Die Stimmung an der Wall Street hat sich in dieser Woche leicht eingetrübt, aber die Party ist nach Meinung von Experten noch lange nicht vorbei. Die Jahresanfangsrally, die den viel beachteten US-Index Dow Jones Industrial in der Spitze bis auf ein Prozent an sein Rekordhoch aus dem Jahr 2007 geführt hat, könnte noch viel weiter laufen.

Für Anleger, die jetzt einsteigen wollen, sind Aktien zwar nicht mehr günstig. Der Standard & Poor's-Index ist mit dem 14-Fachen der für 2013 erwarteten Gewinne bewertet, der Dow kostet knapp 13 Mal so viel, wie seine Mitglieder dieses Jahr vermutlich verdienen werden. Zum Vergleich: Auf dem Rekordhoch im Jahr 2007 kam der Dow auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 16. Angesichts der extrem niedrigen Zinsen hat der Aktienmarkt selbst dann noch Potenzial nach oben, falls das Gewinnwachstum verhalten bleiben sollte.

Viele Anleger haben trotz der starken Entwicklung am Aktienmarkt bis vor kurzem Anleihen bevorzugt. Das zeigen die Mittelzuflüsse in Investmentfonds. Das bedeutet, dass es nach wie vor gewaltige Mengen an Geld gibt, die in Aktien umgeschichtet werden könnten. "Wenn es tatsächlich eine große Rotation von Anleihen in Aktien geben sollte, stehen wir erst am Anfang", sagt Jason Trennert, Chef-Anlagestratege bei Strategas Research Partners in New York. Seiner Meinung nach gibt es für Investoren, die anständige Renditen erzielen wollen, keine Alternative zu Aktien.

Händler an der Wall Street: Die Euphorie am Aktienmarkt wächst. Getty Images

Weitere Impulse für Aktien könnten von Stiftungen und Pensionsfonds kommen, die ihr Geld im vergangenen Jahrzehnt aus Aktien abgezogen und in alternative Alternativen wie Private Equity, Immobilien oder rohstoffbezogene Produkte gesteckt haben.

Dieser Trend könnte sich jetzt umdrehen, da es für Hedgefonds und andere Alternativen schwer werden dürfte, mit einem stetig steigenden Aktienmarkt Schritt zu halten. Im vergangenen Jahr hat der S&P 500 über 16 Prozent zugelegt, 10 Prozentpunkte mehr als der durchschnittliche Hedgefonds, zeigen Zahlen von Hedge Fund Research. Wenn die Erträge der großen Stiftungen und Pensionsfonds leiden, werden auch sie unter Druck kommen, ihren Aktienanteil zu erhöhen.

"Wenn der S&P 500 sein altes Hoch übersteigt, könnten die öffentliche Meinung und der Zungenschlag in den Medien kippen", sagt Jim Paulsen Chefanlagestratege bei Wells Capital Management in Minneapolis. Statt von einem "verlorenen Jahrzehnt" zu sprechen, würde man dann womöglich fragen: "Sind Sie zu konservativ und verpassen den neuen Bullenmarkt?"

Nebenwerte-Indizes bereits auf Rekordhoch

Der Dow Jones Index beendete die vergangene Woche bei 14.009 Punkten. Zu diesem Zeitpunkt lag er 6,9 Prozent höher als zu Jahresbeginn und nur noch 156 Punkte von seinem Allzeithoch bei 14.165 Punkten entfernt, das er im Oktober 2007 markiert hatte. Der S&P 500 lag 2013 in der Spitze schon 6 Prozent im Plus und ist damit bis auf 3 Prozent an sein 2007er-Hoch bei 1.565 Punkten herangekommen.

Ein Stück weiter sind bereits die kleineren Werte an der Wall Street. Nebenwerte-Indizes haben ihre einstigen Höchststände aus dem Jahr 2007 bereits 2011 erreicht und die Rekordjagd danach fortgesetzt. Auch vergangene Woche gab es neue Hochs. Der S&P MidCap 400 Index etwa hat in diesem Jahr bereits 8 Prozent gewonnen, beim noch breiter gefassten Russell 2000 Index sind es bisher rund 7 Prozent. Bereits im vergangenen Jahrzehnt hatten Nebenwerte die Aktien großer Konzerne hinter sich gelassen.

Zu den größten Optimisten für 2013 zählte Ende vergangenen Jahres Stephen Auth, der die Anlagestrategie bei Federated Investors verantwortet. Sein Kursziel von 1.660 Punkten für den S&P 500 – das sind 10 Prozent mehr als aktuell – wirkt inzwischen längst nicht mehr ausgefallen. "Es braucht keine großen Gewinnzuwächse, um dorthin zu kommen. Die Anleger müssen nur bereit sein, Aktien eine vernünftige Bewertung zuzubilligen", sagt er.

