Mario Draghi hat den Aufstieg des Euro verbal ausgebremst. Reuters

EZB-Präsident Mario Draghi hat den aktuellen Aufwärtstrend des Euro zumindest vorübergehend gestoppt. Bei der Erläuterung des jüngsten Zinsbeschlusses nannte Draghi den Euro-Anstieg ein „Abwärtsrisiko" für den Inflationsausblick. Das genügte, um am Markt für sinkende Wechselkurse zu sorgen. Den Leitzins ließ die Zentralbank im übrigen unverändert.

Der Hintergrund: Ein höherer Euro-Wechselkurs mindert den Inflationsdruck im Euroraum, weil er dafür sorgt, dass die Importpreise langsamer steigen. Damit wird es zunehmend wahrscheinlich, dass auch die Verbraucherpreise weniger stark steigen, als die EZB das derzeit erwartet. Damit wächst zugleich der Spielraum Draghis, seine Geldpolitik weiter zu lockern. Diese Aussichten, vom EZB-Chef ausgesprochen, belastete den Euro-Kurs.

Der Zentralbanker reagierte mit seiner Äußerung auf den deutlichen Anstieg der europäischen Einheitswährung in den vergangenen Wochen. In einigen Ländern des Euroraums wird der mit großer Sorge gesehen, weil er die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Ausfuhren beeinträchtigt. Der Euro fiel nach Draghis Rede von 1,3550 auf 1,3470 Dollar.

„Die Abwärtsrisiken für den Inflationsausblick rühren von einer schwächeren Wirtschaftsaktivität und in jüngster Zeit auch vom Anstieg des Euro-Wechselkurses her", sagte Draghi in seinen einleitenden Bemerkungen wörtlich.

Auf Nachfrage von Journalisten schränkte der EZB-Präsident aber ein, dass sich der Euro-Kurs nominal und real in der Nähe seines langjährigen Durchschnitts bewege. Der Anstieg sei ein Anzeichen für die Rückkehr des Vertrauens im Euroraum. Der Wechselkurs beeinflusse die Entwicklung von Wirtschaftswachstum und Inflation. Die EZB werde daher genau beobachten, ob der Euro-Kurs weiter steige und ob er sich auf die Inflationsrisiken auswirke. Allerdings sei der Wechselkurs kein Politikziel der EZB, betonte Draghi.

Dokumentation der einführenden Worte des EZB-Präsidenten Mario Draghi auf der Pressekonferenz.

Die Äußerungen sind die erste nennenswerte verbale Intervention eines EZB-Präsidenten gegen den Euro seit Jahren. Zuvor hatte bereits der französische Staatspräsident Francois Hollande kritisch zur Aufwertung des Euro geäußert und eine europäische Währungspolitik gefordert. Draghi kommentierte diese Forderung mit dem Hinweis auf die Unabhängigkeit der EZB von der Politik.

Der Rat der EZB ließ die Leitzinsen für den Euroraum unverändert. Der Hauptrefinanzierungssatz bleibt auf seinem Allzeittief von 0,75 Prozent, wo er seit Juli 2012 steht. Auch der Spitzenrefinanzierungssatz und der Satz für Bankeinlagen bei der EZB blieben unverändert bei 1,50 und null Prozent. Die 50 von Dow Jones Newswires befragten Volkswirte hatten geschlossen unveränderte Leitzinsen prognostiziert.

Auch für die nächsten acht Monate erwarten Beobachter überwiegend unveränderte Leitzinsen. Das liegt zum einen daran, dass die Inflation eingedämmt scheint und es andererseits Anzeichen für eine Stabilisierung der Wachstumsaussichten gibt. Außerdem geht die EZB derzeit davon aus, dass Leitzinsänderungen nicht in allen Teilen des Euroraums ankommen. Das macht eine weitere geldpolitische Lockerung aus ihrer Sicht wirkungslos.

Darüber hinaus wird das Niveau der Kreditzinsen im Euroraum maßgeblich von der sehr reichlichen Liquiditätsversorgung der Banken bestimmt. Die Institute können sich bei der EZB quasi nach Wunsch Geld leihen. Zuletzt haben sie die Liquidität im Finanzsystem aus freien Stücken zurückgeführt, als sie nach einem Jahr knapp 140 Milliarden Euro an die EZB zurückzahlten, die eigentlich erst in zwei Jahren fällig geworden wären.

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