Das ambitionierte Milliardenprojekt Desertec sah sich von Anfang dem Vorwurf ausgesetzt, ausgerechnet in einer der politisch unsichersten und instabilsten Regionen der Welt operieren zu wollen. Der Arabische Frühling mit den Bürgerkriegen in vielen Staaten der Region und die jüngste Eskalation in Mali sind Wasser auf die Mühlen der Kritiker. Die politischen Umwälzungen und der wachsende Einfluss radikaler Islamisten in Nordafrika macht es für ausländische Investoren zunehmend riskanter, in Ländern wie Mali, Algerien und Libyen zu investieren.

Um in den westlichen Industrienationen Aufmerksamkeit zu bekommen, rücken Anlagen ausländischer Investoren als potenzielle Angriffsziele ins Fadenkreuz der Terroristen. Auch Desertec dürfte unter der verschärften Sicherheitslage leiden. Die geplanten Solar- und Windkraftwerke sind nach Meinung von Experten eine ideale Zielscheibe für Terroristen. "Die kilometerlangen Parabolspiegel lassen sich viel schwieriger als Gasförderanlagen absichern", sagt Wolfgang Hummel, Chefanalyst beim Berliner Zentrum für Solarmarktforschung.

Sonnenspiegel wie diese sollen zu Hunderten in der afrikanischen Wüste sauberen Strom nach Europa liefern. Ob das in der politisch unruhigen Sahara jemals Wirklichkeit wird steht aber in Frage. Siemens/dapd

Islamisten aus dem neuen Krisenherd Mali hatten jüngst jenseits der Grenze im Süden Algeriens mit einem Überfall auf eine Gasförderanlage ihre Macht und zugleich die Ohnmacht der staatlichen Exekutive demonstriert. Anfang Januar hatten mutmaßliche Islamisten eine Ölpipeline in Nordalgerien in der Nähe der Provinzhauptstadt Bouira angegriffen. Für das milliardenschwere Projekt Desertec sind das schlechte Nachrichten. Die wachsende Gefahr verschlechtert das Investitionsklima. "Unternehmen dürften sich jetzt zwei Mal überlegen, ob sie bei dieser verschärften Sicherheitslage in Algerien investieren", befürchtet der Nordafrikaexperte der Deutschen Bank, Oliver Masetti.

Desertec-Chef Paul van Son lässt sich von den jüngsten Anschlägen mit Blick auf die Vergangenheit jedoch nicht aus der Ruhe bringen. "Bisher waren Wind- und Solarkraftwerke oder andere Energieinfrastruktur als Angriffsziele für Terroristen selten im Visier", sagt der Geschäftsführer der Desertec Industrial Initiative (DII). Anpassungen der Pilotprojekte in Nordafrika seien nicht notwendig. "Ich sehe das Ganze sehr entspannt. Unser Projekt ist langfristig angelegt. Da kommt es in einzelnen Projekten auf ein paar Jahre mehr oder weniger nicht an", fügt er hinzu.

Positives Investitionsklima für Afrika schaffen

Die von van Son geleitete Desertec Industrial Initiative hat es sich zum Ziel gesetzt, in Nordafrika "einen Markt für erneuerbare Energien" zu schaffen. Gemeinsam mit ihren Gesellschaftern und Partnern, zu denen neben Eon und RWE auch die Deutsche Bank DBK.XE +2,13% Deutsche Bank AG Germany: Xetra 28,30 +0,59 +2,13% 19 Sept. 2014 17:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 29,78 Mio. KGV N/A Marktkapitalisierung 39,03 Milliarden € Dividendenrendite 2,65% Umsatz/Mitarbeiter 420.767 € und Munich Re MUV2.XE +1,56% Muenchener Rueckversicherungs-Gesellschaft AG Germany: Xetra 156,25 +2,40 +1,56% 19 Sept. 2014 17:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 1,53 Mio. KGV 7,90 Marktkapitalisierung 27,02 Milliarden € Dividendenrendite 4,64% Umsatz/Mitarbeiter 1.482.680 € gehören, will Desertec im Norden des afrikanischen Kontinents "ein positives Investitionsklimas" schaffen und dort die notwendigen Rahmenbedingungen für Investitionen in erneuerbare Energien schaffen. Mit Pilotprojekten in Algerien, Marokko und Tunesien sollen Investoren angelockt werden. Die Wüsten "in Nordafrika bieten ausgezeichnete Bedingungen für großflächige Stromerzeugung aus Wind und Sonne", heißt es auf der Internetseite der Gesellschaft.

