Auf US-Außenminister John Kerry lastet eine große Bürde. Will er Ostasien und den Nahen Osten stabilisieren, muss der amerikanische Krisendiplomat hinter das strategische Kalkül zweier undurchsichtiger und autokratischer Männer kommen: Nordkoreas Kim Jong Un und Irans Ajatollah Ali Chamenei.

Von Kerrys Fähigkeit, die Absichten des nordkoreanischen Diktators des religiösen Oberhauptes im Iran wirksam auszuloten, könnte abhängen, ob die US-Regierung einen militärischen Konflikt in der zweiten Amtszeit von Präsident Barack Obama abwenden kann. Kerrys Geschick könnte auch bestimmen, ob Obama sein Versprechen einlösen kann, die weltweite Verbreitung von Nuklearwaffen einzudämmen, sagen Vertreter der US-Regierung und Verbündete Amerikas.

John Kerry in Tokio: Auf dem amerikanischen Außenminister lastet eine große Bürde. Reuters

Auf seiner Reise durch sechs Länder in Europa, im Nahen Osten und Asien - seiner dritten Mission als Spitzendiplomat Washingtons - hatte Kerry Nordkorea am Wochenende Verhandlungen angetragen. Die USA stünden als „bereitwillige Partner für Unterredungen in gutem Willen bereit", beteuerte er am Sonntag in Tokio.

Doch Nordkorea bleibt hart. Das Land werde sein Nuklearwaffenprogramm nicht zurückfahren, um Gespräche mit den USA aufzunehmen, hieß es am Dienstag in einer von der staatlichen nordkoreanischen Nachrichtenagentur verbreiteten Botschaft, die einem Sprecher des Außenministeriums des Landes zugeschrieben wurde.

Weiter hieß es, die Spannungen hätten sich vor allem wegen der Sanktionen gegen Nordkorea erhöht. Der Westen hatte die wirtschaftlichen Fesseln verhängt, nachdem das Land im Dezember einen Satelliten in Umlauf gebracht hatte. Nach den jüngsten Militärmanövern in Südkorea, bei denen die USA auch Bomber vorgeführt hätten, die als Träger für nukleare Sprengköpfe dienen können, habe sich Nordkorea genötigt gefühlt, „seine nukleare Abschreckung zu erhöhen".

Kerry muss auch Irans Machthaber im Auge behalten

Kerry muss aber nicht nur den jungen Diktator in Nordkorea, dessen Alter auf 29 oder 30 Jahre geschätzt wird, im Auge behalten, sondern auch die Machthaber in Iran. Wie eng beide Länder für den US-Außenminister miteinander verknüpft sind, belegt eine Aussage, die er am Samstag in Peking traf, nachdem er dort mit chinesischen Spitzenpolitikern zusammengetroffen war: „Was im Hinblick auf Nordkorea passiert, kann Iran betreffen. Und was mit Iran geschieht, kann sich auf Nordkorea auswirken."

Die US-Regierung und die Vereinten Nationen beobachten ganz genau, ob Pjöngjang und Teheran möglicherweise bei der Entwicklung von Nuklearwaffen zusammenarbeiten - ein Vorwurf, den beide Länder zurückweisen. Washington und die UN behaupten seit langem, Beweise dafür zu haben, dass sich die Regierungen von Kim Jong Un und Chamenei über den Bau von Raketensystemen abstimmen.

Wo auch immer Kerry auf seiner jüngsten Sechs-Länder-Tournee Station machte, wurde er mit dem Einfluss der beiden starken Männer an der Spitze Nordkoreas und Irans konfrontiert. In Seoul, Peking und Tokio befragte der amerikanische Außenminister asiatische Diplomaten und Beamte der Verteidigungsministerien: Was haben Sie über die Strategie von Kim Jong Un in Erfahrung bringen können? Wie funktioniert die nordkoreanische Regierung in ihrem Kern?

