Aufbruchstimmung mit einer alten Idee: Die Energiewende liefert nicht nur den Erneuerbaren mächtig Aufwind, auch der gemeinschaftliche Geschäftsbetrieb von kleinen Solarstromanlagen in der Genossenschaft erfreut sich einer Renaissance.

Beim ersten Bundestreffen der deutschen Energiegenossenschaften im Berliner Haus der DZ Bank im vergangenen November drehte sich alles um eine dezentrale und genossenschaftlich gestaltete Energiewende. Nach Angaben des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbandes werden in Deutschland inzwischen pro Woche drei neue Energiegenossenschaften aus der Taufe gehoben.

So sind im vergangenen Jahr bundesweit allein 150 neue Energiegenossenschaften entstanden. Mittlerweile gibt es in Deutschland über 600 von ihnen. Mehr als 80.000 Bürger sind in ihnen engagiert. Das Finanzvolumen der meist kleineren Projekte im Bereich der Erneuerbaren Energien hat nach Angaben des Genossenschaftsverbandes 2012 die Marke von 800 Millionen Euro überschritten.

Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das schaffen viele"

In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Idee der genossenschaftlichen Selbsthilfe von Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch ins Leben gerufen. Nach Jahren der Blüte in Handel, Banken, Wohnungsbau und in der Landwirtschaft schien die Idee in den letzten Jahren eher auf dem Rückzug in die Nische zu sein. Im Energiebereich liegt sie nun voll im Trend. In Städten, Dörfern und Landkreisen folgen Gleichgesinnte Raiffeisens Idee „Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das schaffen viele" und gestalten die von der Bundesregierung ausgerufene Energiewende „von unten".

In Nordbayern, im Landkreis Rhön-Grabfeld, funktioniert dieses Prinzip bereits seit einigen Jahren. Hier wurde im Sommer 2008 die „Friedrich-Wilhelm Raiffeisen Energie eG" gegründet. Sie finanziert und betreibt gemeinschaftliche Solaranlagen auf öffentlichen und privaten Dächern. Interessierten Bürgern können sich an den inzwischen 22 Sonnenenergieprojekten durch Mitgliedschaft beteiligen und von ihrem Ertrag profitieren – von „sauberen Zinsen", wie es heißt. Eigentümer großer Dächer erzielen Einnahmen für die Vermietung ihrer Flächen.

Erste Erfolge hat die „Friedrich-Wilhelm Raiffeisen Energie eG" auch schon zu verzeichnen: In der kleinen Gemeinde Großbardorf setzte sie die genossenschaftliche Idee so erfolgreich um, dass diese vom Bundeslandwirtschaftsministerium als „Bioenergiedorf 2012" ausgezeichnet wurde.

Wegweisend ist auch das Vorhaben „19 Kommunen – ein Ziel!", das in der Oberpfalz ins Leben gerufen wurde. Hier arbeiten in der „Neue Energien West eG" Kommunen, Stadtwerke und Bürgergenossenschaften Hand in Hand. Seit 2009 konnten mit Hilfe der Bürger rund 45,5 Millionen Euro in Projekte der Erneuerbaren Energien investiert werden. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: In dieser Region werden bereits 50 Prozent des Strombedarfs alternativ erzeugt.

Nach dem großen Erfolg wollen die Verantwortlichen nun einen Schritt weitergehen und suchen nach Möglichkeiten, die Bürger an den Stromnetzen und ihrem Ausbau zu beteiligen. Ähnliche Fragen stellt man sich auch in Nordfriesland. Nachdem sich 90 Prozent des Windparks der Gemeinde Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog in Bürgerhand befinden, soll nun weiteres Geld bei den Bürgern für den Ausbau der Netze eingesammelt werden.

Der Vorteil solcher Modelle ist: Der meist überschaubare Verbund lokaler Partner im Genossenschaftsverbund vor Ort fördert Transparenz und lässt etwaige Schieflagen einzelner Vorhaben rascher als bei Großprojekten öffentlich werden. Die bis dato recht zuverlässige Rechtsgrundlage zur Stromeinspeisung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) begrenzt auch die Risiken für die Anleger, sprich: Genossenschaftsmitglieder. Zudem steckt in solchen Projekten meist nur wenig Fremdkapital.

Ohnehin steht bei den Motiven der Anleger nicht nur das Geld an erster Stelle, sondern der Gedanke, einen sauberen Beitrag zur regionalen Energieversorgung zu leisten. Ganz nebenbei kann sich aber auch meist die finanzielle Ausbeute sehen lassen.

Bei Banken nämlich bekommen Sparer für die konventionelle Geldanlage zurzeit kaum nennenswerte Zinsen. Der Stromzähler bilanziert also: Das lokale Engagement in einer Energiegenossenschaft kann sich für alle Beteiligten lohnen. Vorausgesetzt, die Beteiligten gehen jedes einzelne Vorhaben solide und transparent an, in einer ausgewogenen Mixtur zwischen „sozialer", ökologischer und monetärer Rendite.

Lothar Lochmaier arbeitet als freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Er beschäftigt sich seit Jahren mit den Themen Energie, Informationstechnologie und Banken. Er betreibt zudem das Experten-Weblog „Social Banking 2.0 – der Kunde übernimmt die Regie".

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