Wachablösung auf dem Platz des Himmlischen Friedens: Xi Jinping steht in seiner Amtszeit vor großen Aufgaben. Reuters

Als Hu Jintao 2002 an die Spitze Chinas vorrückte, war der wirtschaftliche Boden für ihn bereitet. Alle Zeichen standen auf Wachstum, das Land brauchte nur noch abzuheben. Zehn Jahre später sieht die Lage ganz anders aus. Das wirtschaftliche Erbe, das der chinesische Staatspräsident Hu seinem Nachfolger Xi Jinping vermacht, ist ungleich schwerer. Der Wirtschaft könnte die Puste ausgehen. Und die Reformen, die für ein nachhaltiges Wachstum benötigt werden, stecken noch in den Kinderschuhen.

In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Wachstumsrate Chinas halbiert. Hatte sie im Jahr 2007 noch einen Höchststand von über 14 Prozent binnen Jahresfrist erreicht, ist sie im dritten Quartal 2012 auf 7,4 Prozent abgerutscht. Die Krise im Ausland und die Flaute auf dem Heimatmarkt haben ihren Tribut gefordert. Diesen Schrumpfungsprozess aufzuhalten, wird zur drängendsten Aufgabe für Xi Jinping. Xi wird in dieser Woche zum Vorsitzenden der Kommunistischen Parteigekürt. Im kommenden Frühjahr übernimmt er das Amt des Staatspräsidenten.

Während der Amtszeit von Hus Vorgänger Jiang Zemin hatte China weitreichende wirtschaftliche Reformen eingeleitet. Der Wandel gipfelte 2001 in dem Beitritt des Landes zur Welthandelsorganisation WTO. Tausende schwerfälliger Staatsunternehmen wurden geschlossen, das schaffte Platz für das Engagement privater Unternehmer. Der Wohnungsmarkt wurde liberalisiert und ein zehn Jahre währender Immobilienboom nahm seinen Lauf.

„Die Reformen der 1990er Jahre haben einen institutionellen Wandel gebracht. Man könnte behaupten, dass sie die Basis für das Wachstum des letzten Jahrzehnts waren", sagt Stephen Green, der sich als Volkswirt bei Standard Chartered STAN.LN -0,39% Standard Chartered PLC U.K.: London GBp1.136,00 -4,50 -0,39% 01 Okt. 2014 16:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 5,15 Mio. KGV 0,11 Marktkapitalisierung 28,18 Milliarden GBp Dividendenrendite 2,99% Umsatz/Mitarbeiter 176.336 GBp mit China beschäftigt. „Seitdem wurde mehr oder weniger Flickschusterei betrieben, und die Sozialausgaben wurden erhöht."

Mit zehn Jahren des Wachstums, das im Schnitt bei fast zehn Prozent pro Jahr lag, hat sich China im globalen Wirtschaftsvergleich auf Platz zwei katapultiert. Nur den USA musste das Land noch den Vortritt lassen. Millionen Chinesen konnten sich aus den Fängen der Armut befreien. Und gleichzeitig ist eine Mittelschicht entstanden, die zur Zielgruppe aller Unternehmen der Welt geworden ist.

Bedingungen werden schwieriger

Doch das schnelle Wachstum könnte auch Hus Ambitionen gedämpft haben, die nötigen Reformen durchzudrücken. Die Rücksichtnahme auf die Besitzstände reformfeindlicher Interessensgruppen kam erschwerend hinzu. Und in den letzten Jahren seiner Amtszeit sah sich Hu vor allem mit der dringenden Aufgabe konfrontiert, auf die Finanzkrise zu reagieren.

Von 2002 bis 2007 legten die chinesischen Exporte durchschnittlich um fast 30 Prozent pro Jahr zu. Abermillionen neue Arbeitsplätze wurden so geschaffen. Aber während sich Hu auf seinen Abgang vorbereitet, präsentiert sich das Modell exportorientierten Wachstums als lädiert. Denn die Löhne steigen, die Landeswährung ist stärker geworden und die Zahl der Märkte ist begrenzt, die sich neu erschließen ließen.

Zhou Yi leitet die Firma Xiehe Wire Cable. Das im Exportzentrum Dongguan ansässige Unternehmen produziert Komponenten für Elektrogeräte und Autos. Im Jahr 2008 waren bei Xiehe 150 Mitarbeiter beschäftigt, jetzt arbeiten noch 90 Menschen für Zhou. „Ich habe meine Firma 1998 gegründet. Unser Umsatz stieg pro Jahr um 25 bis 30 Prozent - bis zur Finanzkrise 2008", erzählt der Manager. „Die Umsätze haben das Vorkrisenniveau noch nicht wieder erreicht." Pläne, sein Geschäft auszubauen, habe er nicht.

