt Michael Gomez, der als Co-Leiter des Managementteams von Pacific Investment Management Co (Pimco) für das Schwellenländer-Portfolio der Investmentgesellschaft zuständig ist.

Die Anlagen, die sich in diesem Monat beachtlich geschlagen haben, haben wenig gemeinsam. Die Bandbreite reicht vom mexikanischen Peso bis hin zu Aktien aus Nahostländern. Damit wird deutlich, dass der mögliche Entzug der Zentralbankstimulanzien die Investoren dazu zwingt, selektiver über ihre Anschaffungen zu entscheiden. Nachdem sie ihre Strategien für die aufstrebenden Länder neu bewertet haben, verlegen sich die Anleger nun auf Länder, die ihre Bilanzen aufgebessert haben und die nicht auf die Finanzierung von außen angewiesen sind, um Wachstum zu generieren.

Der 13,5 Milliarden Dollar schwere Pimco Emerging Local Bond Fund hat vor kurzem mexikanische und brasilianische Anleihen gekauft. Mexikos Staatsfinanzen sind in starker Verfassung und in Brasilien locken hohe Renditen. "Es ist schwer, ein vergleichbares Land mit einer einigermaßen soliden, erstklassigen Bonität zu finden, das so viel abwirft", sagt Gomez über brasilianische Schuldtitel. Die Rendite der zehnjährigen, auf Real lautenden brasilianischen Anleihen erreichte am Freitag 10,97 Prozent. Anfang Mai war sie noch zu 9,61 Prozent gehandelt worden. Die maßgebliche zehnjährige US-Treasury dagegen rentierte am Freitag mit 2,603 Prozent.

Masssenflucht aus Aktien und Anleihen

Im Juni flohen die Investoren in Scharen aus Aktien- und Anleihefonds aufstrebender Länder. Nach Berechnungen von EPFR Global zogen sie den Rekordbetrag von 37 Milliarden Dollar ab. Rekorde verbuchte auch der Dollar, und zwar gegenüber der türkischen Lira und der indischen Rupie. Gegenüber vielen anderen Währungen notierte die US-Währung so hoch wie schon seit Jahren nicht mehr.

In Brasilien hatten das schleppende Wachstum und die hohe Inflation die Marktteilnehmer alarmiert und zu Verkäufen bewegt. Doch während die Massenflucht am schlimmsten wütete, wurde kaum eine aufstrebende Nation verschont. Selbst Länder, die bei den Investoren aufgrund ihres stetigen Wachstums und ihres verlässlichen politischen Kurses hoch angesehen sind, gerieten schwer unter Druck. Diese Gruppe habe jetzt Anlagen zu attraktiven Preisen zu bieten, meinen Marktakteure.

Der mexikanische Peso, zum Beispiel, ist bereits wieder auf dem Weg der Erholung. Vor dem Rückschlag im Mai hatten sich die Währung und die Anleihen Mexikos mit am besten geschlagen. Die Käufer hatten darauf gesetzt, dass die eingeleiteten Wirtschaftsreformen des Landes Jahre stabilen Wachstums gewährleisteten. Als die Investoren dann in großem Stil Geld aus Mexiko herausschafften, brach neben den Anleihen auch der Peso ein. Er erreichte am 20. Juni ein Elf-Monats-Tief. Seitdem hat die mexikanische Landeswährung allerdings wieder vier Prozent zugelegt und erreichte im späten New Yorker Freitagshandel 12,8183 Pesos zum Dollar.

"Strukturell hat sich in Mexiko in den letzten paar Monaten nichts verändert", urteilt Thanasis Petronikolos, Leiter der Abteilung für Schuldtitel aus Schwellenländern bei Baring Asset Management in London, der über Vermögenswerte von 132,7 Millionen Dollar wacht. Er habe deshalb Mitte Juni angefangen, in den mexikanischen Peso zu investieren.

