Die vergangene Woche habe ich mit dem Versuch verbracht, eine Kolumne darüber zu schreiben, dass Twitter nicht 10 Milliarden US-Dollar wert ist – aber dann funkten mir neue Fakten dazwischen.

Sie hielten sich hartnäckig. Und formten sich schließlich zu einer höchst unerwarteten Schlussfolgerung, die beinahe schon wie Blasphemie wirkt: Twitter hat tatsächlich in einigen Bereichen das Potenzial, zu einer ebenso sprudelnden Geldquelle zu werden, wie sie die größte aller Internet-Geldmaschinen ist: Google. GOOG +1,16% Google Inc. Cl C U.S.: Nasdaq $596,08 +6,81 +1,16% 19 Sept. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 3,51 Mio. NACHBÖRSLICH $594,60 -1,48 -0,25% 19 Sept. 2014 19:51 Volumen (​15 Min. verzögert) : 219.437 KGV N/A Marktkapitalisierung 406,34 Milliarden $ Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 1.321.030 $

Ein 'Twitter Spiegel' bei der Oscar-Verleihung am Sonntag, mit dem die Stars hinter der Bühne Fotos machen und sofort online verschicken konnten. Invision/Associated Press

Wer Sonntagnacht die Oscar-Verleihung verfolgt hat, konnte den großen Einfluß von Twitter beobachten. Dort plapperten fröhliche Promis vom roten Teppich, Werber und Schauspieler in der manchmal stumpfsinnig wirkenden Twittersprache voller Hashtags und Nutzernamen in zahlreichen Tweets drauf los. Es war, als ob sich die Welt von innen nach außen kehrt – das allmächtige Fernsehen reduziert auf ein kleines Portal zu den sozialen Medien.

Diese kulturelle Vorherrschaft geht auch nicht an Twitter und seinen Investoren vorbei, die derzeit den größten Börsengang dieses Jahres vorbereiten. In den vergangenen Wochen hat die seit sieben Jahren bestehende Firma einige Privattransaktionen abgeschlossen, die den Unternehmenswert auf 9 Milliarden Dollar fixieren. Andere schätzen den Wert auf über 10 Milliarden Dollar.

Experten erwarten Umsatz-Milliarde schon 2014

Das ist bemerkenswert, weil Twitter erst seit drei Jahren im Spiel um Geld mitmischt, vor allem durch den Verkauf 'gesponserter Tweets', die im Auftrag von Werbern über die Nachrichtenlisten der mehr als 200 Millionen aktiven Nutzer flimmern.

Und es funktioniert. Die Werbedatenfirma eMarketer schätzt den Umsatz für 2014 auf 808 Millionen Dollar, aber Leute aus dem Wagniskapitalsektor flüstern hinter vorgehaltener Hand, dass dann schon die Milliardengrenze überschritten werde. Tatsächlich hat eMarketer angekündigt, schon bald ihre Schätzung nach oben zu nehmen – sagt aber noch nicht, um wie viel.

Wenn man Twitter an den aktuellen Finanzdaten misst, ist es ganz bestimmt keine 10 Milliarden Dollar wert. Aber das interessiert kaum. Die entscheidende Frage ist, wie groß Twitter werden kann – und wie profitabel. Ich bin gemeinsam mit einer neuen Analysefirma, Triton Research, durch die Zahlen gegangen, und es fällt schwer, die Geister von Googles Vergangenheit nicht aufsteigen zu sehen.

Mit dem heutigen, relativ unreifen Produktangebot sammelt Twitter geschätzt 4 Dollar von jedem seiner gut 200 Millionen monatlich aktiven Nutzer. Die Werbebudgets der Unternehmen bewegen sich zunehmend in Richtung soziale Medien – eine große Bewegung, die diese Zahl mit Leichtigkeit nach oben schieben dürfte. Wenn man konservativ ist, könnte man diese Zahl für 2016 auf 7 Dollar pro Nutzer schätzen. Das läge unter der Wachstumsrate, die Analysten für den Umsatz von Facebook FB +1,18% Facebook Inc. Cl A U.S.: Nasdaq $77,91 +0,91 +1,18% 19 Sept. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 56,11 Mio. NACHBÖRSLICH $77,55 -0,36 -0,46% 19 Sept. 2014 19:59 Volumen (​15 Min. verzögert) : 20,56 Mio. KGV 82,88 Marktkapitalisierung 202,57 Milliarden $ Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 1.580.090 $ annehmen.

