Dell-Gründer Michael Dell: Interviews mit aktuellen und ehemaligen Dell-Mitarbeitern zeichnen das Bild eines Mannes, der sich über sein unternehmerisches Erbe zunehmend Sorgen gemacht hat. Lucas Jackson/Reuters

Es ist so etwas wie das Ende einer Ära, in der eine Handvoll junger Unternehmer den PC zum wichtigsten elektronischen Rechner machten: Der Computerhersteller Dell steht kurz davor, seinen 23 Milliarden US-Dollar schweren Abschied von der Börse abzuschließen. Montagnacht führten Firmengründer Michael Dell und die beiden voraussichtlichen Großinvestoren, der IT-Konzern Microsoft MSFT -0,35% Microsoft Corp. U.S.: Nasdaq $47,35 -0,17 -0,35% 22 Sept. 2014 10:12 Volumen (​15 Min. verzögert) : 6,59 Mio. KGV 17,79 Marktkapitalisierung 391,56 Milliarden $ Dividendenrendite 2,62% Umsatz/Mitarbeiter 677.570 $ und die private Beteiligungsgesellschaft Silver Lake Partners, ihre Gespräche fort. Sie besprechen die letzten Details, um einen Verkauf von Dell festzuzurren.

Mit dem Vorgang vertraute Personen sagen, dass Aktionären ein Übernahmeangebot zwischen 13,50 und 13,75 US-Dollar je Aktie gemacht werden soll. Das wäre ein Aufschlag von 25 Prozent auf den Börsenkurs, den Dell noch vor Bekanntgabe des möglichen Geschäfts im Januar erzielt hat.

Der Rückzug zeugt auch von Dells Versagen

Es wäre die größte Transaktion dieser Art seit der Finanzkrise. Und es wäre wohl auch ein Eingeständnis für das Versagen von Michael Dell, seinem Unternehmen den nötigen frischen Wind einzuhauchen, den sich Anleger an der Wall Street gewünscht hätten. Bei dem geplanten Verkauf des Konzerns würde Gründer Dell den größten Aktienanteil erhalten. Damit wäre sichergestellt, dass der 47-Jährige weiterhin jegliche Veränderungen im Konzern überwachen könnte.

Das Unternehmen aus Round Rock im US-Bundesstaat Texas war einmal der größte PC-Hersteller der Welt mit einem Börsenwert von mehr als 100 Milliarden Dollar. Aber der Aufstieg der tragbaren Tabletcomputer und Smartphones haben dem PC-Hersteller zu schaffen gemacht und seine Marktanteile noch hinter jene von Hewlett-Packard HPQ +0,33% Hewlett-Packard Co. U.S.: NYSE $36,91 +0,12 +0,33% 22 Sept. 2014 10:12 Volumen (​15 Min. verzögert) : 1,14 Mio. KGV 13,74 Marktkapitalisierung 68,66 Milliarden $ Dividendenrendite 1,73% Umsatz/Mitarbeiter 354.132 $ und Lenovo Group 0992.HK -1,16% Lenovo Group Ltd. Hong Kong $11,94 -0,14 -1,16% 22 Sept. 2014 16:01 Volumen (​15 Min. verzögert) : 25,10 Mio. KGV 18,64 Marktkapitalisierung 125,72 Milliarden $ Dividendenrendite 3,02% Umsatz/Mitarbeiter 5.789.730 $ schrumpfen lassen. Am Freitag lag Dells Börsenwert noch bei etwa 23,7 Milliarden Dollar.

Immer wieder musste sich Firmengründer Dell kritische Vergleiche mit Marktführer Apple AAPL +0,50% Apple Inc. U.S.: Nasdaq $101,46 +0,50 +0,50% 22 Sept. 2014 10:12 Volumen (​15 Min. verzögert) : 10,09 Mio. KGV 16,31 Marktkapitalisierung 604,54 Milliarden $ Dividendenrendite 1,85% Umsatz/Mitarbeiter 2.214.380 $ gefallen lassen, was ihn frustriert habe, sagen Personen, die es wissen. Interviews mit aktuellen und ehemaligen Dell-Mitarbeitern zeichnen das Bild eines Mannes, der sich über sein unternehmerisches Erbe zunehmend Sorgen gemacht hat. Diese Leute sagen, dass Dell schon seit Jahren nicht mehr so enthusiastisch aufgetreten ist, wie er es noch im Jahr 2007 tat. Damals war er nach einem kurzen Wechsel an die Aufsichtsratsspitze wieder in den Vorstandschefsessel von Dell zurückgekehrt.

Aufstieg und Fall von Dell:

Michael Dell hat sich auf Anfragen nach einem Interview nicht zurückgemeldet. Ein Unternehmenssprecher verweigerte den Kommentar.

Am Montag rutschte Dells Aktienkurs an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq um 2,6 Prozent auf 13,27 Dollar ab.

Damit Dell an private Eigner übergehen kann, will Gründer Dell laut gut unterrichteten Kreisen seinen privaten Anteil von fast 16 Prozent am Unternehmen einbringen. Dieser ist etwa 3,7 Milliarden Dollar wert. Dazu kommen 700 Millionen Dollar aus Aktienanteilen an einer Investmentfirma, die er kontrolliert. Microsoft würde etwa 2 Milliarden Dollar in nachrangigen Schuldverschreibungen investieren – eine im Vergleich zu regulären Aktien weniger riskante Anlageform.

Microsoft dürfte keine Sitze im Aufsichtsrat erhalten und auch sonst keine Aufsichtsrechte in dem künftig nur von wenigen Anteilseignern kontrollierten Unternehmen. Dafür würden die beiden Konzerne künftig stärker auf die Microsoft-Software zurückgreifen, heißt es.

