Der Skandal um die italienische Bank Monte dei Paschi di Siena weitet sich aus. Die Bank brauchte Ende 2011 so dringend frisches Geld, dass sie heimlich einen Kredit über zwei Milliarden Euro mit der italienischen Zentralbank annahm – während die Führung die finanzielle Lage der Bank zugleich öffentlich als gut bezeichnete. Das berichten nun die Zentralbank und mit dem Deal vertraute Personen.

Die italienische Zentralbank veranlasste den Kredit im Oktober 2011, weil Monte dei Paschi, der drittgrößte Kreditgeber des Landes, Liquiditätsprobleme hatte – und kein Geld mehr von der Europäischen Zentralbank bekam. Zu der Zeit stand die Bank vor einem Berg von Problemen: Der teure Kauf einer Regionalbank macht ihr zu schaffen. Und die italienischen Staatsanleihen, die die Bank dazu genutzt hatte, komplizierte Refinanzierungsgeschäfte abzusichern, verloren zunehmend an Wert.

Der ehemalige Präsident von Monte dei Paschi, Antonio Vigni (mitte), kommt am Mittwoch am Gericht an, wo er über die Bankgeschäfte der vergangenen Jahre aussagen soll. ANSA/Zuma Press

Wegen dieser Geschäfte ermitteln bereits die Behörden gegen das 541 Jahre alte Bankhaus.

Weder die italienische Zentralbank noch Monte dei Paschi legten den Kredit offen – vor allem aus Sorge, dass auf dem italienischen Finanzmarkt Panik ausbrechen könnte, sagen Insider. Stattdessen beschrieben Manager der Bank kurz nachdem sie den Kredit erhalten hatte, die finanzielle Lage der Bank gegenüber Analysten und Investoren als gesund. Die Bank habe ihre Finanzierung bis ins Jahr 2012 gesichert, versicherten sie. Ein Sprecher der Bank wollte sich nun zu dem Kredit nicht äußern.

Die Banken seien nicht dazu verpflichtet gewesen, über den Kredit zu informieren, sagte eine Person, die mit den Details vertraut ist. Die italienische Zentralbank habe Monte dei Paschi mit Vermögenswerten versorgt, die als Sicherheit für Kredite und Hypotheken der EZB dienten. Das Bankhaus habe den Kredit in der vorgegebenen Zeit zurückgezahlt, sagte ein weiterer Insider.

Aber dass die Bank nicht mitteilte, dass sie nicht ausreichend Sicherheiten hatte, um weitere Kredite der EZB in Anspruch zu nehmen, habe dazu beigetragen, ihre wahren finanziellen Schwierigkeiten zu verschleiern, bemängeln Analysten und Finanzexperten.

„Das ist eine Überraschung. Nach eigenen Daten war die Bank liquide", sagte Analyst Fabrizio Bernardi vom Brokerhaus Fidentiis in Mailand. „Wenn man von dieser Überweisung gewusst hätte, hätte man sich ein besseres Bild von der Liquiditätslage machen können."

Der Kredit aus dem Jahr 2011 ist das jüngste Beispiel verdeckter Finanzgeschäfte, die die Bank aus Siena nun einholen. Die Aktie von Monte dei Paschi ist im vergangenen Monat regelrecht abgestürzt. Am Mittwoch erklärte die Bank mit, dass sich die Verluste aus Finanzgeschäften, die die Bank mit ausländischen Investmentbanken eingegangen war, auf 730 Millionen Euro angehäuft haben.

Die Behörden ermitteln inzwischen gegen den ehemaligen Generaldirektor der Bank, Antonio Vigni, und den Präsidenten Giussepe Mussari. Sie sollen die Arbeit der Aufsichtsbehörden behindert und den Kurssturz der Aktie verhindert haben, indem sie die finanziellen Nöte des Geldinstitutes verheimlichten, heißt es in einem Gerichtsbericht. Die Bank wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Spannungen an den Märkten sollten nicht noch zunehmen

Der ungewöhnliche Kredit der italienischen Zentralbank zeigt, unter welchem Druck deren Vertreter standen. Sie fürchteten die Folgen, die eine kollabierende Bank auf das Finanzsystem des Landes haben würde, und den Schaden, den der Ruf des italienischen Finanzplatzes nehmen könnte. Im Herbst 2011 machte sich auf den Märkten angesichts der hohen Staatsschulden Panik breit – auch das brachte schließlich die Regierung zu Fall.

„In diesen Monaten war der Interbankenmarkt eingefroren, auf dem Kredite gegen Sicherheiten gewährt wurden, und es war der schnellste Weg, um die schlechte Liquiditätslage der Bank zu verbessern", sagte ein hochrangiger Vertreter der italienischen Zentralbank. Indem die Banca d'Italia Monte dei Paschi den Kredit gewährte, habe sie besser Druck auf die Bank ausüben können, ihre Finanzen in den Griff zu bekommen. „Der Deal sollte dafür sorgen, dass die Spannungen auf den Märkten nicht noch zunehmen – und das wäre passiert, wenn wir es öffentlich gemacht hätten", sagte der Zentralbanker.

