Abrissarbeiten in der Bankenmetropole Frankfurt. Die Finanzbranche muss sich konsolidieren - das erfordert die neue Normalität nach der großen Krise. dapd

Es wird ernst für die Banken. Fast fünf Jahre nach Beginn der Finanzkrise ist immer noch kein Land in Sicht. Anders als zu Beginn der Krise sind die Staaten aber nicht mehr bereit, Geld für Bankenrettungen auszugeben. Unter den anhaltend harten Bedingungen werden es viele Institute nicht schaffen, aus eigener Kraft zu überleben. Das wissen die Bankenchefs und versuchen mit Hochdruck, ihre Geschäftsmodelle der neuen Normalität anzugleichen. Und die heißt: Höhere Kosten, weniger Gewinn.

Selten waren sich Unternehmensberater, Politiker und Banken so einig: Finanzinstitute befinden sich an einem Wendepunkt und müssen umdenken. Wegen der herrschenden Unsicherheit an den Kapitalmärkten drohen die Investoren, sich von den Banken abzuwenden, erklären die Unternehmensberater von Boston Consulting. Die Institute seien gezwungen, sich neu zu erfinden und ihr Geschäftsmodell zu überarbeiten.

Branche dürfte schrumpfen

Auch in einem anderen Punkt herrscht Einigkeit: Es ist nicht mehr Platz für alle da. Die Co-Vorstandchefs der Deutschen Bank, Anshu Jain und Jürgen Fitschen, erwarten eine deutlichen Konsolidierung der Banken. Boston Consulting rechnet gar mit einer „Welle der Marktbereinigung". Das sei eine logische Folge der Überkapazität in der Bankenindustrie und des extrem hohen Kostendrucks, erklären die Unternehmensberater. Neben den Ausgaben für die Refinanzierung belasten die Institute hohe Aufwendungen für das laufende Geschäft und Kapitalkosten.

Viele Banken haben aber schlicht nicht mehr genug Geld, diese Kosten zu stemmen. Die stärkeren Institute werden Teile von schwächeren oder gar komplett wegfallenden Banken schlucken, prognostiziert Boston Consulting.

Um das zu vermeiden, versuchen schwächere Institute schlanker zu werden und gehen dabei auch Wege, die bislang undenkbar gewesen wären. So bricht die Commerzbank CBK.XE +1,09% Commerzbank AG Germany: Xetra 11,58 +0,13 +1,09% 02 Sept. 2014 15:48 Volumen (​15 Min. verzögert) : 3,09 Mio. KGV 27,56 Marktkapitalisierung 13,12 Milliarden € Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 329.734 € mit ihrem alten Denken, flächendenkend mit Filialen vertreten zu sein. Gerade für kleinere und daher weniger lukrative Geldgeschäfte nimmt sie sich die Online-Tochter comdirect zum Vorbild. Vom einst so vielversprechenden Investmentbanking hat sich die Bank weitgehend verabschiedet.

Politiker fordern eine Brandmauer zwischen dem klassischen Bankgeschäft und dem riskanten Investmentbanking - und viele Banken gehorchen. So trennt die Schweizer Großbank Credit Suisse außerhalb des Heimatmarktes das Investmentbanking vom restlichen Geschäft ab. Eine Reaktion auf die „aufsichtsrechtliche Realität", wie die Bank erklärte. Die sieht so aus: Für riskante Geschäfte muss mehr Kapital zur Seite gelegt werden als für das weitgehend sichere Geschäft mit Privatkunden. Noch radikalere Wege geht die UBS, die das Investmentbanking nicht nur ausgliedert, sondern nach und nach zu einem großen Teil abwickeln will.

Gordon Gekko ist schlechtes Vorbild

Zurück zu den Wurzeln des Bankgeschäfts: So könnte man die neuen Geschäftsmodelle der Banken beschreiben. Das gute, alte Kreditgeschäft mit den Privatkunden ist zwar langweilig, dafür aber solide. In den 1980er und 1990er Jahren erschien den Instituten hingegen nichts so verheißungsvoll wie das ganz große Geld an den Kapitalmärkten. Film-Vorbilder wie Gordon Gekko im Kult-Film „Wall Street" zeigten, wie mit Cleverness und einer gehörigen Portion krimineller Energie viel Geld zu verdienen war. Über-ehrgeizige Banker eiferten dem auch in der Realität nach und brockten den Instituten, für die sie arbeiteten, Milliardenverluste und Reputationsschäden ein.

