dapd

Die Telekombranche steht erneut vor einem Umbruch: Weil immer mehr Menschen dauernd und überall auf immer mehr eigene und fremde Daten zugreifen wollen, müssen Mobilfunkanbieter massiv in ihre Netze investieren, damit es nicht schon bald zu einem Kollaps der mobilen Datenautobahn kommt.

In Europa gehen vor allem Skandinavien und Deutschland voran. Aber auch andernorts wächst die Einsicht, dass teure Investitionen unvermeidlich sind, um langfristig konkurrenzfähig zu bleiben. Das wird auch dividendenverwöhnte Aktionäre treffen – sie müssen ganz oder teilweise auf die Ausschüttung verzichten. Verglichen mit den USA ist Europa beim Aufbau neuer Netze aber im Hintertreffen.

Bis zu 4,5 Milliarden Euro jährlich will die Deutsche Telekom in den nächsten Jahren allein in Deutschland investieren. Es geht dabei schwerpunktmäßig um schnellere Breitbandanschlüsse sowie ein neues, leistungsfähigeres Mobilfunknetz der vierten Generation mit dem sogenannten LTE-Standard.

Glossar LTE

LTE heißt das neue Zauberwort für schnelle mobile Datenübertragung. Doch was verbirgt sich hinter dem Kürzel, wie funktioniert die Technik und wo ist sie über verfügbar? Welche Smartphones können LTE?

Antworten auf alle Fragen finden Sie hier ...

Die Netze der dritten Generation, sie laufen unter den Bezeichnungen 3G oder UMTS, stoßen in Großstädten oder bei Großveranstaltungen schon jetzt an ihre Grenzen. Wenn viele Menschen auf engstem Raum gleichzeitig mobil aufs Internet zugreifen wollen, wird die Datenübertragung bisweilen quälend langsam.

Dabei steht die Ausbreitung des mobilen Datenverkehrs erst am Anfang: Laut Berechnungen des schwedischen Netzausrüsters Ericsson lädt und versendet der durchschnittliche Smartphone-Nutzer zurzeit 450 Megabyte Daten im Monat. 2018 sollen es 2 Gigabyte sein, also das Vierfache des aktuellen Datenvolumens.

Noch stärker wird der Zugriff von mobilen Computern, den sogenannten Tablets wachsen - von derzeit 3 Gigabyte auf mehr als 10 Gigabyte pro Monat, so die Hochrechnung der Schweden.

Die gesamte europäische Telekommunikationsbranche erlebt einen gewaltigen Umbruch im Nutzerverhalten: Immer mehr Unternehmen speichern ihre Daten nicht mehr auf eigenen Rechnern, sondern in der sogenannten Cloud. Von den virtuellen Rechenzentren werden die Daten dann auf Endgeräte heruntergeladen, zunehmend auch auf mobile.

Auch viele private Smartphone-Surfer nutzen bereits die „Datenwolke", etwa wenn sie auf den Musikdienst Spotify zugreifen, als iPhone-Nutzer ihre Kontakte und Bilder in der iCloud sichern oder auf dem Server ihres Netzbetreibers.

Der stetig wachsende Datenverkehr macht auf lange Sicht den Wechsel zu leistungsstärkeren Netzen wie LTE unumgänglich. In Deutschland ist der Aufbau bereits fortgeschritten. In wenigen Monaten werden alle deutschen Großstädte mit LTE versorgt sein. Die Telekom liegt beim Ausbau Kopf an Kopf mit Vodafone. Aber auch O2 nimmt in den nächsten Jahren mehrere hundert Millionen Euro in die Hand. In Ballungsräumen wie Frankfurt und Offenbach bietet die Telefónica -Tochter bereits LTE an, Berlin, München, Hamburg, Hannover und das Gebiet Rhein-Ruhr sollen im nächsten Jahr folgen.

Lediglich E-Plus, die Tochter der niederländischen KPN-Gruppe, hat noch nicht mit dem Aufbau eines schnellen Mobilfunknetzes begonnen. Dessen Notwendigkeit hat KPN gleichwohl erkannt, bislang aber nur auf dem Heimatmarkt: In den Niederlanden endete in der vergangenen Woche eine Auktion von Frequenzen für den Aufbau von LTE-Netzen, die dem Staat insgesamt rund 3,8 Milliarden Euro einbrachte.

Neben KPN boten Vodafone, T-Mobile und die schwedische Tele2, die bislang kein eigenes niederländisches Netz hat. Der Auktionserlös ist höchst bemerkenswert, weil die deutsche Frequenzauktion mit etwas mehr als 4,4 Milliarden Euro nur unwesentlich mehr eingespielt hat, obwohl hierzulande über 80, in den Niederlanden aber nur knapp 17 Millionen Menschen leben.

KPN will jetzt schnell mit dem LTE-Ausbau auf dem Heimatmarkt beginnen: Bis Mitte nächsten Jahres soll der Service für rund die Hälfte der Bevölkerung verfügbar sein, rund ein Jahr später strebt der Provider eine landesweite LTE-Abdeckung an.

Bei anderen europäischen Netzbetreibern setzt sich erst allmählich die Erkenntnis durch, dass sie sich mit einem zügigen Ausbau der LTE-Netze einen Wettbewerbsvorteil verschaffen können. KPN nimmt für seinen milliardenschweren Ausbau in Kauf, dass die Dividende auf fast Null zusammengestrichen werden muss. Als das bekannt wurde, brach der Aktienkurs von KPN um 15 Prozent ein, und die Herabstufung der Kreditwürdigkeit durch die Ratingagentur Fitch folgte auf dem Fuß.

