Das Problem beim Sprachenlernen: Am Anfang ist die Motivation hoch - wenige Tage, Stunden oder gar Minuten später landet das Vokabelheft aber häufig in der Ecke. Das Berliner Start-up Babbel setzt mit seiner Online-Software deshalb auch auf spielerische und interaktive Elemente. Erst werden die Vokabeln samt vorgelesener Aussprache erlernt, dann überprüft die App nicht nur die Bedeutung, sondern dank Mikrofon auch die Aussprache der neu erlernten Worte.

Die Vokabeln werden aber auch auf andere Weise verinnerlicht – beispielsweise, indem Begriffe Bilder zugeordnet werden müssen, der Nutzer den Anfangsbuchstaben einer Vokabel wählen oder das gesamte Wort schreiben muss. Der Schwierigkeitsgrad wird dabei schrittweise gesteigert. Die kostenlose App ist als Zusatz für die kostenpflichtigen Online-Sprachkurse von Babbel gedacht, in denen beispielsweise auch die Grammatik vermittelt wird. So können gelernte Vokabeln unterwegs mit dem Smartphone immer wieder aufgefrischt werden – auch kurz zwischendurch, zum Beispiel, wenn der Nutzer gerade auf einen Bus wartet. Viele Sprachschüler nutzen sie aber auch losgelöst davon.

Markus Witte, CEO von Babbel. Babbel

Verwandschaft zu Computerspielen

Gründer und Chef von Babbel, Markus Witte, sieht in dem Ansatz keine Revolution und auch das Trendwort „Gamification" will er nicht in den Mund nehmen – eine Verwandtschaft zur Gameindustrie sieht er dennoch. „Lernen hat auch so immer etwas Belohnendes", sagt er. „Wir vergeben zwar Punkte, um den Lernfortschritt sichtbarer zu machen – aber Lernen an sich macht von vorne herein Spaß, das sollte nicht nur Zuckerguss obendrauf sein". Das Problem sei nur, dass viele Unterrichtsmaterialien den Spaß wieder herausnehmen – zum Beispiel dadurch, dass sie trocken seien. „Es geht uns vor allem darum, Frustration rauszunehmen. "

Dabei nutzt Babbel die digitalen Möglichkeiten voll aus. Zum Beispiel beobachtet das Unternehmen genau, welche Aufgaben bei Nutzern ankommen und welche sie frustrieren und somit zum Aufgeben bringen. Dabei zeigten sich interessanterweise auch Länderunterschiede: So sind die Deutschen beispielsweise deutlich früher bereit, Vokabeln auch einzutippen als die US-Amerikaner, berichtet Witte. Amerikaner lehnten sich lieber zurück und klickten mit der Maus. Allerdings überwiegen länderübergreifend die Gemeinsamkeiten. Keine Überraschung: Grammatik lernt niemand gerne – dies- und jenseits des Atlantiks.

Ein bekanntes Problem beim Erlernen einer Sprache ist die Langzeitmotivation. „Ganz viele geben ganz schnell auf, wenn die Paywall kommt", sagt Witte. „Diejenigen, die aber ein Abo abschließen, bleiben im Schnitt deutlich über ein Jahr dabei, was sehr lang ist", sagt Witte. Damit sind Nutzer gemeint, die das System tatsächlich auch weiterhin aktiv nutzen und nicht das Abonnement laufen lassen. Um diese Zeit weiter zu verlängern, versucht Babbel Frustrationen durch automatisches Feedback der Nutzer weiter abzubauen. „Wir wollen kein leeres Fitnesscenter sein, wo alle brav zahlen aber keiner trainiert", sagt der Gründer. Die größte Hürde ist dabei das Erlernen der Grammatik.

Inzwischen sind die Sprachen Englisch, Spanisch, Italienisch, Französisch, Portugiesisch, Schwedisch, Türkisch, Niederländisch, Polnisch, Indonesisch, Norwegisch und Dänisch verfügbar. Die beliebtesten Sprachen sind dabei Englisch und dann mit weitem Abstand Spanisch und Französisch.

Das Konzept scheint aufzugehen: 12 Millionen Nutzer haben die kostenlose App zum Vokabellernen für iPhone, Android und Windows-Smartphones heruntergeladen. Deutlich weniger nutzen den kostenpflichtigen Kurs zum Erlernen der Sprache samt Grammatik, der entweder online auf der Website oder als iPad-App verfügbar ist. Details will Babbel dazu aber nicht nennen.

