Die USA importieren mehr Biokraftstoff – und das schüttelt den Weltmarkt für Zucker durch. Denn aus dem Rohstoff wird das Ethanol gemacht. Die Nachfrage der Vereinigten Staaten nach dem Kraftstoff, der aus Zuckerrohr und anderen pflanzlichen Stoffen gewonnen wird, dürfte die Zuckerbestände reduzieren und den Preisverfall aufhalten, meinen Rohstoffinvestoren.

Ethanol ist eine Form von Alkohol, die zumeist Benzin beigemischt wird. Die USA importieren es vor allem aus Brasilien. Das lateinamerikanische Land gewinnt den Großteil seines Ethanols aus Zuckerrohr. Die Importe der USA aus Brasilien sind in den ersten zehn Monaten des laufenden Jahres gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 750 Prozent gestiegen, wie Daten des US-Landwirtschaftsministeriums ergeben.

Die Nachfrage der USA nach Ethanol aus fremden Ländern ist sprunghaft angestiegen, nachdem ein Zoll, der 30 Jahre galt, im Januar auslief. Im kommenden Jahr dürften die Ethanol-Importe der USA aus Brasilien weiter steigen.

Das schlägt auf den 1,6 Billionen US-Dollar schweren Weltmarkt für Zucker durch. Rohstoffinvestoren, Analysten und Ethanolproduzenten glauben, dass die Öffnung von Amerikas Ethanolmarkt und die steigende Nachfrage sowohl in den USA als auch in Brasilien den Preisverfall beim Zucker stoppen könnten. In diesem Jahr sind die Preise für Terminkontrakte auf den Rohstoff um 17 Prozent gefallen, weil viele Investoren im nächsten Jahr eine reiche Ernte in Brasilien erwarten.

Schon vorher sind die Ethanol-Importe der USA aus Brasilien zeitweilig stark angestiegen, um dann wieder drastisch abzufallen. Aber diesmal könnte der Anstieg nachhaltig sein, glauben Analysten. Denn die heimische Ethanolproduktion der USA – dort wird der Alkohol vor allem aus Mais hergestellt – nimmt ab. Und die Regulierer in den USA verlangen von den Benzinherstellern, mehr Ethanol aus Zucker und weniger aus Getreide für ihre Mischungen zu verwenden.

Und je mehr von den Zuckerrohren zu Ethanol verarbeitet wird, desto weniger wird zu Rohzucker gemacht – das leert die Bestände und könnte so die Preise nach oben treiben. Das glaubt auch Kevin Kerr, Chef der Rohstoff-Anlageberatung Kerr Trading, die 250 Millionen US-Dollar verwendet. Er hat auf den Anstieg der Zucker-Futures im kommenden Jahr gewettet.

Auch Investorensorgen über schlechte Anbaubedingungen in Brasilien haben die Terminkontrakte steigen lassen. Jüngst hat eine Trockenperiode beim weltgrößten Anbauland für Zuckerrohr befürchten lassen, dass die Ernte des nächsten Jahres enttäuschen könnte.

Andere Beobachter denken, dass die Zuckerbestände in Brasilien so bald nicht ausgeschöpft sind. So schätzt die Internationale Zucker-Organisation in London, dass das Land im kommenden Jahr auf eine Rekordernte von 580 Millionen Tonnen kommt. Die Hälfte davon dürfte in die Ethanolproduktion gehen, so der Verband. Er geht von einem weltweiten Zuckerüberschuss von 6,2 Millionen Tonnen aus.

„Das dürfte die Zuckerpreise eine Weile unten halten", schätzt Sterling Smith, der als Futures-Spezialist bei der Bank Citigroup in Chicago arbeitet. Er kalkuliert: Wenn Brasilien tatsächlich eine Rekordernte einfährt, dürfte es mehr als genug Zuckerrohre geben, um die höhere Anfrage nach Ethanol zu bedienen.

Doch ob Brasilien genug Zuckerrohr anbaut, um die Nachfrage zu bedienen, oder nicht – die Stellung der USA als großer Verbraucher für den Biokraftstoff macht es schwer, die Zuckerpreise vorauszusehen, sagen Analysten. Brasilien hat in den ersten zehn Monaten dieses Jahres 1,27 Milliarden Liter Ethanol in die USA verschifft, um das Ethanol aus Getreide zu ersetzen. Die Produktion in den Staaten dürfte im kommenden Jahr um ein Zehntel auf rund 45 Milliarden Liter fallen, wie Schätzungen der US-Ministerien für Landwirtschaft und für Energie ergeben.

Ethanolproduktion in USA lohnt sich nicht mehr

Rekordpreise für Getreide haben in diesem Jahr die Gewinne von Ethanolproduzenten in den USA aufgefressen, so dass die ihre Produktion zurückgefahren haben. Und auch wenn die Getreidepreise um 13 Prozent gefallen sind, seit sie im August den Höhepunkt erreichten, sind viele Händler besorgt über die Langfristeffekte des trockenen Sommers. „Mit derartig hohen Getreidepreisen ist der Druck höher, Ethanol aus Brasilien zu importieren", sagt Fain Shaffer, Präsident des Rohstoffbrokers Infinity Trading Group aus Oregon. Er hat darum kürzlich erst auf steigende Zuckerpreise gewettet.

Ein weiterer Faktor, den die Händler im Auge haben, ist der Ethanolkonsum in Brasilien selbst. Regierungsmitarbeiter haben gesagt, dass das Land dem eigenen Benzin im kommenden Jahr 25 Prozent Ethanol beimischen will, statt wie bisher 20 Prozent – was die Nachfrage nach Zuckerrohr ankurbelt und die Bestände schröpfen dürfte.

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