In Singapur wird mittlerweile fast die Hälfte des Aktienhandels elektronisch ausgeführt. Getty Images

HONGKONG – In einer Ecke des Handelsraums im 36. Stockwerk des höchsten Wolkenkratzers von Hongkong sitzt ein kleines, aber wachsendes Team von Mathematikern und Computerexperten. Sie überwachen eine Phalanx von Bildschirmen, während die Computer Aktien kaufen und verkaufen. Zwischen den Händlern, die sich ein 3.500 Quadratmeter großes Büro teilen, sind währenddessen ganze Reihen leerer Stühle zu sehen.

Computer wickeln heute über die Hälfte des Aktienhandels in der Asien-Pazifik-Region bei Morgan Stanley ab. Vor einem Jahr waren es noch 30 Prozent. In den vergangenen 18 Monaten hat die US-Bank ihre Belegschaft im asiatischen Aktienhandel um zehn Prozent gekürzt und das Team der Experten für elektronischen Handel um etwa fünf Prozent aufgestockt.

Morgan Stanley ist nicht die einzige Bank, die in Asien immer mehr auf elektronischen Handel umsteigt. Bei Goldman Sachs finden 42 Prozent der Aktiengeschäfte in Asien auf elektronischem Wege statt, ohne den Hochfrequenzhandel einzurechnen. Vor einem Jahr lag diese Zahl noch bei 37 Prozent. Credit Suisse hat den Anteil des elektronischen Handels im gleichen Zeitraum von 42 auf 47 Prozent erhöht.

Asien war lange Zeit aufgrund der vielen regionalen Besonderheiten die letzte Bastion des Börsenmaklers, der sowohl einzelne als auch institutionelle Investoren beriet. Er führte seine Kunden durch das Flickwerk der asiatischen Märkte und warnte sie vor Eigenarten der Börsen wie zum Beispiel der freitäglich längeren Mittagspause an der indonesischen Börse.

In den USA und Europa hat der elektronische Handel schon länger eine zentrale Rolle gestielt. In den USA erledigen Computer 70 Prozent des Handels, in Europa etwa 50 Prozent, berichtet der Datendienstleister Celent.

Doch Asien holt gerade rasant auf, da der elektronische Handel deutlich billiger ist. Eine elektronische Order kostet Investoren in Hongkong durchschnittlich 0,05 Prozent der gehandelten Summe, während sich die Kosten bei einem Broker auf etwa 0,19 Prozent belaufen, erklärt der Datenanbieter Greenwich Associates.

Das Zeitalter der Maschinen

Die schrumpfenden Provisionen setzen die Banken zusätzlich unter Druck, da die Technologiekosten steigen und das Auftragsaufkommen sinkt. Seit 2009 fällt das Handelsvolumen, berichtet die World Federation of Exchanges. Provisionen für den Handel mit asiatischen Aktien lagen in den zwölf Monaten bis September bei 2,23 Milliarden Dollar, verglichen mit 2,66 Milliarden Dollar im Jahr davor, berichtet Greenwich Associates.

Unter den größten Banken ist ein Wettlauf um die Vormachtstellung im elektronischen Handel entstanden. Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein sagte vergangenen Monat, dass das Unternehmen ein besonders kostengünstiger Anbieter von elektronischem Handel werden wolle.

Diesem Trend fallen viele Arbeitsstellen in der Asien-Pazifik-Region zum Opfer. 23 Prozent des Personalabbaus bei den zehn größten Banken der Welt fand in der ersten Jahreshälfte in Asien statt. 2011 lag diese Zahl noch bei acht Prozent, berichtet der Londoner Datenanbieter Coalition. Zudem schrumpfe die Belegschaft im Aktienhandel schneller als im Fixed-Income- und im Beratungsbereich, berichtet Coalition.

Andrew Sullivan gehört zu denen, die ihren Job verloren, als die US-Bank Piper Jaffray im August ihren Aktienhandelsbereich in Asien aufgab. Doch der 50-jährige Brite, der über zehn Jahre als Aktienhändler in Asien gearbeitet hat, ist weiter zuversichtlich. Große, komplexe Geschäfte müssten weiterhin von Hand erledigt werden, glaubt er. „Es werden immer Leute gebraucht, die den Hörer in die Hand nehmen und Geschäfte persönlich abwickeln", sagt Sullivan. „Algorithmen können fehlerhaft sein, und sie sind nur nützlich, wenn die Märkte liquide sind."

Die Trader hingegen, die sich auf den elektronischen Handel spezialisieren, können sich vor Arbeit kaum retten. Caroline Crandell, die zum 14-köpfigen Team für elektronischen Handel bei Morgan Stanley in Hongkong gehört, verkauft Investoren Algorithmen und überwacht ihre Funktionsfähigkeit. „Vor vier Jahren kümmerte ich mich noch um sechs Märkte, heute sind es elf. Man muss im Alltag schon viel mehr wissen", sagt sie.

Caroline Crandell arbeitet bei Morgan Stanley in Hongkong im elektronischen Handel. Samantha Sin for The Wall Street Journal

Crandells Arbeit ist weit technischer als die eines klassischen Aktienhändlers. Oft arbeitet sie mit Mathematikern zusammen, um Algorithmen so anzupassen, dass die Handelskosten so gering wie möglich werden. In den spärlich gehandelten asiatischen Märkten sind solche Details besonders wichtig.

Ihr Abteilungsleiter, Zach Tuckwell, sagt: „Wir schaffen hier eine Handelsberatung. Anstatt Kunden zu sagen, welche Aktien sie kaufen sollen, erklären wir ihnen, wie sie diese am besten kaufen."

Der elektronische Handel verbreitet sich nicht nur wegen der geringeren Kosten so schnell. Er ist auch schneller und effizienter. 2008 machte er noch elf Prozent des Handelsaufkommens in Singapur, Hongkong, Japan, Australien und Indien aus, heute knapp die Hälfte. Nächstes Jahr dürfte der Anteil auf 58 Prozent steigen, schätzt Celent.

Doch je nach den Besonderheiten der Märkte spielt der elektronische Handel in verschiedenen Ländern immer noch eine unterschiedlich große Rolle. Credit Suisse wickelt in Japan 70 Prozent seines Aktiengeschäfts elektronisch ab, in Australien 40 Prozent und in Indien nur 20 Prozent.

„Wer kein hochwertiges elektronisches Produkt anbieten kann, hat dieses Jahr einen großen Nachteil, da ein großer Teil des Handelsvolumens jetzt elektronisch abgewickelt wird", sagt Gokul Laroia, Aktienchef bei Morgan Stanley in Asien.

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