Auf jeder Etappe ihrer Reise versuchten die Mitglieder der US-Delegation angestrengt zu eruieren, ob Kim Jong Un seine Drohung wahrmachen würde, die Mittelstreckenrakete „Musudan" über asiatischen Gewässern zu testen. Viele Beobachter waren davon ausgegangen, dass Nordkorea den Test am Montag vornehmen könnte - dem Geburtstag des verstorbenen Staatsgründers Kim Il Sung, der Kim Jong Uns Großvater war. Der Machthaber läutete den wichtigsten Feiertag des Landes am Sonntag um Mitternacht mit einem Besuch des Mausoleums in Pjöngjang ein, in dem sein Vater Kim Jong Il und sein Großvater begraben sind. Der südkoreanische Verteidigungsminister wiederholte seine Warnung, Nordkorea scheine zu einem Raketenabschuss bereit. Doch ein Start blieb aus, der Tag verstrich ohne Zwischenfälle.

Seit Jahrzehnten schon bedroht die nordkoreanische Herrscherfamilie Kim die Nachbarn Südkorea und Japan. Im Jahr 1974 ermordete ein Attentäter, den Kim Il Sung beauftragt haben soll, die Mutter der jüngst zur südkoreanischen Präsidentin gewählten Park Geun Hye mitten in Seoul. Der Anschlag hatte eigentlich ihrem Vater gegolten. Nach Aussagen asiatischer Sicherheitsbeamter steckt die Familie Kim auch hinter einer Reihe von Entführungen japanischer Staatsbürger, darunter Kinder und Filmstars, die bis in die achtziger Jahre zurückreichen.

Chinas Verhältnis zu Nordkorea hat sich gewandelt

Besonders eingehend erkundigte sich Kerry bei den chinesischen Regierungsvertretern, um Erkenntnisse über die Verhaltensweisen von Kim Jong Un zu gewinnen, berichten führende US-Beamte, die den Außenminister auf seiner Reise begleitet hatten.

Die Kommunistische Partei Chinas und die Volksbefreiungsarmee pflegen seit Jahrzehnten Kontakte zur nordkoreanischen Herrscherfamilie. Sie erfüllt für die Chinesen seit langem eine Pufferfunktion zwischen den amerikanischen und südkoreanischen Streitkräften, die im Süden der demilitarisierten Zone der koreanischen Halbinsel stationiert sind. Die Regierung in Peking und chinesische Unternehmen haben zudem den Bau von Raketensystemen und die Entwicklung der Atomtechnologie in Nordkorea maßgeblich unterstützt, berichten Vertreter der US-Regierung und der UN.

Doch das Blatt scheint sich gewendet zu haben. Die neue chinesische Regierung unter der Führung von Staatspräsident Xi Jinping scheint aufrichtig bestürzt über das kriegerische Gebaren von Kim Jong Un zu sein, berichten US-Beamte, die an den Gesprächen teilnahmen, die Kerry am Samstag in Peking führte.

Mit Kim Jong Uns Vater habe die Regierung Chinas in regelmäßigem Kontakt gestanden. Eine vergleichbare Gesprächsbasis habe sie allerdings mit dem Sohn, der seit 16 Monaten im Amt ist, noch nicht gefunden, berichten die Begleiter Kerrys. Die neue Generation an der Spitze Chinas fühle sich Pjöngjang auch nicht in derselben Weise verbunden wie ihre älteren Vorgänger, die Nordkorea im Koreakrieg von 1950 bis 1953 beigestanden hatten. „Wenn man an die koreanische Kultur denkt, dann fällt es einem schwer, daran zu glauben, dass ein 29- oder 30-Jähriger die vollständige Kontrolle haben sollte über den Beamtenapparat, über das Militär, über das Erteilen von Befehlen und das Abwägen, was diese Befehle bedeuten", sagt ein Referent Kerrys.

Ein weiterer Gegenspieler: Ajatollah Ali Chamenei

Ein weiterer Gegenspieler Kerrys, der eine ganze Reihe außenpolitischer Initiativen der US-Regierung durchkreuzen könnte, ist Irans mächtigste religiöse und militärische Instanz: Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei.