Einem ähnlichen Trend ist der chinesische Immobiliensektor gefolgt. Auf das rapide Wachstum der Anfangsjahre nach der Liberalisierung folgen jetzt ungleich schwierigere Bedingungen. Als Hu die Präsidentschaft übernahm, war der Bedarf nach angemessenem Wohnraum in China immens. Die Stadtbewohner lebten größtenteils in baufälligen Mietskasernen und in den Schlafsälen der Fabriken. Als sich die Einkommen verbesserten und immer mehr Chinesen in die Städte strömten, florierten die Immobilieninvestitionen. Die Verwaltungen der Kommunen, die ebenfalls von dem Boom profitieren wollten, verkauften Grundstücke en Masse an die Entwickler.

Nun ist dem Aufschwung die Luft ausgegangen, und halbfertige Bauten verunstalten die Silhouetten der Städte. „Nach den vergangenen Investitionen haben wir derzeit ein Überangebot und ganz real ein langsameres Nachfragewachstum", konstatiert Jinsong Du, Immobilienanalyst für China bei Credit Suisse. CSGN.VX -0,23% Credit Suisse Group AG Switzerland: SWX Europe CHF26,41 -0,06 -0,23% 01 Okt. 2014 17:31 Volumen (​15 Min. verzögert) : 4,03 Mio. KGV N/A Marktkapitalisierung 42,54 Milliarden CHF Dividendenrendite 2,65% Umsatz/Mitarbeiter 740.848 CHF Nach zehn Jahren starker Zuwächse sind die im Bau befindlichen neuen Nutzflächen in den ersten zehn Monaten 2012 im Jahresvergleich um 12,7 Prozent gefallen.

Bedürfnisse sind abgdeckt

Die Reformen im Staatssektor treten auf der Stelle und sind in einigen Fällen sogar wieder rückgängig gemacht worden. Unter Hus Leitung waren strategisch wichtige Branchen wie die Energieerzeugung, die Petrochemie und das Bankwesen ohnehin von privater Konkurrenz verschont worden. Sein Industrieprogramm zielte auf die Schaffung nationaler Champions ab, die die Binnenwirtschaft verzerrten und die China zusehends Konflikte mit seinen Handelspartnern einbringen. „Auch wenn die Reformen jetzt schon über dreißig Jahre andauern, haben private Unternehmen immer noch nicht die gleichen Rechte, was den Marktzugang in unterschiedlichen Sektoren angeht", urteilt Lu Feng, stellvertretender Dekan an der Nationalen Schule für Entwicklung an der Peking Universität.

Chinas goldene Jahre - ein Aufstieg in Zahlen

Gleichzeitig hat die Zahl der Erwerbstätigen in China ihren Höchststand erreicht und wird künftig kleiner werden. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen wird die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter in China von 2000 bis 2015 um 103 Millionen gestiegen sein. Durch diesen Zuwachs blieben die Löhne auf niedrigem Niveau und die Wettbewerbsfähigkeit des Landes in punkto Exporte wurde enorm erhöht. Doch zwischen 2015 und 2030 werden 69 Millionen Menschen aus dem Erwerbsleben ausschieden. China wird sich dann mit den gegenteiligen Effekten herumschlagen müssen, was zu neuen Diskussionen über die Sinnhaftigkeit der chinesischen Ein-Kind-Politik führen dürfte.

Bei Hus Amtsantritt war China so ausgehungert nach Maschinen und Infrastruktur, dass sich Investitionen in Fabriken, Straßen und Brücken gewöhnlich auszahlten. Doch diese Bedürfnisse sind mittlerweile weitgehend abgedeckt, so dass die Rentabilität derartiger Investitionen ebenfalls abnimmt. Die Bereitschaft der Firmen, dafür Darlehen aufzunehmen, und die Bereitschaft der Banken, Kredite zu gewähren, haben daher einen Dämpfer erhalten. Die Kapazitätsauslastung in der chinesischen Wirtschaft ist von fast 90 Prozent zu Beginn der 2000er Jahre auf rund 60 Prozent im Jahr 2011 zurückgefallen, schätzen Volkswirte des Internationalen Währungsfonds. Die Folge ist eine Schmälerung der potenziellen Wachstumsrate Chinas. Sie dürfte sich von jährlich rund zehn Prozent im Jahr 2008 auf sieben bis 7,5 Prozent im Jahr 2012 reduziert haben, veranschlagt Nathan Sheets, Volkswirt bei der Citigroup. C -1,39% Citigroup Inc. U.S.: NYSE $51,10 -0,72 -1,39% 01 Okt. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 20,38 Mio. NACHBÖRSLICH $51,10 0,00 % 01 Okt. 2014 16:08 Volumen (​15 Min. verzögert) : 166.570 KGV 16,75 Marktkapitalisierung 157,80 Milliarden $ Dividendenrendite 0,08% Umsatz/Mitarbeiter 349.582 $

Nun lässt sich allerdings nicht behaupten, dass die Regierung unter Hu überhaupt nichts unternommen hat, um wirtschaftliche Reformen voranzubringen. So wurden zum Beispiel die Agrarsteuern abgeschafft und die Einkommen der 650 Millionen chinesischen Landbewohner erhöhten sich. Die öffentlichen Dienstleistungen wurden ausgebaut, die Schulversorgung etwa wurde erweitert. Dadurch verblieben den privaten Haushalten mehr Mittel, die sie für den Konsum ausgeben konnten.