Die Baustellen der Deutschen Bank

Andreas Prost/dapd

Damit soll jetzt Schluss sein. Allen voran geht die Deutsche Bank, DBK.XE +0,27% Deutsche Bank AG Germany: Xetra 26,05 +0,07 +0,27% 02 Sept. 2014 15:48 Volumen (​15 Min. verzögert) : 3,49 Mio. KGV N/A Marktkapitalisierung 35,92 Milliarden € Dividendenrendite 2,88% Umsatz/Mitarbeiter 420.767 € die sich einen Kulturwandel auf die Fahnen geschrieben hat. Jain und Fitschen müssen das richten, was Josef Ackermann versäumt hat. „Der Kulturwandel kommt viel zu spät", kritisiert ein ehemaliger Vorstandschef der Deutschen Bank im Gespräch mit Wall Street Journal Deutschland. Das könnte auch das enorme Tempo der Doppelspitze Jain/Fitschen erklären.

Seit sie im Juni das Ruder übernommen haben, haben sie keinen Stein auf den anderen gelassen. Riskante Assets haben sie in eine eigene Bad Bank ausgelagert. Damit soll der Abbau der risikogewichteten Aktiva aus nicht zum Kerngeschäft gehörenden Bereichen beschleunigt werden. Mit erstem Erfolg: Das ursprüngliche Volumen von 135 Milliarden Euro will die Bank bis zum Ende des ersten Quartals 2013 um 90 Milliarden Euro reduzieren. Knapp ein Drittel hat sie bislang geschafft.

Jain und Fitschen wollen zudem 4,5 Milliarden Euro jährlich einsparen. Noch versucht es die Deutsche Bank über Synergien und dem Verkauf von Unternehmensteilen, die nicht genug Geld einbringen oder wegen des hohen Risikoprofils mit zuviel Kapital unterlegt werden müssen. Die angekündigten Stellenstreichungen sind im Vergleich zur Größe der Deutschen Bank noch moderat. Ob das so bleibt, hängt von dem Erfolg der anderen Kosteneinsparungen ab. Andere Banken wie Schweizer UBS und die amerikanische Citigroup haben dagegen die Reißleine gezogen und streichen jetzt schon jeweils mehr als 10.000 Stellen.

Die Investoren sehen den Umbau der Institute noch kritisch. Seit Jahresbeginn haben zwar auch Bankaktien zugelegt, doch im Vergleich zum Gesamtmarkt hinken sie deutlich hinterher. So haben die Aktien der Deutsche Bank mit einem Kursplus von knapp 20 Prozent und die Commerzbank mit knapp 10 Prozent deutlich weniger zugelegt als der Deutsche Aktienindex Dax mit 30 Prozent. Die Entwicklung im gesamten Euro-Raum war ähnlich: Die Banken müssen die Investoren noch überzeugen.

"Nicht genutztes Kapital erwirtschaftet keine Rendite"

Dabei wird der Druck in absehbarer Zeit jedenfalls nicht kleiner werden. Im Gegenteil: Die härteren Kapitalanforderungen nach Basel III verlangen den Instituten viel ab. „Unter Berücksichtigung aller Anforderungen kann die erforderliche Kapitalquote von 8 Prozent auf bis zu 15,5 Prozent steigen", sagt Daniel Kapffer, Partner bei Accenture. ACN +0,11% Accenture PLC Cl A U.S.: NYSE $81,15 +0,09 +0,11% 02 Sept. 2014 10:03 Volumen (​15 Min. verzögert) : 172.981 KGV 17,75 Marktkapitalisierung 51,17 Milliarden $ Dividendenrendite 2,29% Umsatz/Mitarbeiter 113.209 $ Aus Sicht der Regulatoren macht das Sinn. Denn je dicker der Kapitalpuffer einer Bank ist, desto größer ist die Chance, dass sie auf Staatsgeld nicht angewiesen ist und sich im Krisenfall selber retten kann.

Doch für die Banken sind die ungenutzten Geldberge fatal. „Eine Bank wird immer versuchen, die Kapitalausstattung am Minimum zu halten; nicht genutztes Kapital erwirtschaftet keine Rendite und senkt daher die Gesamtkapitalrendite des Instituts", erklärt Kapffer im Gespräch mit Wall Street Journal Deutschland. „Eine höhere Mindestanforderung ist strukturell auf jeden Fall ein Nachteil."

Entsprechend erbittert kämpfen die europäischen Institute um eine Umsetzung auch in den USA, wo die Konkurrenz lauert. Sie reagierten alarmiert, als sich - kurz vor der geplanten Einführung im nächsten Jahr -Bankenchefs und Regulierer in den USA gegen das Regelwerk aussprachen. Denn jeder Prozentpunkt in der Kapitalquote ist für die Banken erst einmal verlorenes Geld.

„Für die Erfüllung der kurzfristigen Liquiditätskennziffer müssen höhere Bestände an Bargeld oder hoch liquiden Wertpapieren gehalten werden", sagt Kapffer. „Für diese ist die Rendite niedriger als die Refinanzierungskosten, so dass eine negative Marge erwirtschaftet wird." In Zeiten, wo die Banken nichts zu verschenken haben, trifft sie das besonders hart.

Kontakt zum Autor: Madeleine.Nissen@wsj.com