Der weltgrößte Baumaschinenhersteller Caterpillar schlägt sich derzeit mit einem Bilanzierungsskandal bei einer chinesischen Tochter herum. Der US-Konzern hatte das chinesische Unternehmen ERA Mining Machinery im vergangenen Juni für rund 700 Millionen US-Dollar übernommen. Doch die hochfliegenden Erwartungen wurden nicht erfüllt: Caterpillar muss nun von diesem Kaufpreis auf einen Schlag 580 Millionen Dollar abschreiben. ERA habe in den Jahren vor der Akquisition seine Gewinne systematisch zu hoch ausgewiesen, beklagt sich Caterpillar heute. Verantwortliche für diesen Bilanzskandal nennt das Unternehmen nicht.

Caterpillar hatte große Pläne mit ERA Mining, einem Hersteller von schweren hydraulischen Aufzüge für Minen. Die neue Tochter sollte das Wachstum der Minensparte auf dem stark wachsenden chinesischen Markt antreiben. Jetzt stehen die Amerikaner erst einmal vor einem Scherbenhaufen.

Der Skandal hatte bereits Konsequenzen: Er war mit ein Grund dafür, dass Caterpillar-Vorstand Luis de Leon das Unternehmen verlassen musste, wie eine mit der Angelegenheit vertraute Person sagte. Caterpillar hatte die Personalie damit begründet, dass der für die Minenprodukte zuständige Manager "anderen Karrieremöglichkeiten" nachgehen wolle. Der im Jahr 2011 zum US-Konzern dazugestoßene de Leon wollte sich nicht äußern.

Seit Jahren bezeichnet Caterpillar das China-Geschäft als unabdingbar für den langfristigen Unternehmenserfolg. Immer noch trage das Reich der Mitte aber lediglich rund 3 Prozent zum Gesamtumsatz bei, räumte ein Unternehmensvertreter im April ein. "Wir gehen in China in die Offensive und wir werden gewinnen", erklärte Caterpillar-Chef Doug Oberhelman vor Investoren im Jahr 2010, als er das Unternehmensruder übernahm.

Im Jahr 2011 baute Caterpillar in China die Kapazitäten aus, um Marktanteile zu gewinnen und die Nachfrage bedienen zu können. Doch das Timing war alles andere als ideal, kurz danach erlebte der Markt eine Flaute. Bei Caterpillar selbst und den Wettbewerbern stapeln sich seitdem die Lagerbestände. Mehrere für das China-Geschäft verantwortliche Manager mussten inzwischen ihren Hut nehmen oder neue Aufgaben bei Caterpillar übernehmen.

Die im Zentrum des jüngsten Bilanzskandals stehende ERA Mining produziert Aufzüge unter dem Handelsnamen Siwei, die das Risiko einer Verschüttung von Bergleuten drastisch reduzieren sollen. Der Kohlemarkt im Reich der Mitte boomt. Chinas Kohleappetit ist unersättlich: Im Jahr 2011 war das Land laut BP für knapp 70 Prozent des Verbrauchs von diesem Energieträger verantwortlich. Gleichzeitig zählen die chinesischen Minen zu den gefährlichsten der Welt. Tausende Arbeiter sterben jährlich bei Unfällen.

Mit der Übernahme von ERA Mining wollte Caterpillar den eigenen Minenkunden helfen, ihre Bodenschätze effizienter und sicherer zu fördern, wie der US-Konzern im vergangenen Jahr noch großspurig angekündigt hatte.

Die Wurzeln des Unternehmens sind durchaus ungewöhnlich. ERA Mining war einst ein wichtiger Staatskonzern in Chinas Planwirtschaft. Dann stieg der in den USA ausgebildete Mineningenieur und Kohlemagnat Li Rubo 2002 mit anderen Anlegern für 160.000 US-Dollar in das damals unter Siwei firmierende Unternehmen ein und baute es mit Hilfe des US-Unternehmers Emory Williams um. Williams steuerte Kredite von rund 3,5 Millionen Dollar für ERA Mining bei. Das Unternehmen startete als nichtchinesischer Börsenneuling auf dem Handelsparkett und sicherte sich mehrere internationale Anteilseigner.

Williams und Li waren erstmals im Jahr 1997 zusammengetroffen, als die beiden sich in der chinesischen Betonbranche betätigten. Scheinbar erfolgreich münzten sie die wachsende Nachfrage nach Industrieausrüstung in eigene Gewinne um: 2009 wies ERA Mining einen Gewinn von knapp 125 Millionen Yuan oder umgerechnet 15 Millionen Euro aus, sechs Mal so viel wie noch 2007. Der Umsatz verdoppelte sich auf rund 1,2 Milliarden Yuan.

Zur Zeit der Börsennotiz in Hongkong übertrugen die Partner die Kontrolle über das Unternehmen auf den Schwiegersohn von Li, James E. Thompson III. Die Transaktion bewertete das Unternehmen damals mit 150 Millionen US-Dollar. Thompson antwortete nicht auf eine E-Mail. Auch die Wirtschaftsprüfer von ERA Mining, RSM Nelson Wheeler, antworteten auf Anfrage nicht.

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