Boom wurde auch durch historisch niedrige Zinsen beflügelt

Einige Marktteilnehmer haben sich auf die Suche nach zusätzlichen Puffern gemacht, die künftige Drehbewegungen des Markts besser abfedern sollen. Dabei fallen Aktien von Erdöl- und Erdgasproduzenten aus Ländern des Nahen Ostens ins Auge, die sich besser gehalten haben als andere Schwellenmarktnationen. Der Index von MSCI, der Aktien aus sechs Energie produzierenden Ländern nachbildet, zu denen auch Katar und Saudi-Arabien zählen, kletterte in den vergangenen drei Monaten um 5,8 Prozent. Dagegen verbuchte der breiter gefasste MSCI-Aktienindex für aufstrebende Länder ein Minus von neun Prozent.

Diese positive Entwicklung gegen den Trend stellte sich ein, weil die Ölpreise jüngst angezogen haben, selbst während sich die meisten anderen Rohstoffe verbilligten. Außerdem sind die Währungen dieser Länder an den Dollar gekoppelt und werden daher nicht in Mitleidenschaft gezogen, wenn die US-Währung zum Höhenflug ansetzt. Allerdings sind die Aktien- und Anleihemärkte dieser Länder klein. Sich dort schnell zu engagieren und auch wieder flink den Rückzug anzutreten, wird dadurch erschwert.

"Es ist zwar schwieriger für ausländische Anleger, direkt in diese Märkte zu investieren. Aber andererseits sind die wirtschaftlichen Risiken minimal", meint Julie Dickson, Emerging-Market-Analystin bei Ashmore Investment Management. Die Firma hat 1,7 Milliarden Dollar in Aktien aus Schwellenländern gesteckt, darunter auch in Titel aus dem Nahen Osten.

Natürlich sollte nicht vergessen werden, dass der Boom in den Schwellenländern teilweise durch historisch niedrige Zinsen in den USA, Europa und Japan beflügelt wurde. Sie hatten die Investoren dazu veranlasst, sich für die Renditejagd andere Reviere zu suchen. Sollten die Zinsen nun wieder steigen, könnten die aufstrebenden Märkte sich einer länger anhaltenden Verkaufswelle ausgesetzt sehen. Einige Investoren zögern ohnehin schon mit einer Rückkehr und verweisen darauf, dass selbst die stärkeren Schwellenmärkte beim jüngsten Abschwung schwer gelitten hätten. Sie könnten für breiter angelegte Marktbewegungen in der Zukunft anfällig sein, geben sie zu bedenken.

Nichts überstürzen lautet die Devise

"Nur weil sich jetzt Chancen ergeben, heißt das nicht, dass wir auch in Zukunft so wie momentan eine schnelle Erholung oder eine Glättung der Wogen erleben werden", sagt Andres Calderon, Portfolio-Manager von Hansberger Global Investors, wo 5,4 Milliarden Dollar verwaltet werden. Sein Fonds hat im vergangenen Monat mexikanische Aktien gekauft. "Aber wir überstürzen dabei nichts", erklärt er.

Anschaffungen auf den aufstrebenden Märkten seien, selbst angesichts des niedrigeren Niveaus, zum jetzigen Zeitpunkt verfrüht, urteilt dagegen Stephen Jen, ein Partner beim Hedgefonds-Manager und Berater SLJ Macro Partners. Er hält es für wahrscheinlich, dass diese Länder in der zweiten Jahreshälfte noch einmal in die Knie gehen werden.

"Wenn die Fed damit anfängt, den Geldhahn zuzudrehen, und wenn dieser Prozess ein paar Monate lang aufrechterhalten wird, dann wird das Risiko, dass der Zufluss von Mitteln in die Schwellenmärkte plötzlich versiegt, eskalieren", ist Jen überzeugt. Er legt den Investoren ans Herz, ihre Engagements in Währungen aufstrebender Nationen zu vermindern.

Andere Investoren gehen von vornherein davon aus, dass sich der Himmel über den Schwellenmärkten ohnehin hier und da eintrüben wird, wenn die Unterstützung der Fed erst einmal ein Ende hat. "Es herrscht nicht mehr eitel Sonnenschein auf den Schwellenmärkten", sagt Michael Hansen, Stratege beim 1,7 Milliarden Dollar schweren Hedgefonds Global Evolution, der in Schuldtiteln in Ungarn, Südafrika und Russland anlegt. "Wir gehen in diese Länder und berücksichtigen dabei die Risiken. Wir wägen ab, was an Renditen und Aufschlägen geboten ist und dann sehen wir weiter."

—Mitarbeit: Erin McCarthy

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