Mit seinem strikten Sparkurs hat sich der spanische Ministerpräsident schon wenig Freunde gemacht, nach den Bestechungsvorwürfen gegen Mariano Rajoy und seine Volkspartei sind viele Spanier einfach nur noch wütend. Reuters

Das ungeplante Zusammentreffen eines politischen Skandals in Spanien und eines Bankenskandals in Italien hat im Süden Europas zu Wochenbeginn eine neue Flucht aus Anleihen und Aktien ausgelöst. Auch der Euro wurde nach unten geprügelt. Die Marktentwicklung erinnerte an die schlimmen Tage der Eurokrise, von der die Politiker gehofft hatten, sie sei vorbei.

Italiens Aktienmarkt gab am Montag um 4,5 Prozent nach, ihn zogen die Bankentitel nach unten. Zehnjährige spanische Staatsanleihen zeigten sich so schwach wie zuletzt Mitte Dezember, die Rendite lag bei 5,42 Prozent. Der Euro verlor bis zum Montagabend mehr als einen Cent gegenüber dem Dollar und notierte bei 1,3514 US-Dollar. Zu Handelsbeginn am Dienstag zeigen die Aktienindizes in Spanien und Italien zwar leicht nach oben, die Renditen der Anleihen ziehen aber an.

Bedrohlich ist vor allem: Erneut fließt das Geld von den schwachen europäischen Ländern zu den starken. Staatsanleihen aus Spanien, Italien, Griechenland, Irland und Portugal notierten zu Wochenbeginn allesamt schwächer. Die Kurse der Anleihen aus Österreich, Deutschland, Finnland und den Niederlanden zeigten sich dagegen fester.

Die koordinierten Zu- und Abflüsse von Geld kennzeichneten die Eurokrise im Jahr 2011 und in weiten Teilen auch das Jahr 2012. Die angekündigte Unterstützung der Europäischen Zentralbank vom vergangenen Sommer führte zu einer Verbesserung der Stimmung und half, den üblen Schlingerkurs zu überwinden.

Der neue Chef der Banca Monte Paschi di Siena, Fabrizio Viola, muss dieser Tage viele Fragen beantworten. Anzeichen für Bestechung im Zusammenhang mit der Übernahme der Bank Antonveneta sieht er zwar nicht, aber die jüngsten Verluste im Derivatehandel lassen sich nicht von der Hand weisen. Reuters

Noch ist nicht absehbar, ob die Marktausschläge vom Montag Vorbote einer unschönen Wende auf dem eingeschlagenen Weg sind oder lediglich ein einmaliges Schlagloch. Spanische und italienische Staatsanleihen haben ähnlich wie der Euro seit Mitte 2012 eine spektakuläre Rally hingelegt, und ein Teil des Optimismus gründet sich auf echten Mittelzuflüssen in den Süden Europas. Das ist entscheidend, um die Eurokrise lösen zu können.

Noch immer deuten die Quellen der Krise – Banken und Politik – allerdings darauf hin, dass die Gewinne vorübergehend sein könnten. „Die Kursgewinne des Euro beruhen zu einem erheblichen Teil auf bloßem Vertrauen. Das kann genauso schnell wieder schwinden wie es gekommen ist", urteilt Bankstratege Raghav Subbarao von Barclays in London.

Schafft er den Weg zurück auf die politische Bühne Italiens. Die Umfragewerte von Ex-Regierungschef Silvio Berlusconi zeigen wieder nach oben. Für Investoren sind das eher schlechte Aussichten. Reuters

In Italien trübt ein Finanzskandal bei der Banca Monte dei Paschi di Siena die Stimmung. Das nach Bilanzsumme drittgrößte Institut Italiens musste am Montag große Verluste im Derivatehandel eingestehen, woraufhin der Kurs der Aktie um 4,8 Prozent einbrach. Auch andere Banken mussten Federn lassen. Die Aktie von Intesa Sanpaolo büßte 5,4 Prozent ihres Wertes ein, die von Marktführer Unicredit sogar 8,3 Prozent. Investoren fürchten auch die steigende Zustimmung in den Umfragen für den früheren Regierungschef Silvio Berlusconi. Knapp drei Wochen vor der Wahl zeichnet sich kein klarer Gewinner in den Wahlumfragen ab.

