Griechische Unternehmen haben in ihrem eigenen Land keinen guten Ruf. Sie gelten als ineffizient und unproduktiv. Auf hoher See sieht das anders aus: Dort gehören die Griechen zur Weltspitze.

Der Erfolg der Branche zeige, was das Land tun muss, um sich aus der lähmenden Schuldenkrise zu befreien, sagen Analysten. Zuhause kämpfen griechische Unternehmen mit bürokratischen Hürden und Protektionismus. Um die Krise abzuschütteln, müsse man die zahlreichen Quotenregelungen und andere Beschränkungen auf ein Mindestmaß reduzieren. Diese zielen zwar darauf ab, die griechischen Firmen zu schützen, sorgen aber auch dafür, dass die Unternehmen auf dem Weltmarkt nicht mithalten können.

Frachter vor Griechenlands größtem Hafen Piraeus: Die Schiffsbranche wird für das Land in der Krise immer wichtiger. dapd

In der Schifffahrt sieht das ganz anders aus: Griechische Unternehmen trotzen dem globalen wirtschaftlichen Sturm hier besser als viele ihrer deutschen, skandinavischen oder japanischen Konkurrenten. Ihre prall gefüllten Kassen haben sie genutzt, um ihre Flotten auf Vordermann zu bringen und neue Schiffe zu kaufen. Indem sie ihre Kosten senkten und Frachter und Öltanker gezielter einsetzen, konnten sie ihren Marktanteil verteidigen – obwohl der internationale Handel seit 2008 zurückgeht.

Die Schifffahrt ist für die Griechen Fluch und Segen zugleich. Seit den 1970er Jahren haben griechische Regierungen Firmen, die in Länder mit niedrigeren Steuersätzen ausgewichen sind, zurückgelockt, indem sie ihnen nahezu Steuerfreiheit versprochen haben. Das hat dazu beigetragen, Hunderttausende Arbeitsplätze in der Schiffsbranche zu erhalten. Sie ist den Schwankungen in Europa weniger stark ausgesetzt als andere Branche. Andererseits musste der Staat auf mögliche Einnahmen verzichten.

Damit Schiffsmagnaten ihr Geld auch in andere griechische Unternehmen wie Hotels, Hafenbetreiber oder Energiefirmen stecken, muss die Regierung sie davon überzeugen, dass sie den heimischen Markt für den Wettbewerb öffnet und hinderliche Vorschriften abschafft.

Ministerpräsident Antonis Samaras und seine Regierung trafen sich kürzlich mit einigen wichtigen Reedern und drängten sie dazu, in Griechenland zu investieren – mit der Drohung, sonst die Steuern zu erheben. Im November verabschiedete die griechische Regierung ein Gesetz, nach dem die Besitzer von in Griechenland registrierten Schiffen in den kommenden vier Jahren mindestens 140 Millionen Euro Steuern zahlen müssen. Das sei ein lächerlicher Betrag, sagen Analysten – sowohl angesichts des Reichtums der Reedereien als auch hinsichtlich der finanziellen Bedürfnisse der Regierung.

Schiffsbranche wird immer wichtiger für Griechenland

Die Schiffsbranche ist für die griechische Wirtschaft in den vergangenen Jahren, in denen es anderen Branchen immer schlechter geht, wichtiger geworden. Die zuständigen Behörden schätzen, dass die Branche mit 200.000 Beschäftigten inzwischen rund 16 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung trägt.

Deutsche, skandinavische und japanische Reedereien haben derweil zu kämpfen. Gerade die deutschen Containerschiff-Unternehmen haben in den Boomjahren vor dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise hohe Kredite aufgenommen, um neue Schiffe zu kaufen. Nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers sanken die weltweiten Frachtraten um 90 Prozent. Viele Reeder blieben mit einem Berg von Schulden zurück, die sie nicht bedienen konnten.

Viele Schifffahrtsunternehmen unterzeichnen langfristige Verträge mit einem bestimmten Exporteur. Unter den griechischen Reedern ist das nicht so verbreitet. Die meisten transportieren die Fracht verschiedener Unternehmen. Als die Krise begann, kündigten sie schnell Verträge über den Bau neuer Schiffe, verkauften Schiffe und senkten die Kosten – gleichzeitig verhandelten sie mit Banken über neue Kredite. „Die Griechen haben den Vorteil, dass sie flexibel sind", sagt Ted Petropoulos, der als Analyst bei Petrofin Research die Branche beobachtet. „Aus jeder Krise in der Schiffsbranche ist Griechenland bisher gestärkt herausgegangen."