Auth erwartet, dass die Anleger Aktien in dem Augenblick ein höheres Kurs-Gewinn-Verhältnis zuschreiben, in dem das Risiko einer erneuten Finanzkrise schwindet. Aus seiner Sicht gibt es etliche Kaufargumente für amerikanische Aktien, darunter die lockere Geldpolitik weltweit, die Erholung am US-Immobilienmarkt, ein Comeback der US-Industrie, der Energieboom in den USA sowie der bessere Konjunkturausblick in Brasilien und China.

Allerdings können auch die Bären ein paar Punkte aufbringen, darunter die minimalen Fortschritte der USA bei ihren strukturellen Haushaltsproblemen, die negativen wirtschaftlichen Folgen der Steuererhöhung zu Beginn des Jahres, die Schwäche Europas sowie unter dem Strich trübere Gewinnaussichten für die Unternehmen.

Schwache Gewinne müssen Aktienrally nicht hemmen

Die Gewinnschätzungen für die Unternehmen im S&P 500 im laufenden Jahr sind zuletzt gesunken, und bereits im vergangenen Jahr lag das Gewinnwachstum lediglich bei 5 Prozent. In diesem Jahr erwarten Anlagestrategen eine Zunahme der Gewinne um sechs Prozent. Schaut man auf die Analysten und ihre Schätzungen für die einzelnen Unternehmen, fallen die Prognosen etwas freundlicher aus.

Nach Meinung von Jim Paulsen ist das kein Problem. Aktien und Gewinne liefen häufig nicht im Einklang. So hätten sich die Gewinne seit 2000 verdoppelt, der S&P 500 dagegen liege auf dem gleichen Niveau wie damals. Anders herum gebe es Phasen, in denen Aktien besser laufen als die Gewinne. Aktuell könnte solch eine Phase sein.

Auch Trennert von Strategas Research sieht von der Bewertung her noch Spielraum für höhere Kurse. Dabei bezieht er sich unter anderem auf die so genannte 20er-Regel und das Fed-Modell. Die 20er-Regel besagt schlicht, dass der Aktienmarkt bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 20 minus der Inflationsrate fair bewertet ist, aktuell wäre dies also bei einem KGV von 18 der Fall. Das Fed-Modell, das in den 1990er-Jahren sehr verbreitet war, kommt sogar auf ein KGV von 50. Dahinter steht die Idee, dass die Gewinnrendite am Aktienmarkt (definiert als das inverse KGV) der Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen entsprechen sollte. Und die liegt im Moment bei lediglich 2 Prozent.

So illusorisch die Zahlen auf den ersten Blick wirken. Letztlich sollen sie vor allem verdeutlichen, dass der Aktienmarkt noch reichlich Luft nach oben hat. Dabei ist der aktuelle Bullenmarkt, der bis ins Jahr 2009 zurückreicht, schon jetzt einer der kräftigsten der vergangenen fünf Jahrzehnte. Der S&P 500 hat seit seinem Tief bei 676 Punkten 124 Prozent zugelegt. Damit liegt er aber immer noch weit hinter dem enormen Aufschwung in den 1990er-Jahren, als sich der Index vervierfachte.

Während sich damals alle Welt auf Aktien stürzte, haben sich die führenden institutionellen Investoren im vergangenen, "verlorenen Jahrzehnt" für Aktien auf alternative Anlagen wie Hedgefonds, Private Equity, Immobilien oder Rohstoffe fokussiert.

Großinvestoren sind noch unterinvestiert

Einflussreiche Großinvestoren sind nach wie vor schwach in Aktien investiert – die Stiftungen der Unis in Harvard, Yale und Princeton etwa oder die Pensionsfonds Ford und General Motors. Besonders extrem ausgeprägt ist die Zurückhaltung in Yale: Die Stiftung hält gerade einmal 6 Prozent ihres Vermögens in US-Aktien, die gesamte Aktienquote inklusive ausländischer Papiere liegt bei 14 %. Auch andere Universitätsstiftungen mit einem Anlagevermögen von einer Milliarde Dollar und mehr hatten im Schnitt lediglich 27 Prozent des Geldes in Aktien investiert. Vor einem Jahrzehnt lag dieser Wert noch bei 45 Prozent. Im Gegenzug halten sie 61 Prozent des Vermögens in alternativen Anlagen, zeigen Daten der National Association of College and University Business Officers. Mit dem Vermögensmix von 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen, den große Institutionelle lange Zeit bevorzugten, hat das nichts mehr zu tun.

David Swensen, Stiftungsdirektor in Yale, gehört zu den erfolgreichsten und einflussreichsten institutionellen Investoren der USA. Das verdankt er vor allem alternativen Anlagen, die mittlerweile 70 Prozent des 19 Milliarden Dollar schweren Stiftungsvermögens ausmachen.