In Spanien verbuchten die Finanzmärkte am Montag die stärksten Kursverluste. Dort halten sich die Anleger von Staatsanleihen fern und bereiten sich auf die Folgen vor, die mit angeblichen Schmiergeldzahlungen an Ministerpräsident Mariano Rajoy und andere hochrangige Politiker seiner Partei verbunden sein könnten. Der spanische Aktienmarkt zeigt sich ohnehin schwächer, seit am Donnerstag ein monatelanges Verbot von Leerkäufen ausgelaufen ist.

„Der Markt schätzt die politische Unsicherheit einfach nicht", sagte Estefanía Ponte, die Strategiechefin beim Broker Cortal Consors in Madrid.

Am Donnerstag hatte die spanische Tageszeitung El País einen umfangreichen Bericht über verdeckte Zahlungen an die Führer der spanischen Volkspartei veröffentlichte, der zwei Jahrzehnte umfasste. Rajoy soll danach zwischen 1997 und 2008 pro Jahr im Schnitt 25.200 Euro erhalten haben.

Zwar dementierte die Partido Popular umgehend ein Fehlverhalten, doch der Regierungschef äußerte sich zu den Vorwürfen erst am Samstag in einer Erklärung, die im Fernsehen übertragen wurde. Weitere Fragen wollte er anschließend nicht beantworten. Anleger gaben dem spanischen Regierungschef am Montag eher schlechte Noten.

„Er machte nicht den Eindruck, als habe er alles unter Kontrolle", sagte Analyst Juan José Berrocal von GVC Gaesco Valores in Madrid.

Auch am Montag bei einem Besuch in Berlin, bei dem Rajoy mit Bundeskanzlerin Angela Merkel vor die Presse trat, beantwortete der spanische Ministerpräsident detaillierte Fragen der Reporter nicht. Auf die Frage, ob er noch ausreichend Reputation habe, um sein Land aus der tiefen Rezession herauszuführen, sagte Rajoy: „Ich habe noch genau die gleiche Stärke, die gleiche Courage und ich bin so entschlossen wie bisher, in meiner Position als Ministerpräsident die wohl schwierigste Lage zu überwinden, in der sich Spanien in den vergangenen 30 Jahren befunden hat."

Der spanische Staat muss in diesem Jahr neue Schulden im Volumen von mehr als 120 Milliarden Euro in Form von neuen Staatsanleihen platzieren, um alte Anleihen abzulösen und das Haushaltsdefizit zu schließen.

Im vergangenen Jahr hatten Auslandsinvestoren spanische Anleihen lange verschmäht oder sogar abgestoßen, und es waren spanische Banken, die sie aufkaufen mussten, um die Finanzierung des Staates sicherzustellen. Zum Jahresende 2012 besserte sich die Situation und es flossen wieder ausländische Mittel in spanische Staatsanleihen, wie Daten jüngst zeigten.

Wenn sich dieser Trend wieder umkehrt und Geld aus Spanien wieder abfließt, wird es für Spanien schwierig, ohne Hilfe des europäischen Rettungsfonds zurechtzukommen. Die nächste Auktion von spanischen Staatsschulden steht am Donnerstag an. Angeboten werden sollen Bonds mit Laufzeiten von zwei, fünf und 16 Jahren Laufzeit sowie mit einem Volumen von 3,5 bis 4,5 Milliarden Euro.

Besonders im Blick der Märkte wird die Nachfrage sein. Einige Beobachter machen sich Sorgen: „Natürlich hat sich die Wahrnehmung geändert, und das werden wir bei der Auktion am Donnerstag auch zu sehen bekommen, sagt Chefstrategin Ponte.

Noch ist allerdings unklar, wie weitreichend die Folgen des Skandals sein werden. Die konservative spanische Volkspartei von Mariano Rajoy verfügt über eine solide Mehrheit im Parlament, muss ihre Mehrheit nicht in Kürze durch eine Wahl lassen und hat sich um den Regierungschef geschart, nachdem die Sozialisten von der PSOE ihn am Sonntag öffentlich zum Rücktritt aufriefen.

„Rajoy bewegt sich jetzt auf sehr dünnem Eis", warnt Nicholas Spiro von Spiro Sovereign Strategy in London allerdings. „Spanien steckt knietief in der Rezession, und er setzt auf weitere Austeritätsmaßnahmen. Der Skandal unterminiert seine Autorität. Sieht man die Regierung fallen? Sieht man Rajoy das Handtuch werfen? Nein."

—Mitarbeit: Ira Iosebashvili, Matthew Walter und Emese Bartha.

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