Bis zur vergangenen Woche waren die Aktien von Research in Motion und Nokia um 37 und 43 Prozent abgestürzt. Doch dann ging es für die Papiere der beiden Smartphone-Hersteller plötzlich rasant in die Gegenrichtung: RIM-Aktien verteuerten sich um 27 Prozent, die von Nokia stiegen sogar um 29 Prozent.

Über weite Strecken des Jahres waren RIM und Nokia totgesagt worden. Doch offenbar hat die Wall Street entschieden, dem Duo doch die Chance auf ein Comeback im kommenden Jahr einzuräumen. Eine Aktie des Blackberry-Herstellers RIM kostete am Freitag 11,66 Dollar. Das sind 87 Prozent mehr das Jahrestief bei 6,22 Dollar im September. Der Nokia-Kurs hat sich seit Juli, als er bis auf 1,36 Euro gefallen war, auf 2,74 Euro mehr als.

RIM-Chef Thorsten Heins: Bringt das neue Blackberry-System BB10 die Wende? dapd

Wird es im nächsten Jahr so gut mit den Papieren weitergehen? Möglich ist es.

Natürlich lässt sich nicht sagen, ob eines der beiden Unternehmen in der brutal wettbewerbsintensiven Welt mobile Technologien überleben wird. Die Rivalen Apple, Samsung Electronics und Google erreichen mit Hilfe von enormen Ressourcen und großen Marktanteilen eine große Dominanz. Zudem tragen sie wenig von dem mit sich rum, was auf RIM und Nokia lastet.

Von den aktuellen Ergebnissen werden die Aktien von RIM und Nokia aber nicht belastet. Der Markt sieht sie nicht als klassische Anlagen, sondern als reine Spekulation, die noch einige Monate anhalten dürfte, ehe sie auf die Wirklichkeit treffen wird. Daher können die Kurse durchaus weiter steigen – so lange, bis die Bullen eines Besseren belehrt werden.

BB10 und Lumia 920 sollen die Wende bringen

Abhängig sind beide Titel vor allem von neuen Geräten, die den Abstieg der beiden Firmen im Smartphone-Geschäft verlangsamen könnten. RIM hat für den 30. Januar die Präsentation seines neuen Betriebssystems für Blackberrys Gerät BB10 angekündigt. Gleichzeitig will das Unternehmen zwei neue Smartphones auf den Markt kommen, die mit der Software laufen.

Ersten Berichten zufolge sollen die neuen Blackberrys mit dem Touchscreen-Flop Storm so gut wie nichts mehr zu tun haben. Stattdessen seien die neuen Handys von RIM schnell und windschnittig und kämen der Magie von Apples iPhone und den Android-Produkten in der Reihe der Samsung Galaxys nahe.

Auch Nokia hofft nach einem Absturz von Platz drei auf sieben bei den weltweiten Smartphone-Verkäufen im vergangenen Jahr auf die Wende. Dabei verlassen sich die Finnen auf das Betriebssystem Windows Phone von Microsoft. Nokia hat kürzlich den Verkauf des Lumia 920 gestartet, das auf der aktuellen Version von Windows Phone aufsetzt.

Aufstieg und Fall von Nokia

Associated Press

Ein kurzer Blick in die finanzielle Vergangenheit von Nokia und RIM und die Erwartungen für die nähere Zukunft zeigen zwei Dinge: wie tief die beiden Unternehmen gefallen sind, aber auch wie viel besser jedes von ihnen schon im Fall einer leichten Wende dastehen könnten.

Nokia wird nach einem Umsatzeinbruch um 12 Prozent im Jahr 2011 dieses Jahr voraussichtlich 22 Prozent weniger umsetzen, zeigen die Konsensschätzungen von Analysten beim Datendienstleister Factset. Das Ergebnis je Aktie, das 2011 bei 29 Cent lag, dürfte dieses Jahr tiefrot ausfallen.

Umsätze schwinden rasant

Besserung ist kurzfristig nicht in Sicht: Bis 2014 dürften die Umsätze kaum anziehen, erwartet wird ein schmächtiges Plus von 2,5 Prozent. Aber schon, wenn sich der Umsatzrückgang verlangsamen sollte, könnte Nokia einen deutlich geringeren Verlust je Aktie ausweisen.

Ähnlich drastisch sieht es bei RIM aus. Im Geschäftsjahr, das im Februar endet, dürfte der Umsatz um 40 Prozent fallen. Das sind deutlich mehr als im vergangenen Jahr, als die Erlöse nur um 7,4 Prozent zurückgingen. Aus einem bereinigten Gewinn von 4,20 Dollar dürfte ein Verlust von 1,29 Dollar je Aktie geworden sein.

