Die ehemals persönlich haftenden Gesellschafter der Bank Sal. Oppenheim, Matthias Graf von Krockow (r.) und Friedrich Carl Janssen, am Mittwoch vor dem Kölner Landgericht. dapd

KÖLN -- Der Star im Kreis der Bosse und Barone ist ein Mann vom Bau: Als Sal. Oppenheim noch stolz mit seiner Unabhängigkeit warb, als der Name der Privatbank noch Ehrfurcht auslöste, da schon soll der gelernte Maurerpolier Josef Esch erstaunlichen Einfluss auf die Bankiers gehabt haben. Ob das stimmt, könnte sich in den nächsten Monaten vor dem Kölner Landgericht klären. Auch auf die Frage, ob die bemerkenswerte Verbindung zwischen den Bankchefs und dem Bauunternehmer zum Niedergang von Sal. Oppenheim beigetragen hat, erhofft sich mancher Beobachter vor Gericht eine Antwort.

Seit Mittwoch verhandelt eine Strafkammer des Kölner Landgerichts über den Beinahe-Zusammenbruch der einst angesehensten Privatbank Deutschlands. Auf der Anklagebank sitzen auch vier frühere Chefs der Bank. Doch im Blitzlichtgewitter der Fotografen steht vor allem ebenjener Josef Esch. Durch seine Anwälte ist er noch dazu der Wortführer des ersten Verhandlungstags.

Der Bauunternehmer Josef Esch soll bei Sal. Oppenheim eine Menge zu sagen gehabt haben. Agence France-Presse/Getty Images

Zunächst aber lesen die Staatsanwälte vor, was sie den Angeklagten vorwerfen: Rund eine Stunde lang geht es um Immobiliengeschäfte, die zwar ein Nebenschauplatz der Entwicklung von Sal. Oppenheim sind, die möglicherweise aber ein Licht auf das Geschäftsgebaren der Banker werfen. Die Angeklagten haben die Bank nach Meinung der Staatsanwaltschaft um rund 144 Millionen Euro geschädigt. Der Betrag dürfte Sal. Oppenheim nicht in die Knie gezwungen haben. Doch die Vorwürfe wiegen schwer: Es geht juristisch um besonders schwere Untreue beziehungsweise um Beihilfe dazu. Bis zu zehn Jahre könnte das die Angeklagten hinter Gitter bringen.

Vor Gericht geben sich Esch und die früheren persönlich haftenden Gesellschafter von Sal. Oppenheim, Christopher Freiherr von Oppenheim, Matthias Graf von Krockow, Friedrich Carl Janssen und Dieter Pfundt, gelassen. Sie selbst bestätigen nur, dass sie heißen, wie es auf den vom Gericht aufgestellten Namensschildern steht. Praktisch ohne Regung hören die Angeklagten den Staatsanwälten zu.

Bankhaus als Selbstbedienungsladen für die Chefs?

Was die Ankläger vorlesen, beschreibt die Bank Sal. Oppenheim als Selbstbedienungsladen für ihre Chefs: In Frankfurt am Main zum Beispiel soll ein Unternehmen, an dem mehrere Angeklagte beteiligt waren, den Großteil eines Gebäudes zu teuer an Sal. Oppenheim verkauft haben. Angeblicher Schaden: 76 Millionen Euro. In Köln sollen einige der Angeklagten eine Immobilie zu teuer an die Bank vermietet und Sal. Oppenheim so um 59 Millionen Euro erleichtert haben. Andersherum lief es laut Staatsanwaltschaft im dritten Fall: Sal. Oppenheim baute demnach eine Villa im Kölner Reichenviertel Marienburg um - und vermietete sie zu billig an die Mutter von Christopher von Oppenheim. Die Staatsanwaltschaft beziffert den mutmaßlichen Schaden auf 8,6 Millionen Euro.

Nicht alle Angeklagten haben sich bislang öffentlich zu den Vorwürfen geäußert. Diejenigen, die Stellungnahmen abgaben, wiesen vor dem Prozess jede Schuld von sich. Und schon der erste Verhandlungstag am Kölner Landgericht zeigt: Die Angeklagten kämpfen mit allen Mitteln.