Der 52-jährige Bauer Wu Yaojin lebt in der Provinz Shaanxi. Auf einem kleinen Familiengrundstück baut er Reis und anderes Getreide an. „Die Agrarsteuer wurde vor ungefähr fünf Jahren abgeschafft. Vor vier Jahren haben wir dann eine Krankenversicherung bekommen, die 80 Prozent der Krankenhauskosten abdeckt. Und seit dem vergangenen Jahr erhalten wir eine Altersvorsorge", berichtet er. „Diese Maßnahmen haben eine große Last von uns genommen."

Löhne auf Wachstumskurs

Die vier großen Banken wurden an die Börse gebracht. Damit verstärkten sich die Anreize für die Institute, nach den Prinzipien des Marktes zu arbeiten. Allerdings wurden diese Grundsätze in den Jahren 2009 und 2010 teilweise wieder durchkreuzt, als sich die Regierung an die Banken wendete, damit sie billionenschwere Projekte der Lokalverwaltungen zur Ankurbelung der Konjunktur finanzierten. Mittlerweile deutet sich allerdings an, dass die Reformen auf dem Finanzsektor wieder auf den richtigen Kurs gelenkt werden. So sollen etwa die streng kontrollierten Zinssätze liberalisiert werden.

Timeline: China - der lange Marsch zur Wirtschaftsmacht

Seit Beginn der Aufwertung des Yuan im Jahr 2005 hat die chinesische Landeswährung gegenüber dem Dollar um 31 Prozent zugelegt. Das ist ein weiterer Faktor, der die Wachstumsimpulse von den Exporten wegverlagert und der dazu beiträgt, die Ungleichgewichte in den chinesischen Handelsflüssen zu verringern.

Und auch die demographischen Veränderungen in der chinesischen Gesellschaft werden letztendlich dazu beitragen, die Wirtschaft neu auszutarieren und sich dabei stärker auf den privaten Konsum zu verlassen. Denn ein kleinerer Pool an Arbeitskräften wird die Löhne nach oben treiben.

Der 47-jährige Zhou Liangwen aus der Provinz Sichuan arbeitet in einer Möbelfabrik in Shenzhen. Im Jahr 2002 verdiente er gerade einmal 500 Yuan oder 80 Dollar im Monat. Heute nimmt er mehr als 3000 Yuan mit nach Hause.

Die Haushaltseinkommen wachsen jetzt schneller als die Wirtschaft als Ganzes und bilden so ein wesentliches Element für eine Wiederherstellung des Gleichgewichts. Im Jahr 2011 rückte der Anteil des Konsums der privaten Haushalte am Bruttoinlandsprodukt auf 35,4 Prozent vor nach 34,9 Prozent im Vorjahr. Das ist zwar im historischen und internationalen Vergleich immer noch äußerst niedrig, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Vor Strukturreformen zurückgeschreckt

Doch größtenteils hat sich die chinesische Führungsspitze in den vergangenen zehn Jahren damit begnügt, die Wachstumsrate bis ins Kleinste zu steuern. Vor tief greifenden strukturellen Reformen sind die führenden Politiker jedoch zurückgeschreckt. Dieser Ansatz funktioniere nicht mehr, warnte US-Finanzminister Timothy Geithner.

„Die Wirtschaft Chinas ist jetzt viel komplizierter. Sie können nicht nur herumsitzen und die Rädchen so verstellen, wie sie das immer gemacht haben. Und das soll dann zu einer bedeutenden Ausweitung der Aktivitäten führen, ohne dass man dabei Verzerrungen und langfristige Probleme riskiert", sagte Geithner im vergangenen Monat in Japan.

Huang Yiping, Volkswirt für China bei Barclays Capital, kann verstehen, warum sich die chinesische Polit-Elite bisher vor radikaleren Reformen gedrückt hat. „Im Grunde sind alle Politiker gleich. Reformen bringen immer Risiken mit sich. Wenn du ein gutes Wachstum auch ohne Reformen erzielen kannst, warum solltest du dann das Risiko eingehen?"

—Mitarbeit: Esther Fung, Kersten Zhang und Olivia Geng

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