Babbel will international wachsen

Dennoch: Seit Frühjahr 2011 war das Unternehmen laut Witte profitabel. Erst durch die jüngste Finanzierungsrunde im März und die Konzentration auf Wachstum habe sich das wieder geändert. Angestrebt ist es bei einem „mittleren Szenario" für das weitere Wachstum in zwei Jahren wieder profitabel zu sein. 93 feste Mitarbeiter arbeiten für das Start-up in Berlin inzwischen – etwa 110 bis 115 frei.

Bundeskanzlerin Angela Merkel probiert Babbel auf der Cebit in Hannover aus. Babbel

Die App-Schmiede aus Berlins Bergmannkiez in Kreuzberg genießt internationale Aufmerksamkeit – selbst die New York Times hat die App schon lobend erwähnt – als „die App, die ich am hilfreichsten fand", erwähnte sie ein Redakteur bei einem Test von Werkzeugen zum Sprachen lernen. Und selbst Kanzlerin Angela Merkel hat die App schon ausprobiert – auf der Computermesse Cebit im März.

Dabei stecken hinter der App gar keine Fremdsprachenexperten. Der berufliche Hintergrund der Gründer ist für die Branche ungewöhnlich: Alle drei Unternehmensgründer – neben Markus Witte sind das Lorenz Heine und Thomas Holl - kommen aus dem Bereich Musiksoftware. Ursprünglich wollten sie ein Onlineportal für die Zusammenarbeit von Musikern gründen. Als aber Lorenz Heine eine Sprache lernen wollte, bemerkte er, dass es dafür kein Online-Angebot gab. „Er stand da mit Rossetta Stone und sagte, dass das das am wenigsten schlechte Produkt ist – und das ist auf CD-ROM, sagt Witte. Der Gründer sieht den Hintergrund aus dem Musikbereich aber als Vorteil. „Wir kommen aus einem Bereich, in dem sehr viel Liebe in das Produkt fließt", sagt er – und bei den Sprachensoftware-Angeboten mangele es oft daran.

Doch auch mit dem eigenen Produkt ist der Unternehmer trotz des Erfolgs bislang noch nicht ganz zufrieden. „Wir stehen relativ zu dem, wo wir hin wollen, ganz am Anfang", sagt Witte. Als nächstes sollen vor allem sämtliche Lerninhalte auf die mobile Smartphone-Plattform wandern. „Eine große Hürde ist dabei natürlich der kleine Bildschirm."

Zuletzt konnte Babbel in einer zweiten Finanzierungsrunde im März 10 Millionen US-Dollar für Wachstum aufnehmen. Als neue Investoren kamen dabei Reed Elsevier Ventures aus London und Nokia Growth Partners dazu. Ebenfalls dabei waren die Altinvestoren IBB Beteiligungsgesellschaft über den VC Fonds Technologie Berlin und Kizoo Technology Ventures.

Großes Wachstum in Brasilien

Das Geld will Babbel in die Weiterentwicklung des Produkts und vor allem die Internationalisierung stecken. Zwar kommen die meisten Nutzer derzeit noch aus Deutschland – auf Platz zwei folgt derzeit aber schon Brasilien mit dem größten Wachstum, dann Frankreich und die USA etwa gleich stark auf Platz drei. Vor allem die USA sollen laut Gründer Witte nun angegangen werden. Schon heute unterstützt Babbel sieben sogenannte Referenzsprachen – so bezeichnen die Macher die Sprachen, die der Nutzer bereits spricht.

Den großen und lukrativen US-Markt hat Babbel natürlich nicht alleine im Blick. Zuletzt hat der Platzhirsch im Bereich der Sprach-Software-Systeme, Rosetta Stone, den Anbieter und Babbel-Konkurrenten Livemocha für 8,5 Millionen Dollar gekauft. Auch in Richtung Babbel hat das Unternehmen seine Fühler schon ausgestreckt, sagt Witte. „Für eine Übernahme sind wir inzwischen aber einfach zu teuer", sagt Witte und verweist dabei auch auf die jüngste Finanzierungsrunde.

Kontakt zum Autor: stephan.doerner@wsj.com