Unter Anlegern waren Telekomwerte bislang vor allem aus einem Grund beliebt: Stabile Einnahmen standen für hohe Dividenden. Doch selbst der Deutschen Telekom bescheinigte Bernstein-Analystin Robin Bienenstock jüngst, das Richtige zu tun, indem sie die Dividende zugunsten höherer Investitionen kürzte, auch wenn sich Erfolge im Sinne von steigenden Umsätzen und Gewinnen erst in ein paar Jahren einstellen werden.

Aufstieg und Fall von Nokia

Associated Press

Im Süden Europas kommt der Netzausbau dagegen nur schleppend voran. In Spanien ist Lokalmatador Telefónica bislang über Test-LTE-Netze in den Metropolen Barcelona und Madrid kaum hinausgekommen. Die Wirtschaftskrise im Land zwingt Verbraucher und Firmenkunden genau auf die Kosten zu achten, so dass die Umsätze in der Telekombranche drastisch zurückgehen. Telefónica habe es mit dem LTE-Ausbau „nicht eilig", sagte ein Konzernmanager jüngst auf einer Analystenkonferenz von Morgan Stanley.

In einigen Ländern fehlt es nicht am Willen, sondern an den Frequenzen, um den LTE-Ausbau voranzutreiben. In Großbritannien zum Beispiel kann bislang nur Everything Everywhere LTE anbieten, das Gemeinschaftsunternehmen von Deutscher Telekom und France Télécom. Nachdem sich beide Netzbetreiber zusammentaten, war Spektrum freigeworden, das der nach Kunden größte Mobilfunker der Insel jetzt für LTE-Netze nutzen kann. Die Konkurrenten O2, Vodafone und Three müssen sich noch bis 2013 gedulden, bis sie in einer Auktion für LTE-fähige Frequenzen bieten können.

Ähnlich ist die Situation in Österreich. Dort ist eine Frequenzauktion jüngst wegen der Übernahme von Orange durch Hutchison auf den nächsten Herbst verschoben worden, versorgt sind dort lediglich einzelne Städte. In der Schweiz, wo erst im Frühjahr die Frequenzen vergeben wurden, deckt Marktführer Swisscom zurzeit 26 Städte mit LTE ab und erreicht damit etwa 20 Prozent der Bevölkerung. In einem Jahr sollen 70 Prozent der Schweizer LTE-Zugang haben. Swisscom lässt sich den Ausbau bis 2016 etwa 1,5 Milliarden Franken (rund 1,24 Milliarden Euro) kosten.

Nokia und Microsoft stellen neue Smartphones vor

In Frankreich scheitert die mobile Zukunft derzeit an einem Detail: Zwar sind die Frequenzen verteilt, aber es fehlt noch an Genehmigungen, neue Basisstationen aufzustellen. Über ein paar Testnetze sind die Mobilfunkanbieter daher noch nicht hinausgekommen. Erst 2013 soll der Netzausbau in Fahrt kommen, in welchem Tempo bleibt noch abzuwarten. Links des Rheins tobt ein harter Wettbewerb unter den Netzbetreibern. Dabei schmelzen die Margen dahin und das Geld für Investitionen sitzt alles andere als locker.

Führend ist beim ultraschnellen Mobilfunk in Europa zweifelsohne Skandinavien: Vor drei Jahren schon hat Telia-Sonera in den Innenstädten von Stockholm und Oslo die ersten kommerziellen LTE-Netze gestartet, noch bevor in Deutschland überhaupt Frequenzen versteigert worden waren. Kunden nutzten damals noch keine Smartphones, sondern verbanden ihre Laptops per Surfstick mit dem schnellen Netz. Heute versorgt Telenor beinahe schon die gesamte schwedische Bevölkerung mit LTE.

Trotz Skandinavien und Deutschland hinkt Europa beim Thema LTE kräftig hinter Nordamerika und Asien her. Die Branchenorganisation 4G Americas zählte zum Ende des dritten Quartals weltweit 43,7 Millionen LTE-Nutzer, 51 Prozent davon in den USA und Kanada und 45 Prozent im asiatisch-pazifischen Raum. In Europa wohnten gerade einmal 4 Prozent aller LTE-Nutzer.

Das spiegelt sich im Geräteangebot wider: Endkunden auf dem alten Kontinent stehen gerade eine Handvoll Smartphones zur Verfügung, die auf den schnellen Frequenzen in Europa funken können. Auch das neue iPhone 5 nutzt nur Telekom-Kunden in deutschen Großstädten.

Rückblick auf fünf Jahre iPhone

Zur Ehrenrettung Europas muss gleichwohl gesagt werden, dass die Netze der dritten Generation in den USA nicht so schnell verbreitet wurden wie hierzulande, der Umstieg auf LTE also dringlicher war. In Europa wurde zwar mehr Tempo aus den 3G-Netzen heraus gekitzelt, doch das immer drängendere Problem der Datenkapazitäten lässt sich damit nicht beheben.

Europa steht in der Mobilfunktechnologie damit am Scheideweg. Trotz sinkender Umsätze und schwindender Margen, besonders im krisengeschüttelten Südeuropa, sind massive Investitionen nötig. Schieben Anbieter sie auf, gefährden sie ihre Zukunftsfähigkeit am Markt.

Kontakt zum Autor: archibald.preuschat@dowjones.com