Twitter müsste vor allem im Ausland wachsen

Zahlen des Pew Research Center legen nahe, dass es Twitter schwer haben wird, wie Facebook auf das Niveau von einer Milliarde Nutzer zu kommen. Dennoch ist die Zahl der Twitter-Nutzer in den letzten neun Monaten 2012 um mehr als 40 Prozent gestiegen. Wenn das Wachstumstempo von mehr als einem Drittel drei Jahre lang anhält, stiege die Nutzerzahl schon auf rund 500 Millionen. Dafür müsste es vor allem außerhalb der USA kräftig nach oben gehen, wo nach Schätzungen 2014 jeder fünfte Twitter-Nutzer sein Zuhause haben wird.

Vor allem dort muss sich Twitter anstrengen. Ausländische Wettbewerber machen Fortschritte und Twitter ist aus China ausgesperrt. Aber wer die Oscar-Nacht gesehen hat, der versteht, dass Twitter gar nicht so viel Werbung zu machen braucht. Andere missionieren schon im Namen der Firma.

Das Ergebnis der oberen Rechnung ist ein angenommener jährlicher Umsatz von 3,5 Milliarden Dollar – so viel wie Google im Jahr 2004 eingenommen hat. Und da ist der Zauber noch gar nicht drin. Der kommt erst mit dem Wert kostenloser Arbeit. Denn das Unternehmen muss für die täglich 400 Millionen Nachrichten nicht einen Cent bezahlen. Wie bei Facebook machen die willigen Nutzer diese Arbeit gratis.

Und wie bei Facebook und Google übernehmen auch die Werbetreibenden zunehmend die Arbeit, indem sie automatisierte Werkzeuge nutzen, um ihre Anzeigen auf die Zielgruppen zuzuschneiden und dann den Werbeplatz zu kaufen. In der vergangenen Woche teilte Twitter mit, ihr System für potenzielle Werber leichter zugänglich zu machen.

Die Zahlen sind verlockend ...

Unternehmen lieben es, sich als „Plattform" zu beschreiben, aber im Fall von Twitter ist es tatsächlich wahr. Die Firma muss zwar ständig an seiner Infrastruktur klempnern und die Schnittstellen verbessern, aber wenn das getan ist, kassiert sie gemütlich ihre Vermittlungsprovision.

Es locken also hohe Erträge bei relativ geringen Kosten. Twitter selbst gibt keine Zahlen preis, aber in Wagniskapitalkreisen, zu denen auch Twitter-Unterstützer gehören, ist von Margen von 30 bis 40 Prozent die Rede.

Der Einfachheit halber könnten wir die Nettomargen für Twitter auf das Niveau von Google senken, das wären 21 Prozent. Nimmt man dann die Bewertung der Google-Aktie mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 17, erhält man, voilà, für Twitter einen Wert von 12,5 Milliarden Dollar. Und man muss gar nicht groß an den Bedingungen drehen, um noch größere Zahlen zu bekommen.

... aber es gibt Risiken

Was könnte schief laufen? Nun, die größte Sorge ist das internationale Wachstum. Auch die Werbetreibenden dürften eine Grenze für ihre Ausgaben bei Twitter haben. Anders als die Nutzer von Google oder auch Pinterest haben die Nutzer von Twitter nicht die klare Absicht, etwas zu kaufen. Und dann ist da noch die Twitter-Müdigkeit, die Nutzer befallen könnte, wenn sie sich von Informationen überschwemmt fühlen. Das Unternehmen muss sich darum kümmern, dass das nicht passiert.

In einem späten Stadium in ein Start-up einzusteigen, „ist die schwerste Zeit, ein Unternehmen einzuschätzen", sagt Rick Heitzmann von FirstMark Capital, ein Investor in Pinterest, das gerade mit null Umsatz eine Bewertung von 2,5 Milliarden Dollar geschafft hat. „Man sitzt genau dazwischen. Es ist nicht klein genug, um völlig spekulativ zu sein, aber auch noch nicht groß genug, um die Wachstumsraten oder die Margen abschätzen zu können."

Der fehlgepreiste Börsengang von Facebook erinnert einen immer wieder an eine negative Tendenz im Silicon Valley: Die Art und Weise, wie seine Kultur einen Glauben an den Wert bestimmter Dinge erzeugt. Einen Wert, der nicht hinterfragt wird und sich dadurch ausbreitet. Silicon Valley wird das auch bei Twitter wieder versuchen. Aber trotz dieser Tendenzen - dieses Mal liegt das Valley wahrscheinlich richtig.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de