Das Wettrennen der chinesischen Banken um das Geld der Anleger könnte außer Kontrolle geraten - zumindest befürchten das die Behörden. dapd

SCHANGHAI – Chinas Banken kämpfen hart um die Ersparnisse der chinesischen Bevölkerung. Dabei kommt es offenbar immer häufiger zu fragwürdigen Anlagetipps mit hohen Risiken: Eine Vermögensberaterin der Huaxia Bank in Schanghai hat ihren wohlhabenden Kunden ein Finanzprodukt verkauft, das diesen nur Verluste beschert hat. Nach Tagen des Protests scheinen die verärgerten Investoren nun immerhin ein Zugeständnis errungen zu haben. Der Fall schreckt China auf.

Der Zusammenbruch des 140 Millionen Yuan (rund 17,1 Millionen Euro) schweren Finanzprodukts gilt als eines der prominentesten Verlustgeschäfte in China seit Jahren. Der Fall unterstreicht die Angst der chinesischen Regulierer, dass das Wettrennen der Banken um das Geld der Anleger außer Kontrolle gerät. Die Finanzinstitute locken potenzielle Kunden mit dem Angebot von nur schwach regulierten Produkten mit hohen Risiken. Diese Entwicklung könnte zu einem Vertrauensverlust in der bislang investitionsfreudigen Öffentlichkeit führen, so die Befürchtung der staatlichen Stellen.

Die Anlage, die in einer Filiale der Huaxia Bank in Schanghai den Kunden zum Kauf angeboten wurde, wurde am 25. November 2011 von einer in Peking ansässigen Investmentfirma namens Commercial Finance Asset Management aufgelegt. Sie versprach den Anlegern laut mit der Anlage vertrauten Personen eine Rendite von 11 bis 13 Prozent. Zum Vergleich: Der einjährige Benchmark des Einlagenzinssatzes lag bei weniger als vier Prozent im vergangenen Jahr. Mit dem eingesammelten Geld wurde in vier Kleinunternehmen in der Provinz von Henan investiert – neben einer Autowerkstatt unter anderem auch in ein Pfandleihgeschäft. In China geben die Leihhäuser oft Kredite, als Sicherheit dienen Wertgegenstände wie Schmuck, Autos oder auch Immobilien. Oftmals besorgen sich kleine Firmen, die in der Regel keinen Kredit bei der Bank bekommen, auf diese Weise ein Darlehen.

Huaxia bewegt sich auf Anleger zu

Zunächst sagte die ebenfalls in Peking ansässige Huaxia Bank, das Angebot des Finanzprodukts sei nie bewilligt worden. Die Zentrale machte eine Beraterin in der Vermögensberatung einer Filiale in einem wohlhabenden Schanghaier Vorort für den Verkauf verantwortlich. Sie habe die Anlage ohne Erlaubnis und „unter Verletzung" der geltenden internen Regeln angeboten, schreibt die Bank in einer Stellungnahme.

Doch nun tut sich etwas. Bei einem Treffen mit rund einem Dutzend Investoren in dieser Woche beteuerten Vertreter der Bank, das Management "beaufsichtige" das Produkt zum Teil und sagte laut eines Insiders, die Bank werde eine „vernünftige Lösung" anbieten.

Commercial Finance sammelte laut mit der Angelegenheit vertrauten Personen rund 140 Millionen Yuan durch Mittelsmänner ein, darunter auch durch die Angestellte der Huaxia Bank, Pu Tingting. Die Mindestanlagesumme lag demnach bei 500.000 Yuan (rund 61.200 Euro). Am 25. November 2012 wäre das auf ein Jahr angelegte Produkt fällig gewesen – doch Commercial Finance habe seine Investoren nicht ausbezahlt, sagten die Insider.

Die Behörden von Schanghai nehmen nun den Zahlungsausfall unter die Lupe. „Die Huaxia Bank muss zumindest einen Teil der Verantwortung für das Produkt übernehmen", sagte Fang Xinghai, Generaldirektor der örtlichen Finanzaufsichtsbehörde, die den Fall untersucht.