Monte dei Paschi steht seit dem Kauf der italienischen Regionalbank Antonveneta unter Druck. 2008 erwarb sie das Institut von der spanischen Bank Santander für die gigantische Summe von 9,3 Milliarden Euro. Um das Geschäft finanzieren zu können, beschloss Monte dei Paschi eine Kapitalerhöhung über fünf Milliarden Euro. Außerdem sicherte sich die Bank eine Milliarde Euro bei einer weiteren Kapitalerhöhung, die von J.P. Morgan Chase JPM -0,03% JPMorgan Chase & Co. U.S.: NYSE $59,73 -0,02 -0,03% 27 Aug. 2014 11:05 Volumen (​15 Min. verzögert) : 2,07 Mio. KGV 15,32 Marktkapitalisierung 224,70 Milliarden $ Dividendenrendite 2,68% Umsatz/Mitarbeiter 404.867 $ übernommen wurde und lieh sich eine Milliarde Euro von einer Gruppe von Investmentbanken. Die restlichen zwei Milliarden Euro sicherte sich die Bank durch die Ausgabe von Anleihen.

Kurz nach der Antonveneta-Übernahme brach die Lehman-Bank zusammen; Regierungen schnürten Rettungspakete für Finanzinstitute, die kurz vor der Insolvenz standen, und auf den Interbankenmärkten ging nichts mehr. Für Monte dei Paschi bedeutete das, dass sie plötzlich dazu gezwungen war, Verluste aus früheren Geschäften und Finanztransaktionen auszugleichen, während der Kauf von Antonveneta noch belastete. Um die Verluste nicht realisieren zu müssen – und in einem Fall sogar, um einigen Aktionären eine Dividende zu zahlen – ging die Bank 2008 und 2009 zwei komplizierte Finanzgeschäfte ein.

Bei beiden Transaktionen – die unter den Namen Santorini und Alexandria liefen – hinterlegte die Monte dei Paschi langfristige italienische Staatsanleihen, sogenannte BTPs, aus ihrem Besitz als Sicherheit. 2010 hielt das Bankhaus BTPs im Wert von 25 Milliarden Euro – in Relation zur Größe war das mehr, als jeder anderer italienischer Kreditgeber in den Büchern hatte.

Die aktuellen Ereignisse holten die Bank ein

2011 holten Monte dei Paschi erneut die aktuellen Ereignisse ein. Die Schuldenkrise in Europa – und besonders die zunehmende Angst der Investoren vor dem großen Schuldenberg Italiens – ließen den Druck auf italienische Staatsanleihen steigen, darunter auch die der ältesten Bank der Welt. Sie sah sich gezwungen, immer mehr BTPs als Sicherheit für Santorini und Alexandria zu hinterlegen, um dort die Verträge zu erfüllen. Damit hatte sie irgendwann nicht mehr ausreichend Vermögenswerte, um sich Kredit bei der EZB zu beschaffen.

„Im Sommer 2011 sorgten die sich rapide verschlechternden Konditionen auf dem Markt dafür, dass die Liquiditätslage der MPS immer schlechter wurde", schreibt die italienische Zentralbank in einem Bericht, der in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde. Die Zentralbank drängte die Bank deshalb dazu, sich „auf die absolut dringende Notwendigkeit zu konzentrieren, alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um die Liquidität zu verbessern".

Im Oktober 2011 erlaubte die Zentralbank Monte dei Paschi laut Insidern, Forderungen aus Krediten und Hypotheken gegen italienische Staatsanleihen im Wert von rund zwei Milliarden Euro zu tauschen, die wiederum als Sicherheiten von der EZB akzeptiert werden. Keine andere italienische Bank habe einen ähnlichen Deal abgeschlossen, sagte einer der Insider.

Die Zentralbank habe sich zu diesem Schritt „gezwungen" gesehen, heißt es in einem Dokument, das sie in der vergangenen Woche veröffentlichte. „Die Liquiditätslage der Bank wurde zunehmend schlechter."

Bei einer Telefonkonferenz zu den Ergebnissen aus dem dritten Quartal im November 2011 erwähnte Monte dei Paschi den Deal nicht, obwohl länger darüber diskutiert wurde, wie liquide die Bank war. Damals hieß es stattdessen, sie habe per Ende September über Vermögenswerte in Höhe von 5,4 Milliarden Euro verfügt. Anfang November sei es etwas weniger gewesen.

Fünf Tage nach jener Telefonkonferenz habe die Zentralbank hochrangige Manager der Bank einbestellt, heißt es in dem Dokument – um sie davon zu überzeugen, sich „ihrer Verantwortung zu stellen".

—Mitarbeit: David Enrich

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