"Sein Name ist Programm"

Die Private-Equity-Gesellschaft Silver Lake Partners würde mehr als eine Milliarde Dollar investieren. Zudem wollen vier Banken gemeinsam ein Darlehen über rund 15 Milliarden Dollar ausstellen, um das Geschäft zu finanzieren. Jede der Banken würde ein Viertel des Kredites übernehmen, sagt eine gut unterrichtete Person.

Insgesamt geht es bei dem Vorhaben mehr um Gründer Dell als um das Unternehmen Dell, sagt ein ehemaliger Manager des Konzerns: „Es ist ziemlich einfach: Sein Name ist Programm."

Bei seiner Rückkehr als Vorstandschef im Jahr 2007 versprach Michael Dell, das Unternehmen für die Herausforderungen eines neuen Zeitalters flott zu machen. Dell, der die Firma 1984 im Studentenheim der Universität Texas gegründet hatte, hängt an seinem Lebenswerk. Er stellte eine Reihe neuer Manager ein: für die laufenden Geschäfte, fürs Marketing und für den Kundenvertrieb.

Aber obwohl die Umsätze im ersten Jahr nach Dells Rückkehr stiegen, mangelte es dem Konzern an Schlagkraft. Nach weniger als zwei Jahren schon kündigten der neue Geschäftsführer und der neue Marketingchef. Der neue Mann im Kundengeschäft ging 2010, nachdem Musikabspielgeräte, Telefone und neue Laptops am Markt gefloppt waren.

Dell zog sich daraufhin immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Er trat bei den üblichen Telefonkonferenzen zu den Quartalsergebnissen nicht mehr auf und überließ das Wort lieber seinem Finanzchef und anderen Untergebenen.

Er habe aber nach wie vor die Geschäftsentwicklung bestimmt, sagen Personen, die an enstprechenden Treffen teilnahmen. Manchmal habe er sich dabei an Kleinigkeiten aufgerieben, anstatt große strategische Entscheidungen zu treffen. An einem Abend etwa, als er gerade den neuesten, hochwertigen Dell-Tischcomputer XPS One in die Finger bekommen hatte, brachte Dell umgehend seine Gedanken zu Papier. Das Ergebnis: Eine vierseitige E-Mail, die er noch spätnachts verschickte und in der er selbst zur Styroporverpackung des Rechners noch etwas zu sagen hatte.

Ende 2010 machte Dell Schluss mit allen Anstrengungen, neue Produkte für Endverbraucher zu entwickeln. Stattdessen verkündete er, Dell in einen Gemischtwarenladen für Unternehmenskunden verwandeln zu wollen, in eine Art kleinere Version von IT-Konzern IBM. IBM -0,01% International Business Machines Corp. U.S.: NYSE $193,99 -0,01 -0,01% 22 Sept. 2014 10:12 Volumen (​15 Min. verzögert) : 365.106 KGV 12,17 Marktkapitalisierung 197,87 Milliarden $ Dividendenrendite 2,27% Umsatz/Mitarbeiter 229.711 $ Er begann, Milliarden auszugeben, um Hersteller von Sicherheitssoftware oder Speichersystemen zu kaufen.

Alle Bausteine für den Gemischtwarenladen

Mit Angeboten für Firmenkunden lassen sich höhere Gewinnspannen erzielen als mit PCs. Aber bisher haben die neuen Angebote die Talfahrt in der klassischen Computersparte, die immer noch rund die Hälfte des jährlichen Konzernumsatzes von 62 Milliarden Dollar ausmacht, nicht ausgleichen können. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2013, das am 1. Februar endete, sanken die PC-Verkäufe um 13 Prozent. Der Gesamtumsatz lag im selben Zeitraum 7 Prozent unter dem des Vorjahres.

Zwar hat Michael Dell bisher noch nicht gesagt, was er mit seinem künftig privatisierten Unternehmen vorhat. Analysten aber glauben, dass Dell nun alle notwendigen Bestandteile besitze, um „Technologie aus einer Hand" anzubieten. Dell müsse nur noch dafür sorgen, dass die einzelnen Bausteine auch vernünftig ineinandergreifen – nicht nur auf technischer Ebene, sondern auch organisatorisch.

Wenn Dell nicht mehr an der Börse gelistet wäre, könnte es sich auf dieses Vorhaben konzentrieren und möglicherweise auch aus weniger gewinnbringenden Bereichen des PC-Geschäfts wie dem Einzelhandel aussteigen, sagen die Analysten.

Gründer Dell hat schon versucht, den Konzern als mehr als bloß einen Computerproduzenten dastehen zu lassen, und hat betont, dass die PCs nur ein Drittel der Dell-Gewinne ausmachten. Diejenigen, die mit Dell schon zusammengearbeitet haben, rechnen mit Veränderungen in der PC-Sparte. Sie glauben aber nicht, dass Dell komplett aufhören wird, solche Computer herzustellen.

Tatsächlich wirkt es, als wären Dell und die PCs eine Verbindung auf Lebenszeit eingegangen. Als Rivale HP im Jahr 2011 kurz überlegte, sein PC-Geschäft abzustoßen, bezeichnete Dell die Idee im Stillen als einen Riesenfehler.

Andererseits hätten ihn einige Neuerungen in der PC-Industrie selbst kalt erwischt, hat Michael Dell zugegeben. In einem Interview mit dem Wall Street Journal im Jahr 2011 etwa sagte er, dass er am meisten vom rapiden Aufstieg der Tabletcomputer überrascht sei. „Ich habe das überhaupt nicht kommen sehen", sagte er damals. Im Übrigen aber glaube er nicht, fügte er hinzu, dass Unternehmenskunden in naher Zukunft auf ihre Arbeitsplatzrechner verzichten würden.

—Mitarbeit: Ian Sherr und Don Clark

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