Pu befinde sich seit dem 29. November in Polizeigewahrsam, sagte ein Mann, der einen Anruf auf ihrem Handy entgegennahm und laut eigener Aussage der Ehemann von Pu ist. Ein Regierungsmitglied bestätigte, dass sich Pu in Haft befindet. Weitere Angehörige von Pu, die auch nicht mehr länger bei Huaxia angestellt ist, beschuldigten das Finanzinstitut, sie zum Sündenbock zu machen. Vertreter der Bank wollten zu der Anschuldigung keinen Kommentar abgeben.

Risiko durch strukturierte Finanzprodukte steigt

Chinas Banken stehen angesichts der von der Regierung vorangetriebenen Öffnung des Marktes zunehmend unter Druck, Sparer zu halten und zu gewinnen. Deshalb verkaufen sie immer häufiger so genannte Vermögensberatungsprodukte, kurz WMP – als hochrentierliche Alternative zu Sparkonten. Die Summe der noch ausstehenden Finanzprodukte lag zum Stichtag Ende September laut Fitch Ratings bei rund 12 Milliarden Yuan, rund 1,5 Milliarden Euro. Das sind mehr als 13 Prozent der gesamten Bankeinlagen in China.

Ähnlich wie strukturierte Wertpapiere im Westen sind die in China verkauften Produkte eine Mischung von kurzfristigen Investments. Sie werden mit Anlageklassen vollgepackt, die von Anleihen über Geldmarktfonds bis hin zu physischen Gütern reichen. Einige der Gelder wurden jedoch für hochverzinste Kredite an risikoreiche Kleinunternehmen verwendet, deren Kreditwürdigkeit von den Banken selbst als nicht ausreichend für ein Darlehen beurteilt wurde. Dieses Phänomen könnte Kritikern zufolge die Kredit- und Anlageverluste in Chinas Finanzsystem empfindlich erhöhen, sollte es zu einem Wirtschaftsabschwung und in der Folge zu zahlreichen Firmenpleiten kommen.

Ähnlich gelagert seien die Probleme in den USA während der Finanzkrise gewesen, sagt Charlene Chu, die bei Fitch die Bankenbranche analysiert. Damals verkauften US-Banken ihren Kunden Hypothekenkredite ohne die Risiken irgendwie abzusichern. Der Zusammenbruch des von Huaxia vermarkteten Produkts werfe drängende Fragen darüber auf, "ob die Banken bei der Kreditvergabe über außerbilanzielle Finanzprodukte dieselben Risikostandards anwenden wie bei der eigenen Kreditvergabe".

Chinas Regierung ist sich der Risiken im Bankensektor bewusst. Die Behörden haben bereits zugesichert, dass die Aufsicht von Kreditgeschäften außerhalb formaler Bankenkanäle – dem sogenannten Schattenbankengeschäft - verstärkt wird. Zudem will die Regierung die exzessive Zunahme von riskanten Investmentproduktangeboten im Zaum halten, die auf Sparer auf der Jagd nach hoher Rendite zielen.

Am Dienstag protestierten rund 50 Demonstranten vor der Filiale der Huaxia Bank in Schanghai. Die meisten von ihnen waren Frauen zwischen 40 und 50 Jahren, die auf ihren Protestplakaten forderten, die Bank solle die Verantwortung für ihre Verluste übernehmen. Einige sagten sie hätten ihr eigenes Geld verloren. Andere vertraten ihre Eltern oder Verwandten, die in das Produkt investiert hatten. Wan Qiang, 50 Jahre als, sagt: "Die Bank sagte, das Produkt hat nichts mit ihnen zu tun. Das macht mich sehr wütend." Er ist sich sicher, dass der Fall bereits ganz oben für Aufmerksamkeit sorgt: "Ich glaube, unsere Partei und unsere Regierung werden sich um diese Angelegenheit kümmern." Es klingt wie eine Drohung.

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