Die Vorsitzende Richterin Sabine Grobecker und ihre Kollegen sollen nach Willen der Angeklagten abgesetzt werden. Reuters

Denn länger noch als die Staatsanwälte lesen die Verteidiger von Esch dem Gericht ein vorbereitetes Dokument vor: Sie wollen die Richter absetzen, der Antrag hierfür füllt einen ganzen Ordner, so komplex ist die Begründung: Eschs Anwälte glauben, einen Fehler in den Regelungen des Kölner Landgerichts entdeckt zu haben. Weil die Eingangsstelle des Gerichts den Wirtschaftsstrafkammern neue Anklagen reihum zuweise, sei für die Staatsanwaltschaft steuerbar, welche Strafkammer ein Verfahren zu bearbeiten habe. Das sei verfassungsrechtlich nicht haltbar, behaupten die Verteidiger des Bauunternehmers. Die Anwälte der Banker nicken - und schließen sich dem Antrag der Kollegen an.

Sollten auch die Richter nicken, würde der Prozess platzen. Es müssten dann neue Juristen die kistenweise in den Gerichtssaal gefahrenen Akten lesen. Erst nach Monaten könnten die Staatsanwälte noch einmal ansetzen, die Anklage zu verlesen.

Staatsanwälte wollen 380-Millionen-Kredit zur Sprache bringen

Einen ersten Erfolg haben die Anwälte der Beklagten mit ihrem Spiel auf Zeit erreicht. Die Richter, die eigentlich am Donnerstag gleich weiterverhandeln wollten, streichen zunächst die beiden nächsten Verhandlungstage. Mindestens bis Donnerstag nächster Woche werde es dauern, bis man zu einer Entscheidung gekommen sei, sagt die Vorsitzende Richterin.

Denn die Juristen müssen noch über einen zweiten Antrag entscheiden - diesmal von der Staatsanwaltschaft. Diese will möglichst schnell zum Kern des Falls Sal. Oppenheim vorstoßen. Sie möchte eine weitere Anklage in das laufende Verfahren einbringen und den begonnenen Prozess zuvor aussetzen. Es geht dabei um einen 380-Millionen-Euro-Kredit, den die früheren Sal.-Oppenheim-Chefs einst über ein zwischengeschaltetes Unternehmen der Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz gewährten - und damit schon eher um einen Betrag, der die Bank an den Rand der Pleite getrieben haben könnte.

Christopher Freiherr von Oppenheim: Der persönlich haftende Gesellschafter sitzt ebenso auf der Anklagebank wie... Reuters

Das Geld hatte Schickedanz genutzt, um ihren Anteil an dem Handelskonzern Arcandor, dem einstigen Karstadt-Quelle-Konzern ARO.XE +4,44% Arcandor AG Germany: Xetra 0,05 +0,00 +4,44% 29 Aug. 2014 13:33 Volumen (​15 Min. verzögert) : 612.754 KGV N/A Marktkapitalisierung N/A Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter N/A also, aufzustocken. Die Oppenheim-Banker bürgten für das Darlehen persönlich - und bürdeten damit nach Ansicht der Ermittler ihrer Bank ein enormes Risiko auf. Tatsächlich entschied sich das Schicksal von Sal. Oppenheim mit der Insolvenz von Arcandor im Jahr 2009: Nur die Übernahme durch die Deutsche Bank DBK.XE -0,61% Deutsche Bank AG Germany: Xetra 25,96 -0,16 -0,61% 29 Aug. 2014 13:52 Volumen (​15 Min. verzögert) : 2,16 Mio. KGV N/A Marktkapitalisierung 36,60 Milliarden € Dividendenrendite 2,89% Umsatz/Mitarbeiter 420.767 € rettete damals das Kölner Institut vor dem Komplett-Zusammenbruch.

... Dieter Pfundt, der als persönlich haftender Gesellschafter in Frankfurt das Investmentbanking von Sal. Oppenheim verantwortete. Reuters

Die Frage ist: Haben sich die Banker nur verzockt oder haben sie ihre Bank in der Hoffnung auf eigene Vorteile verspielt? Womöglich kann Bauunternehmer Esch helfen, eine Antwort zu geben. Er nämlich war stets dabei, wenn Sal. Oppenheim etwas baute: Ein Unternehmen des Troisdorfers trat in der Regel als Generalunternehmer auf. Zudem legte Esch zusammen mit Sal. Oppenheim die sogenannten Oppenheim-Esch-Fonds auf: Gesellschaften, in denen reiche Kunden eigenes Geld und Fremdkapital bündelten, und so steuersparend Immobilien bauten. Mehrere der Oppenheim-Esch-Fonds übernahmen auch Karstadt-Filialen - von ebendem Konzern, an dem Schickedanz mit Oppenheim-Geld weitere Anteile übernahm.

Der Mann vom Bau und die Banker - das war "eine Familie", soll es laut Staatsanwaltschaft bei Sal. Oppenheim geheißen haben. Jetzt ist die Familie wieder beisammen. Vor Gericht.

Kontakt zum Autor: hendrik.varnholt@dowjones.com