Auch nach dem brutalen Ende des tödlichen Geiseldramas in der algerischen Wüste steigt die Zahl der Toten weiter an. Am Sonntag wurden auf dem Gelände der von Islamisten besetzten und am Vortag gestürmten Gasförderanlage Ain Amenas 25 Leichen gefunden. Sprengstoffexperten fanden die entstellten Körper bei Entschärfungsarbeiten an der verminten Raffinerie, wie aus dem staatlichen Sicherheitsapparat verlautete. Der Zustand der Leichen lasse noch keine unmittelbaren Rückschlüsse darauf zu, ob es sich bei den Toten um Geiseln oder deren Entführer handele. Medien berichteten zudem über die Festnahme von fünf Extremisten.

In diesem Bild aus einem Video knien an einem unbekannten Ort in Algerien vermutliche Geiseln im Sand. AP/dapd

Nach dem Sturm auf den Industriekomplex am Samstag hatte die Regierung zunächst mitgeteilt, dass insgesamt 23 Geiseln und 32 Extremisten getötet worden seien. Ein Sprecher hatte aber direkt eingeräumt, dass sich die Zahl der Getöteten noch erhöhen dürfte. Sicherheitskräfte suchten das Gelände der Erdgasraffinerie am Sonntag nach Minen und anderen Explosivstoffen ab. Die nun entdeckten Leichen könnten Algerier oder Ausländer sein, sagte ein Informant. Da zudem ein befreiter Rumäne seinen schweren Verletzungen erlag, stieg die Gesamtopferzahl auf mindestens 81.

Laut Kommunikationsminister Mohammed Said wollten die Entführer den gesamten Komplex in die Luft jagen und alle Geiseln töten. Nach Angaben des algerischen Energiekonzerns Sonatrach, der das Gasfeld gemeinsam mit der britischen BP und dem norwegischen Unternehmen Statoil betreibt, hatten die Extremisten das gesamte Gelände vermint. Eine überlebende Geisel erzählte von Sprengfallen, die Gefangenen um den Hals gelegt wurden, damit sie nicht flüchten. Neben schweren Maschinengewehren und Granaten stellten die Streitkräfte am Samstag auch Raketen und Panzerfäuste sicher.

Mit Dutzenden Toten war die Geiselnahme am Samstagnachmittag zu Ende gegangen. Algerische Spezialeinheiten stürmten die gekaperte Gasförderanlage und töteten nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur APS alle elf verbliebenen Entführer. Auch sieben Geiseln kamen dabei um, offenbar wurden sie schon vor dem Befreiungsversuch am Samstag von den Extremisten ermordet. Etliche ausländische Arbeiter werden weiter vermisst.

Zudem berichteten am Sonntag mehrere internationale Medien unter Berufung auf den privaten algerischen Fernsehsender Ennahar, dass fünf der Extremisten am Morgen lebendig gefasst worden seien. Ennahar berief sich demnach seinerseits auf Quellen im Sicherheitsapparat. Eine unabhängige Bestätigung der Angaben gab es zunächst nicht.

Der britische Premierminister David Cameron sprach am Sonntag von drei getöteten und drei vermissten Briten. Er gab den Extremisten ebenso die Verantwortung an dem Blutbad wie Frankreichs Staatspräsident François Hollande. "Verhandlungen mit den Terroristen kamen nicht infrage", sagte Hollande, schließlich hätten die Entführer "schändlich gemordet". Auch US-Präsident Barack Obama stimmte mit ein und sicherte der Regierung in Algier amerikanische Unterstützung zu. Die jüngste Attacke sei eine weitere Erinnerung an die Gefahr, die von Al-Kaida und anderen gewalttätigen Terrorgruppen in Nordafrika ausgehe, mahnte Obama.

Die Extremisten hatten ursprünglich erklärt, mit ihrem Überfall die französische Bodenoffensive gegen Islamisten im benachbarten Mali bestrafen zu wollen. Später gaben sie allerdings zu Protokoll, die Aktion seit mehr als zwei Monaten geplant zu haben - also deutlich bevor Paris mit der eigenen Infanterie und Luftwaffe in den malischen Konflikt eingriff.

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