Der BlackBerry, ein Auslaufmodell?

Research in Motion

Doch auch hier gilt: Schon eine leichte Wende könnte einen gewaltigen Effekt auf das Ergebnis haben. Zurzeit gehen Analysten für das nächste Jahr von einem Umsatzplus um 2,2 Prozent aus. Der Nettoverluste wird sich ihren Schätzungen zufolge auf 56 Cent verringern.

Bei genauer Betrachtung erkennt man allerdings, auf welch dünnem Eis sich die Analysten mit ihren Prognosen für eine mögliche Wende bewegen.

Unmittelbarer Auslöser für den Kurssprung bei RIM in der vergangenen Woche waren zwei Analystenstudien, die eine etwas bessere Entwicklung in Aussicht stellten. Einer stammte von Kris Thompson von der kanadischen National Bank Financial, der sein Anlageurteil für RIM-Aktien schon vor zwei Monaten von "Market Perform" auf "Outperform" angehoben hatte. Vergangenen Mittwoch erklärte Thompson, das kommende Geschäftsjahr könnte sogar ein bisschen besser laufen, wenn die Zahl der verkauften Blackberrys dank der Einführung von BB10 von 28,5 Millionen auf 35,5 Millionen Geräte steigen würde.

Enormes Kurspotenzial - falls die Wende gelingt

"Wenn wir mit unserer Schätzung für das Ebitda in Höhe von 2,3 Milliarden Dollar nur halbwegs richtig liegen und es dem Management gelingt, das Geschäft dauerhaft zu stabilisieren, stehen wir angesichts eines Firmenwerts von 3 Milliarden Dollar gerade erst am Anfang", schrieb Thompson.

Peter Misek, Analyst bei Jefferies, sieht die Dinge etwas anders. Zwar hob auch er, der RIM-Aktien zuvor ein Jahr lang auf „underperform" stehen hatte, seine Empfehlung vergangene Woche auf „hold" an. Seine Argumentation klingt aber wesentlich weniger optimistisch: BB10 habe lediglich eine Erfolgswahrscheinlichkeit von 20 bis 30 Prozent, meint Misek. Sollte RIM diese Chance nutzen, könnten Anleger aber auf eine riesige Belohnung hoffen. In diesem Fall könne der Aktienkurs bis auf 43 Dollar steigen, schätzt der Analyst.

Die meistverkauften Nokia-Handys

Ähnlich fromme Wünsche begleiteten Nokia zuletzt. Am Donnerstag nahm Ilkka Rauvola, Analyst bei Danske Bank Markets, seine Verkaufsempfehlung für Nokia zurück. Stattdessen rät er jetzt zum Kauf der Aktien.

Den radikalen Schwenk begründet Rauvola mit Marktgerüchten, denen zufolge das Lumia 920 besser nachgefragt werde als erwartet. Hier und dort gebe es Berichte, dass die erste Lieferung in Geschäften bereits ausverkauft sei.

Geldanlage als Glücksspiel

Wie viel besser die Nachfrage ist, sei schwer zu sagen, schränkte Rauvola auf Anfrage ein. Bei Erstauslieferungen gebe es immer wieder Mengenbeschränkungen. Und ob Nokia auf dem Weg sei, Millionen Lumias zu verkaufen oder doch nur Hunderttausende, sei unmöglich zu sagen.

Die Geschichte von RIM

Zum Vergleich: Apple verkaufte in der ersten Woche, in der das iPhone 5 im Oktober in Geschäften erhältlich war, fünf Millionen Geräte. Das zeigt, wie hoch die Latte in der Smartphone-Welt hängt.

Rauvala aber meint, entscheidend sei, dass die Nachfrage nach den Nokia-Telefonen, unabhängig vom aktuellen Volumen, "in die richtige Richtung geht" – verglichen mit dem desaströsen Bild, das der Markt über Monate von Nokia hatte.

Mit Geldanlage hat das alles nichts zu tun, es ist ein Glücksspiel. Irgendwann im Frühling, wenn wieder Zahlen für die Smartphone-Verkäufe veröffentlicht werden, droht Nokia ebenso wie RIM das Rendezvous mit der Realität.

Langfristig dürften beide Unternehmen nur geringe Chancen haben. Sie sind einfach zu weit hinter Google, Apple und Samsung zurückgefallen, um jemals wieder eine Rolle zu spielen. Unabhängig davon, wie gut ihre neuen Geräte sind.

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