Als der Abschwung begann, hat die Vafias Gruppe, die zu den größten Reedereien des Landes gehört, schnell reagiert und ältere Schiffe aussortiert. Außerdem hat sie die Betriebskosten für ihre Schiffe um ein Drittel gesenkt. Der zur Gruppe gehörende Flüssiggas-Spediteur Stealth Gas, der an der US-Technologiebörse Nasdaq gelistet ist, musste 2011 noch leichte Verluste melden. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres fuhr er schon wieder einen Gewinn von rund 11 Millionen Euro ein. „Wir haben unsere Liquidität verbessert und können nun expandieren und unsere Flotte erneuern", sagt Harry Vafias, der Vorstandschef der Gruppe.

In diesem Jahr kaufte die Vafias Gruppe zwölf in Japan produzierte Gastanker, mit denen man auch durch Eismeere steuern kann. Sie habe zudem vier Tanker bei einer südkoreanischen Werft bestellt und verhandle über den Kauf von zwei weiteren, sagt Vafias. Die Schiffe verbrauchten weniger Treibstoff und benötigten eine kleinere Besatzungsmannschaft als andere Flüssiggas-Tanker und sollen so die Wettbewerbsfähigkeit der Gruppe weiter steigern.

Dass die Reeder in den vergangenen Jahren kräftig Schiffe gekauft haben, belegt eine weitere Zahl: Im Durchschnitt sind die griechischen Schiffe in diesem Jahr 10,5 Jahre alt und damit zweieinhalb Jahre jünger als im weltweiten Mittel. 2000 lag das Durchschnittsalter noch bei 20,3 Jahren.

„Wir haben alle Möglichkeiten genutzt und sehen uns weiter um", sagt Angeliki Frangou, Vorstandschef des ebenfalls an der Nasdaq notierten Unternehmens Navios Maritime Holdings. Navios hat sich an Anleihe- und Aktienmärkten günstig 1,9 Milliarden Euro beschafft – anstatt sich auf die Banken zu verlassen, die mit Liquiditätsproblemen kämpfen, so wie es viele andere Schifffahrtsunternehmen getan haben.

Wichtige Verbindungen zu China

Griechische Reedereien kontrollieren etwa 16 Prozent der Schiffe, die auf den Weltmeeren unterwegs sind. Darunter sind Schüttgutfracher, die Kohle, Stahl oder Getreide transportieren. Der Anteil der von den Griechen betriebenen Öltankern liegt konstant bei 25 Prozent. Dass sie sich auf diese Bereiche und nicht auf die Containerschifffahrt spezialisiert haben, kam den Reedern zugute. Die Containerschifffahrt, bei der Industriegüter transportiert werden, wurde von der Krise am härtesten getroffen.

Ein weiterer Grund, warum es der griechischen Schiffsbranche so gut geht, sei die zentrale Rolle, die sie beim Import und Export von Rohstoffen nach China spiele, sagt George Xiradakis, Manager bei der Beratungsfirma XRTC. Mehr als 60 Prozent von Chinas Ölimporten werden auf griechischen Tankern transportiert.

Doch Chinas Nachfrage nach Rohstoffen und wiederausgeführten Gütern kühlt sich langsam ab. Die Frachtraten bleiben auf einem niedrigen Niveau, viele Reedereien kämpfen damit, aus den roten Zahlen herauszukommen. Dass Banken weltweit unter Liquiditätsproblemen leiden, sei ebenfalls Anlass zur Sorge, sagen Analysten.

Dennoch erweisen sich die Verbindungen zu China für griechische Schifffahrtsunternehmen als wertvoll, weil sie ihnen Finanzierungsmöglichkeiten bieten. Vor zwei Jahren hat die chinesische Regierung griechischen Reedern staatlich verbürgte Kredite in Höhe von fünf Milliarden US-Dollar für den Kauf chinesischer Schiffe versprochen.

„Die Schifffahrt ist unsere wichtigste Waffe", sagt Kostis Moussouroulis, Griechenlands Minister für maritimen Handel. Die Branche sei entscheidend, wenn es darum geht, die griechische Wirtschaft zu retten.

—Mitarbeit: Alkman Granitsas

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