Cloud-Werbung von Microsoft auf der Cebit. Amazon, Google und Microsoft kämpfen um Cloud-Kunden. dapd

Google, Microsoft und Amazon.com haben sich bereits Gefechte über die Vormacht bei mobilen Geräten und der Websuche geliefert. Die jüngste Front in ihrem Krieg ist unsichtbar: Computer-Rechenkraft.

Microsoft und Google versuchen, Amazon beim lukrativen Geschäft mit der Vermietung von Computerspeichern und Rechenkraft an Tausende von Unternehmen - das sogenannte Cloud Computing - als Marktführer abzulösen. Amazon dominiert diesen Markt mit seinem Angebot Amazon Web Services, kurz AWS, mit dessen Hilfe Unternehmen Computeraufgaben erledigen – vom Streamen von Videos bei Netflix bis zur Analyse von Autounfällen bei Versicherungen.

Inzwischen versucht Amazon AWS an viele Unternehmen zu verkaufen, die eigentlich zu Microsofts Stammkundschaft zählen. Gleichzeitig wollen Microsoft und Google Amazon die besten Start-up-Kunden abspenstig machen. Immerhin geht es um einen der am schnellsten wachsenden Technologie-Bereiche, da schenkt man sich nichts. Im Kampf der Cloud-Anbieter werben sich die Unternehmen gegenseitig Mitarbeiter ab, unterbieten ihre Preise, provozieren sich gegenseitig, wo es nur geht und werfen ihre bisherigen Strategien in der Wolke völlig um. Und das alles, um die Vorherrschaft über die Cloud-Dienste zu erlangen.

„Die großen Tech-Kriege weiten sich in so gut wie jedes Geschäftsfeld aus – und Cloud-Dienste sind das jüngste Schlachtfeld", sagte Bill Coughran, ein ehemaliger hochrangiger Google-Mitarbeiter und heute Risikokapitalgeber bei Sequoia Capital. „Amazon hat die Herzen und Köpfe der Programmierer gewonnen, doch Google und Microsoft machen Boden gut."

Start-ups profitieren vom Preiskampf

Firebase, ein Software-Start-up aus San Francisco, hat von dem Kampf der drei Großen profitiert. Als Firebase startete, bot Amazon für einen Vertragsabschluss AWS-Cloud-Dienste im Wert von 12.000 US-Dollar umsonst an. Der Konkurrent Rackspace bot sogar Dienstleistungen im Gegenwert von 36.000 Dollar. Über einen der Investoren von Firebase, New Enterprise Associates, erhielt das Start-up auch noch weitere Angebote von Microsoft und Amazon, falls andere Start-ups des Investors die Cloud-Dienste der jeweiligen Firma ebenfalls nutzten.

Laut James Templin, einer der Gründervon Firebase, hat sich das Start-up letztendlich für AWS entschieden, „vor allem, weil Amazon eine fortschrittlichere Infrastruktur bietet."

Firebase zahlt Amazon nun auf Monatsbasis. Wenn Kunden die Firebase-Webdienste ansteuern, werden sie von Amazon-Computern bedient. Templin wollte nicht offenbaren, was das Unternehmen für AWS bezahlt. Doch die Unternehmensberatung McKinsey berechnete im vergangenen Herbst, dass ein kleiner Server ein Unternehmen im Durchschnitt 31,55 Dollar im Monat für Kauf und Wartung kostet, während ein Cloud-Dienst mit vergleichbarer Leistung bei AWS und Konkurrenten im Durchschnitt 16,06 Dollar im Monat kostet.

40-Milliarden-Dollar-Markt

Amazon, Microsoft und Google legen die Umsätze der Cloud-Angebote nicht offen. Die IT-Marktforscher von IDC schätzen jedoch, dass „Public-Cloud-Angebote" – also Cloud-Dienste über das Internet – mit einem Marktvolumen von 40 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr zu den am schnellsten wachsenden Bereichen der IT gehören.

Amazon beherrscht mit einem Marktanteil von 70 Prozent den Public-Cloud-Markt für das Mieten von Computerspeicher und Rechenkraft, schätzt Forrester Research. Nach Schätzungen von Analysten generiert Amazon mit AWS jährlich rund 2 Milliarden Dollar.

Über Jahre war Amazons Position im Cloud-Markt praktisch unangefochten, nachdem es AWS 2006 gestartet hatte. Der frühe Start ermöglichte Amazon den Aufbau des jungen Marktes – und vor allem, den Mechanismus zu verstehen. Der Aufstieg von AWS wurde außerdem vom Boom von Tech-Start-ups wie Zynga befördert, für die es einfacher und billiger war, dass Amazon sich um Software und Server ihres Unternehmens kümmerte, als die IT-Infrastruktur selbst zu betreiben.

Im vergangenen Sommer allerdings begann der Cloud-Krieg heiß zu werden. Im Juni überarbeitete Microsoft seinen Cloud-Dienst namens Windows Azure und ergänzte ihn um individuellere Buchungsoptionen ähnlich derer bei AWS – darunter beispielsweise die Möglichkeit, flexiblere virtuelle Computer zu mieten, welche zusätzliche Rechenkraft für wenig Geld bringen.

