Chinas Provinzen haben sich im Jahr 2012 kräftig Geld geliehen, wie aus aktuellen Daten hervorgeht. Damit nähren sie Sorgen darüber, dass die Erholung der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt zum Preis eines erhöhten finanziellen Risikos kommt.

In den Jahren 2009 und 2010 haben die Provinzregierungen große Mengen an Geld geliehen, so dass deren Schulden auf 10,7 Billionen Yuan, oder 1,27 Billionen Euro gestiegen waren. Damit finanzierten sie enorme Infrastruktur-Spritzen. Der Schuldenberg ließ Ökonomen befürchten, dass es zu Instabilität im Bankensystem des Landes kommen würde.

Im Jahr 2011 nahm das Wirtschaftswachstum wieder zu. Die Regierung in Peking erlaubte den Provinzen weniger neue Kredite. Aber dadurch, dass im vergangenen Jahr eine Delle in die wirtschaftliche Erholung kam, könnte Peking wieder mehr verliehen haben – das legen neue Zahlen der Regierung nahe.

Für Straßen und andere Infrastruktur-Projekte haben die chinesischen Provinzen viel Geld ausgegeben - jetzt droht die Schuldenfalle. Associated Press

Die China Central Depository & Clearing Co. – eine Staatsfirma, bei der die Zentralbank das Sagen hat – berichtet davon, dass die Provinzregierungen im vergangenen Jahr 636,8 Milliarden Yuan durch Schuldscheine eingespielt haben, ein Anstieg von 148 Prozent zum Vorjahr. Das können die meisten chinesischen Provinzen nicht direkt tun. Also erschaffen sie Finanzfirmen, über die sie sich das Kapital holen. Gleichzeitig vergaben die chinesischen Treuhandgesellschaften – ein vergleichsweise wenig regulierter Teil von Chinas Kreditsystem – von Januar bis September 376 Milliarden Yuan mehr an Krediten heraus.

Die chinesische Regierung veröffentlicht Informationen über die Schulden der Provinzen weder regelmäßig noch detailliert, und die vorliegenden Zahlen lassen die tatsächliche Sachlage nur erahnen. Aber zu vermuten ist, dass die Provinzen sich mehr Geld leihen, weil sie mit einer abkühlenden Wirtschaft kämpfen – und unter Druck sind, aufgenommene Kredite zurückzuzahlen. Die Geschäftsbanken haben die örtlichen Regierungen dabei zuletzt wohl unterstützt. „Die Banken haben den Provinzen im letzten Jahr erlaubt, alte Kredite durch neue zu ersetzen – aber das können sie nicht unendlich machen. Früher oder später werden sich die Risiken in den Bilanzen niederschlagen, etwa in faulen Krediten", sagt Wen Zongyu, ein Analyst, der für das Finanzministerium arbeitet.

Das Ministerium, die verschiedenen Regulierungsbehörden und die Zentralbank sagten Anfang des Monats in einer gemeinsamen Erklärung, die Provinzen hätten mehr unerlaubte Kredite als sonst eingetrieben.

Ein Faktor: Die Sorgen um ein verlangsamendes Wirtschaftswachstum haben die Regierungen dazu getrieben, die Infrastrukturausgaben zu erhöhen. So sind im November vergangenen Jahres die Ausgaben für den Straßenbau im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 37 Prozent gestiegen. Ein weiterer ist die Rückzahlung existierender Kredite. So mussten die Provinzen laut der Zentralregierung im vergangenen Jahr 1,3 Billionen Yuan zurückgeben.

Die Investmentfirmen der Provinzen müssen hohe Prämien zahlen, um an Geld zu kommen, weit mehr als die Regierung. So gab die Stadt Fushun über eine Investmentfirma zehnjährige Anleihen heraus. Für die 150 Millionen eingespielter Yuan muss das Rathaus 8,5 Prozent Zinsen zahlen. Mit dem Geld will die Stadt nach eigenen Angaben Immobilien und Infrastrukturprojekte finanzieren.

Nimmt man die Schulden der Provinzen, der Zentralregierung und des Schienenministeriums zusammen, lagen die Staatsschulden laut der Citibank im Jahr 2011 bei 44,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das beinhaltet manche Arten von Schulden nicht – so etwa die von Staatsbanken und Anleihen, die dazu dienen, faule Kredite von kommerziellen Banken zu begleichen.

Im Vergleich mit europäischen Ländern, den USA und Japan steht China immer noch gut da, was die Staatsschulden angeht. Die Schulden der Bundesrepublik lagen 2011 bei 80,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Bei den USA waren es 107 Prozent, bei Japan 236 Prozent.

Trotzdem bringen die höheren Schulden höhere Risiken. So hat die Regierung auf diese Art weniger Spielraum, Geld in die Wirtschaft zu spritzen. Auch haben die Banken durch die ständig neuen Kredite an die Provinzen weniger Geld, um es an Unternehmen zu verleihen. Dazu kommt, dass die Regierung Land verkaufen muss, um Zinsen zu bezahlen – so könnte es zu Problemen im Immobiliensektor kommen, wodurch die Banken sich eventuell mit mehr faulen Krediten herumschlagen müssten. „Das ist kaum nachhaltig", sagt Wang Xiaru, Ökonom bei der Wertpapierfirma Changjiang. „Wenn das System nicht reformiert wird, könnte es in zwei bis drei Jahren zur Krise kommen."

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