In der vergangenen Woche hatte Kerry in Israel und im Westjordanland einen erneuten US-Vorstoß unternommen, die arabisch-israelischen Friedensgespräche wieder in Gang zu bringen. Der US-Außenminister wirbt für erhöhte amerikanische und internationale Investitionen in den palästinensischen Autonomiegebieten, um die ersten direkten Friedensgespräche zwischen den beiden Seiten seit mehr als zwei Jahren zu untermauern.

Chamenei und seinen Elitesoldaten vom Corps der Islamischen Revolutionsgarden wird von politischen Beobachtern allerdings zugetraut, den Friedensprozess als Geisel zu nehmen. Die Revolutionswächter hätten in den vergangenen zehn Jahren die militanten Palästinensergruppen Hamas und Islamischer Dschihad vor allen anderen mit Geld und Waffen beliefert und unterstützt, erklären amerikanische und arabische Offizielle. Die militanten Gruppierungen haben in den vergangenen Monaten immer wieder vom Gazastreifen aus Israel mit Raketen iranischer Herkunft beschossen, um die israelische Regierung möglicherweise zu einem weiteren militärischen Übergriff auf palästinensisches Territorium zu provozieren.

Nach Beobachtung amerikanischer und europäischer Offizieller ist Chamenei auch dafür verantwortlich, dass Teheran in den Gesprächen mit den USA und anderen führenden Ländern über die Beschneidung des iranischen Atomprogramms nicht von seiner unnachgiebigen Haltung abweicht.

Gespräche über iranisches Nuklearprogramm abgebrochen

Jüngste Gespräche über das iranische Nuklearprogramm, die in diesem Monat in Kasachstan stattfanden, wurden ergebnislos abgebrochen. Es wurden weder Fortschritte erzielt noch ein Termin für weitere Unterredungen vereinbart. Arabische Verbündete und Israel befürchten, Chamenei weise seine Unterhändler an, die internationalen Verhandlungen in die Länge zu ziehen, um Teheran mit einem politischen Deckmantel auszustatten, um seine Atomvorhaben immer weiter voranzutreiben.

In den vergangenen Monaten sei Iran dazu übergegangen, in Nuklearanlagen hunderte technisch weiter fortgeschrittene Zentrifugen zu installieren, die dreimal so leistungsfähig seien wie die gegenwärtigen, berichten US- und UN-Vertreter. Außerdem wurde der Ausbau einer Urananreicherungsanlage in einer befestigten Militäreinrichtung in der Nähe der heiligen Stadt Ghom beendet, die als weitgehend sicher gegen mögliche amerikanische oder israelische Angriffe gilt.

„Chamenei denkt vermutlich, dass er in dem Konflikt mit den USA die Oberhand behält", sagt ein führender israelischer Regierungsbeamter.

Mittlerweile hat sich das amerikanische „Iran Project" mit einem Alternativvorschlag zu Wort gemeldet, der die Diplomatie in den Vordergrund stellt. Die überparteiliche Forschungsgruppe, die von einer Gruppe ehemaliger Diplomaten, Militärvertreter und Abgeordneter unterstützt wird, fand in der Vergangenheit auch Gehör bei US-Verteidigungsminister Chuck Hagel. In einem am Mittwoch vorgelegten Bericht plädiert das Iran Project für zusätzliche bilaterale Gespräche zwischen den USA und Iran. Die US-Regierung solle eine Lockerung der Strafsanktionen in Aussicht stellen, wenn Iran im Gegenzug seine Bestände an angereichertem Uran reduziert und in Nuklearfragen weitere Konzessionen eingeht.

„Diese Option sollte wirklich in Erwägung gezogen werden, bevor man militärische Gewalt anwendet", insistiert der langjährige US-Diplomat Thomas Pickering. Die Einhaltung möglicher Zugeständnisse seitens Iran sollte von internationalen Stellen überwacht und die multilateralen Gespräche ebenfalls fortgesetzt werden.

—Mitarbeit: Alastair Gale und Julian E. Barnes

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