PARIS – Der französische Präsident François Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel haben bei ihrem Treffen vor dem EU-Gipfel das getan, was Freunde oft tun, wenn sie Zeit haben: Ein Fußballspiel anschauen, in diesem Fall das zwischen Frankreich und Deutschland. Doch ist die zur Schau getragene Geselligkeit nur aufgesetzt? Abseits des Feldes braut sich ein neuer Konflikt zusammen.

Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande beim Fußballländerspiel Frankreich gegen Deutschland im Stade de France. dapd

Frankreich und Deutschland ist es gelungen, viele Themen mit Konfliktpotenzial ohne großes Getöse beizulegen oder zumindest zu entschärfen: Die Eurozone ist nicht auseinandergebrochen, Griechenland bleibt im gemeinsamen Währungsraum. Die Risikoaufschläge auf spanische und italienische Staatsanleihen sind seit ihren Hochständen wieder abgesunken. Die Bankenunion nimmt Form an. Das vertieft die Beziehung zwischen den Staatschefs der zwei größten Volkswirtschaften Europas.

"Es scheint, dass die beiden mit viel Geduld eine Beziehung aufgebaut haben, die auf Vertrauen basiert", sagt Hélène Miard-Delacroix, eine auf die deutsch-französischen Beziehungen spezialisierte Professorin an der Sorbonne."Sie haben einen Weg zur Zusammenarbeit gefunden."

Doch die sich entwickelnde Beziehung zwischen Hollande und Merkel – öffentlich demonstriert beim gemeinsam angeschauten Fußball-Freundschaftsspiel - könnte zum Opfer des eigenen Erfolgs werden. Deutschland und Frankreich nehmen bei der Frage, wie man der Erstarkung des Euro begegnen sollte, sehr unterschiedliche Positionen ein. Und die Verteidigung nationaler Interessen könnte die beiden Staatschefs in neue Konflikte führen.

Bei seiner ersten Rede vor dem Europäischen Parlament seit seiner Wahl, einen Tag vor dem Treffen mit Merkel, forderte Hollande eine gemeinsame Wechselkurspolitik der Eurozone. Man könne den Euro nicht einfach „je nach Laune des Marktes" hin- und herschwanken lassen. Das aktuell hohe Niveau des Euro würde die Bemühungen der europäischen Regierungen unterhöhlen, ihre Konjunktur wieder anzukurbeln.

Die Antwort aus Berlin ließ nicht lange auf sich warten. "Wechselkurspolitik ist kein geeignetes Instrument, um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Anders als Frankreich sei Deutschland auch davon „überzeugt", dass der starke Euro kein Problem sei.

Doch trotz der Differenzen – Hollande und Merkel harmonierten beim Besuch des Fußballspiels im Stade de France. In der Halbzeit sagte Merkel zu einem Reporter eines französischen Fernsehsenders, das Spiel sei „genauso spannend wie ein EU-Gipfel, mindestens". Hollande sagte: „Ich schätze die Kanzlerin sehr, weil sie Fußball mag und sie das zeigt."

Das war nicht immer so. Der Beginn der Beziehung nach der Wahl des französischen Präsidenten war eher holprig. Die Spannungen entstanden sogar schon vor seiner Wahl, da die Kanzlerin offen seinen Gegenkandidaten im Wahlkampf unterstützte, den ehemaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Sie weigerte sich, Hollande während des Wahlkampfs zu empfangen.

Nach der Wahl griff Hollande die vom deutschen Modell inspirierten Austeritätsvorschriften für die hochverschuldeten Euro-Sorgenkinder Griechenland und Spanien an. Ursprünglich wollte er in die traditionelle Zweierrunde Frankreich und Deutschland noch Italien und Spanien holen. Merkel wiederum stellte klar, dass die Forderung nach strikten Sparmaßnahmen unverhandelbar ist.

Wie schon so oft in der langen und geschichtsträchtigen deutsch-französischen Beziehung rauften sich die beiden schließlich zusammen. Merkel stimmte dem 120 Milliarden Euro schweren Wachstumspakt für Europa zu, das Hollande unterstützte. Hollande unterzeichnete den Fiskalpakt und brach damit sein Wahlversprechen. Im Oktober einigte man sich auf einen neue gemeinsame Bankenaufsicht.

"In einer Beziehung ist es normal, dass die beiden Teilnehmer unterschiedliche Meinungen haben. Wichtig ist, ob sie zusammenfinden oder nicht", sagt Guntram Wolff, stellvertretender Direktor der in Brüssel ansässigen Denkfabrik Bruegel. Analysten sagen auch, dass Hollandes schnelle Reaktion auf die sich ausweitenden Islamisten-Angriffe in Mali seinem Ansehen in Deutschland geholfen habe.

Nicht nur auf politischer Ebene kommt man sich näher, auch die persönliche Beziehung der beiden wird besser. Bei dem 50-jährigen Jubiläum des Élysée-Vertrags hätten sich die beiden erstmals geduzt, sagte ein französischer Vertreter, der vor Ort war.

Von den neuen Vertraulichkeiten ihres Anführers mit den Deutschen lassen sich französische Staatsvertreter jedoch nicht beirren. Nur wenige Stunden vor dem Treffen im Fußballstadion sagte der französische Finanzminister Pierre Moscovici, es sei „unter Europäern legitim, über die faire Bewertung unserer Währung zu diskutieren, und wie wir dorthin gelangen können."

Die Unstimmigkeit über den Euro zeigt, wie fundamental sich die beiden größten Volkswirtschaften der Eurozone unterscheiden. Exportland Deutschland ist von kleinen Schwankungen des Euro weniger betroffen als Frankreich mit seinem großen Handelsdefizit. Die schmalere Gewinnmarge der französischen Unternehmen macht sie außerdem anfälliger für Wechselkursschwankungen. Hinzu kommt eine andere wirtschaftspolitische Grundhaltung: "Die Deutschen sind eher marktorientiert, die Franzosen hingegen werten einen Eingriff der Zentralbank oder des Staates nicht als negativ", sagt Jörg Rocholl, Präsident der ESMT European School of Management and Technology in Berlin.

Das Freundschaftsspiel am Mittwoch bringt beiden Regierungschefs nützliche Bilder für den Wahlkampf. Für Guntram Wolff vom Thinktank Bruegel ist die intendierte symbolische Wirkung klar. "Es soll eine klare Botschaft senden: Sie spielen gemeinsam."

—Mitarbeit: James Angelos

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de