Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat die Wachstumsaussichten für wichtige Volkswirtschaften im kommenden Jahr deutlich nach unten genommen. Vor allem in der Eurozone wird es deutlich schlechter laufen. Auch die USA werden sich darauf einstellen müssen, dass die Erholung an Schwung verliert.

"Nach fünf Krisenjahren schwächt sich die Weltwirtschaft wieder ab", sagte OECD-Chefvolkswirt Pier Carlo Padoan. Einen zweiten schweren Einbruch nach der Finanzkrise will der Experte deshalb nicht ausschließen. Die Ursachen liegen für ihn in der hohen Verunsicherung, dem nachlassenden Welthandel und der hohen Arbeitslosigkeit, die sich auf die Kauflaune der Verbraucher lege.

OECD-Chefvolkswirt Pier Carlo Padoan dapd

In der Eurozone und in den USA sieht die OECD vor allem die Politik am Zug. Das Problem sei nicht so sehr, dass die Schwierigkeiten - Schuldenkrise und Fiskalklippe - nicht erkannt seien, sondern dass bisher keine überzeugende Antwort darauf gefunden wurde, heißt es im Herbstausblick der Organisation der wohlhabenden Länder.

Für die Eurozone bedeutet das Lavieren in der Krisenpolitik und die lange Kette der Krisengipfel, dass die Wirtschaft im kommenden Jahr im Abschwung stecken bleibt, anders als es die OECD noch im Frühjahr angenommen hat. Demnach wird es 2013 mit 0,1 Prozent bergab gehen, während im Mai noch ein Wachstum von 0,9 Prozent vorausgesagt wurde.

Auch das laufende Jahr wird schwächer abschließen. Statt nur um 0,1 Prozent wird sich das Minus auf 0,4 Prozent belaufen. Weil die Rezession länger dauert und die Staaten für mehr Arbeitslose zahlen müssen, wird auch die Neuverschuldung höher ausfallen als zuvor prognostiziert. Die OECD-Fachleute erwarten jetzt eine Budgetlücke im Euroraum, die 2,8 statt 2,0 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmachen wird.

"Zusammenhalt der Eurozone in Gefahr"

OECD-Chefvolkswirt Padoan sieht sogar den Zusammenhalt der Eurozone in Gefahr, wenn die Krise noch einmal richtig hochkochen sollte. Er fordert die Europäer deshalb auf, das volle Arsenal einzusetzen. Die Europäische Zentralbank (EZB) sollte die Geldpolitik noch einmal lockern, also wieder Staatsanleihen der Krisenländer kaufen und die Zinsen weiter senken. Taumelnden Euroländern rät die OECD, sich unter den Rettungsschirm ESM zu flüchten, damit die EZB loslegen kann.

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Vor allem für die Eurozone sehen die Pariser Wirtschaftsforscher schwarz. Dort werde die Wirtschaft in laufenden wie kommenden Jahr schrumpfen. Verantwortlich dafür seien die Politiker.

Im Vergleich dazu tut die US-Zentralbank nach Einschätzung der OECD genug, um der US-Konjunktur auf die Sprünge zu helfen. Die große Herausforderung, vor der US-Präsident Barack Obama steht, ist die Fiskalklippe. Können sich Republikaner und Demokraten bis Ende des Jahres nicht auf einen neuen Haushalt und neue Steuergesetze einigen, droht der US-Wirtschaft die Rasenmähermethode. Dann treten im Januar automatisch Kürzungen bei den Ausgaben und höhere Steuern in Kraft. Das würde die US-Wirtschaft mit bis zu 600 Milliarden US-Dollar belasten und zurück in die Rezession stürzen.

"In den USA sollte die Haushaltssanierung einem maßvolleren Weg folgen als es derzeit die Gesetze vorsehen", heißt es im Herbstausblick diplomatisch. Selbst wenn sich die beiden Lager in Washington einigen können, wird die US-Wirtschaft laut OECD im nächsten Jahr einen Gang zurückschalten. Statt um 2,6 Prozent wird es nur noch ein Wachstum von 2,0 Prozent geben. Nach 2,4 Prozent im Mai lautet die Prognose für das laufende Jahr nur noch 2,2 Prozent.

Auch der Euro-Primus Deutschland bekommt die Auswirkungen von Unsicherheit und nachlassender Weltkonjunktur zu spüren. Im laufenden Jahr soll noch ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,9 Prozent erwirtschaftet werden, aber 2013 sieht die OECD kein anziehendes Wachstum, wie es die Bundesregierung voraussagt. Im Gegenteil wird nur noch ein Plus von 0,6 Prozent prognostiziert. Im Frühjahr wurden noch 1,9 Prozent veranschlagt. Auch die Arbeitslosigkeit soll wieder leicht zulegen. Die Experten loben die Regierung für die Schuldenbremse, die Vertrauen zurückbringen könne. Sie fordern aber, dass mehr Menschen an die Universitäten kommen dürfen und der Zugang zu einigen Berufen erleichtert wird.

Kontakt zum Autor: christian.grimm@dowjones.com