Die jüngste politische Entwicklung dürfte Desertec jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht haben. In vielen nordafrikanischen Staaten haben Machtwechsel zu einer instabilen Lage geführt. Der Bürgerkrieg in Mali führt nun zu einer zusätzlichen Verschärfung der Situation. Er könnte Experten zufolge zu einem Flächenbrand in der Region führen. "Islamisten weichen über die Grenze nach Algerien aus und sorgen dort, wie die vergangenen Anschläge gezeigt haben, für eine Verschärfung der Sicherheitslage", sagt Nordafrikaexperte Masetti. Dem algerischen Militär macht insbesondere die rund 1.300 Kilometer lange Grenze mit Mali zu schaffen.

Der islamistische Überfall auf das Gasfeld in Algerien hat gezeigt, dass private Sicherheitsdienste gegen die schwer bewaffneten Islamisten nichts ausrichten können. Hardy Ostry, Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer Stiftung für Tunesien, Algerien und Libyen, sieht mit der "Bewachung dieser Standorte selbst die algerische Armee momentan überfordert" an. Es gibt in dieser Region ein massives Sicherheitsproblem", ergänzt er. Damit habe man vorher nicht gerechnet. Jetzt müssten Projekte wie beispielsweise Desertec bezüglich der bestehenden Sicherheitsrisiken überdacht werden. "Die Sicherheitslage hat sich durch diese beiden Konflikte schon ein Stück weit dauerhaft verschlechtert." Masetti bestätigt diese Sichtweise. Weitere Anschläge seien zu befürchten.

Gesellschafter geben sich gelassen

Desertec sieht aufgrund der erhöhten Gefahr in Algerien jedoch keinen Handlungsbedarf. "Ich glaube, dass es aufgrund der Konflikte in Algerien und Mali kaum Anpassungen bei unseren Projekten in Nordafrika geben muss", sagte van Son. Insgesamt bleibe es bei Pilotprojekten von einem Gigawatt. "In Algerien läuft alles wie geplant", fügt er hinzu. Momentan sei man in der Analyse und ein paar Jahren sollen die Pilotprojekte in Algerien den ersten Strom liefern, so ein Sprecher. Geplant sind die Anlagen im nördlichen Drittel des Landes, 200 bis 300 Kilometer vom Mittelmeer entfernt.

Auch bei den Gesellschaftern von Desertec spielt die Verschärfung der Sicherheitslage offenbar keine Rolle. Sowohl der deutsche Energieriese Eon, als auch Schott und der Rückversicherer Munich Re geben sich gelassen und bleiben Gesellschafter. "Wir sind weiterhin von der Initiative und der dahinterstehenden Vision überzeugt sind", sagte ein Munich Re-Sprecher.

Und auch der Schweizer Industriekonzern ABB bleibt weiter dabei. Das Ziel der Industrieinitiative sei es im wesentlichen, auf stabilere Rahmenbedingungen in der Region insbesondere "durch intensivere wirtschaftliche Zusammenarbeit, hinzuwirken", sagte Jochen Kreusel, bei ABB verantwortlich für den Bereich Smart Grids. Deshalb stelle die aktuelle Instabilität das Konzept für ABB auch nicht in Frage, sondern bestätigt eher die langfristige Motivation. "Wir haben unsere Mitgliedschaft gerade verlängert", sagte er.

Diesem Ziel räumt Julian Junk von der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) jedoch kaum Chancen ein. "Es gibt in der gesamten Region eine ausgeprägte Skepsis gegen alle Kolonialattitüden". Letztlich kämen die Unternehmen des Desertec-Projekts überwiegend aus den früheren Kolonialmächten. "Dagegen dürfte es Vorbehalte geben", befürchtet Junk. Insbesondere das Thema "Ausbeutung" sei aufgrund der kolonialen Vergangenheit ein sehr sensibles. Sollten ein paar wenige Arbeitsplätze in der Region entstehen, dürfte das die grundlegende Skepsis kaum mildern, so der HSFK-Expert.

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