Im selben Monat stellte Google, die ebenfalls bereits seit längerem auf dem Cloud-Markt aktiv sind, ein Angebot namens Google Compute Engine vor. Der Dienst erlaubt Unternehmen ihre Web-Services auf Computern laufen zu lassen, die von dem Internetriesen betrieben werden.

Google gibt den Takt des Preiskampfes vor

Sofort begann das Trio mit einem Preiskampf. Innerhalb von knapp einer Woche im vergangenen Herbst verkündete Google einen Preisrückgang beim Speicher um rund 20 Prozent. Seitdem gibt es einen Gigabyte Onlinespeicher ab 9,5 Cent. Amazon senkte den Einstiegspreis schnell ebenfalls auf dieses Niveau, woraufhin Google mit einem Preisrückgang auf 8,5 Cent pro Gigabyte nachlegte.

Microsoft folgte einige Tage später mit der Ankündigung, man senke die Kosten für Azure auf ein ähnliches Niveau. Nach Angaben von Amazon wurden seit Bestehen des Dienstes die Preise bereits 25 Mal gesenkt.

Google beruft sich auf seine Erfahrung bei seinen Diensten. „Unsere Angebote beziehen die gesamte Infrastruktur ein, die wir in den vergangenen 14 Jahren entwickelt haben und auf der Google, Youtube und alle andere Dienste laufen. Wir machen sie für andere verfügbar", sagt Shailesh Rao, der bei Google für die Cloud-Sparte verantwortlich ist.

Amazon, Google und Microsoft wildern auch jeweils im Mitarbeiterstab der Konkurrenz, durchaus mit juristischen Konsequenzen. Im Oktober wollte Amazon mit einer Klage erreichen, dass ihr ehemaliger hochrangiger AWS-Mitarbeiter Daniel Powers nicht für Googles Cloud-Sparte arbeiten darf. Im Dezember entschied ein US-Bundesgericht in Seattle, dass Powers bis März gesperrt wird, damit er Google durch seine internen Kenntnisse nicht bei der Abwerbung von aktuellen, ehemaligen oder potenziellen Kunden von Amazon helfen kann. Google, Amazon und Daniel Powers wollten sich zu dem Rechtsstreit nicht äußern.

Amazon hat außerdem den Vertrieb vergrößert und bereitet sich darauf vor, die Dienste über Zwischenhändler aus dem Bereich Unternehmenstechnologie zu verkaufen. So sollen mehr Großunternehmen als Kunden gewonnen werden. Im November präsentierte Amazon eine neue „Premium"-Auszeichnung für 15 Zwischenhändler, die AWS an Unternehmen verkaufen dürfen.

Amazon nimmt Enterprise-Markt ins Visier

Amazon stelle inzwischen fest, dass sie ihre Dienste nun den großen Unternehmen anbieten müssen, sagte Nand Mulchandano, CEO von ScaleXtreme – ein Unternehmen, das Firmen beim Einsatz von AWS unterstützt.

Währenddessen dringt Microsoft mit seinem Angebot Azure in Amazons Domäne ein – die Tech-Start-ups. Satya Nadella, der bei Microsoft für die Azure-Sparte verantwortlich ist, reist regelmäßig ins Silicon Valley, um von Wagniskapitalgebern und Tech-Unternehmern zu lernen, wie sich Azure besser an ihre Anforderungen anpassen lässt. Davon können auch große Unternehmen profitieren, wenn sie ähnliche Anforderungen haben.

Vergangenen Juni hat Microsoft es für Entwickler einfacher gemacht, Programmiersprachen zu nutzen, die unter Start-ups populär sind. Der Schritt war intern umstritten, da die entsprechenden Programmiersprachen lange als Bedrohung für Microsoft gesehen wurden. Auf der Azure-Veranstaltung vergangenen Juni in San Francisco verschob Microsoft außerdem eine Präsentation des Managements von 9 Uhr morgens auf 13 Uhr, um sich dem Schlafrhythmus der Nachteulen bei Start-ups anzupassen.

„Viele dieser Start-ups werden zu sehr großen Unternehmen wachsen", sagte Bill Laing, Corporate Vice President für Server und Cloud bei Microsoft. Start-ups seien „nicht durch Altlasten behindert, sie neigen dazu zu experimentieren und neue Dinge auszuprobieren".

Knackt Amazon den Enterprise-Markt?

Microsoft-Manager und einige der Unternehmenskunden sagten, dass Amazon die Schwierigkeiten beim Verkauf von Technologie an große Unternehmen unterschätze. Große Unternehmen verlangten nicht nur angepasste Dienste und einen verlässlichen Kundendienst, sondern häufig auch schon Jahre im Voraus Informationen über Produktänderungen. „Amazon ist nicht einmal ansatzweise für einen Kampf um Enterprise-Kunden vorbreitet", sagte Bill Hilf, Produktmanager für Azure bei Microsoft.

Adam Selipsky, Vice President Marketing bei AWS, sagte, dass Amazon die Konkurrenz nicht kommentiere. Einen Seitenhieb auf Microsoft konnte er sich dennoch nicht verkneifen: „Traditionelle Technologie-Unternehmen" würden auch andere Geschäfte betreiben, die im Konflikt mit den Cloud-Diensten stehe. Solche Unternehmen könnten den Kunden keine ehrlichen Ratschläge zum Einsatz von Cloud-Diensten geben.

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