Die starke Gewichtung der Alternativen im Vermögensmix, die in den vergangenen zehn Jahren eine reichte Ernte einbrachte, ist in der gegenwärtigen Phase jedoch womöglich keine so großartige Idee, wenn die Aktienmärkte weiter so gut laufen. Der Sektor ist überlaufen: Private-Equity-Firmen sitzen auf Hunderten Milliarden Dollar an "trockenem Pulver" oder Anlageversprechen von Kunden. Und die hochgradig wettbewerbsintensive Hedgefonds-Branche hat es zunehmend schwer, überdurchschnittliche Renditen – im Fachjargon „Alpha" genannt – zu erwirtschaften, da Tausende von Fonds den Aktienmarkt nach Chancen absuchen. Die hohen Gebühren, die sowohl Private-Equity- als auch Hedgefonds verlangen, sind ein zusätzliches Hemmnis.

Ein Hedgefonds, der von seinen Kunden eine Grundgebühr von 1,5 Prozent nimmt und zusätzlich 20 Prozent der eingefahrenen Gewinne einbehält, dürfte es bei einer Aktienquote von 50 Prozent – aufgeteilt in Long- und Short-Positionen – schwer haben, besser abzuschneiden als der steigende Aktienmarkt. Lediglich den allerbesten Hedgefonds-Managern dürfte das gelingen. Warren Buffett hat vor einigen Jahren mit einem Fondsmanager gewettet, dass der S&P 500 eine Gruppe von Hedgefonds-Managern schlagen würde – bisher liegt er richtig.

Bezeichnend ist, dass es in den vergangenen Jahren nur wenige Neugründungen traditioneller Long-Only-Aktienfonds gegeben hat und nur wenige neue Produkte außerhalb der größten Fondshäuser aufgelegt wurden. Warum sollte jemand auch einen traditionellen Fonds starten, wo es so viel lohnender war, einen Hedgefonds zu verwalten?

Schlechte Aussichten für Anleihen

Jetzt jedoch gewinnen Aktien wieder die Oberhand. Auch Anleihen, die in den vergangenen Jahren eine gute Alternative zu Aktien waren, können 2013 nicht mehr Schritt halten, da Investoren ein stärkeres Wirtschaftswachstum erwarten, eine möglicherweise anziehende Inflation ebenso fürchten wie eine Beschneidung des massiven Anleihekaufprogramms der US-Notenbank. Sollten die niedrigen Anleiherenditen Bestand haben, dürfte das Privatanleger anspornen, mehr Geld in Aktien umzuschichten.

Das Problem mit den Anleihen ist, dass es bei einem Einstieg auf dem aktuellen Zinsniveau rein mathematisch schon schwierig ist, mit ihnen anständige Erträge zu erzielen. Und der Rückschlag am Markt für US-Treasuries zu Beginn dieses Jahres zeigt, welchen Einfluss schon ein relativ kleiner Zinsanstieg haben wird. Langlaufende US-Staatsanleihen haben in den ersten Wochen des Jahres zwei bis drei Prozent verloren, während die breiter gefassten Anleiheindizes, die auch hochklassige Unternehmensbonds enthalten, auf der Stelle treten.

Selbst hochdekorierte Fondsmanager tun sich in diesem Umfeld schwer. Der schwer gewichtige Pimco Total Return fund unter Leitung von Bill Gross hat es im vergangenen Jahr trotz superniedriger Zinsen geschafft, zehn Prozent Rendite zu erwirtschaften. Im laufenden Jahr findet Gross jedoch weniger Bereiche, in denen er punkten kann. Seit Januar steht daher ein leichtes Minus zu Buche.

Auch Hochzinsanleihen – die so genannten Junkbonds – haben 2013 bisher nur minimal zugelegt, nachdem sie im vergangenen Jahr noch mit dem 16-prozentigen Kursanstieg des S&P 500 Schritt halten konnten. Angesichts einer durchschnittlichen Rendite von 5,8 Prozent bei der Ausgabe neuer Junkbonds sind nennenswerte Erträge zunächst auch unwahrscheinlich. Die Gewinnrendite im S&P 500 liegt derzeit oberhalb der von Junkbonds, was nur sehr selten vorkommt. Ein weiteres Argument, das für Aktien spricht.

Noch liegt der S&P 500 nicht nur unter seinem Allzeithoch, sondern auch niedriger als auf dem Höhepunkt im Jahr 2000. Sollten sowohl private als auch institutionelle Investoren die Rally weiter anfeuern, dürfte es am Aktienmarkt bei den immer noch niedrigen Bewertungen noch viel Geld zu verdienen geben. In den ersten zehn Jahren dieses Jahrhunderts glänzten die alternativen Anlagen. Das aktuelle Jahrzehnt könnte den Aktien gehören.

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