Beppe Grillo bei einer Wahlkampfveranstaltung: Seit dem Einstieg von Medienmogul Silvio Berlusconi in die Politik vor zwei Jahrzehnten, hat es in Italien einen solchen politischen Durchstarter wie die Fünf-Sterne-Bewegung nicht mehr gegeben. Associated Press

ROM—Italiens Spitzenpolitiker hatten für den Komiker und Aktivisten Beppe Grillo lange Zeit nichts übrig. Sie belächelten ihn als extremistischen Emporkömmling, der dem Land nicht gut tun würde. Doch wer zuletzt lacht, lacht am besten – in dem Fall ist es Grillo: Er gilt nach der Parlamentswahl als heiß umworbener Strippenzieher auf der zersplitterten politischen Bühne, und er selbst hat nicht einmal etwas davon.

Er ist der eigentliche Gewinner der Wahl

Immer stärker sieht es so aus, als wäre Grillo der eigentliche und der einzige Gewinner der Italien-Wahl vom Wochenende. Er und seine Schar völlig unerfahrener Abgeordneter dürften das Zünglein an der Waage bei der Regierungsbildung sein: wie sie aussehen könnte, wie lange sie hält und was sie – wenn überhaupt – schaffen kann.

Grillos Protestbewegung „Fünf Sterne" holte 25 Prozent der Wählerstimmen und wird wohl 163 Abgeordnete in beiden Kammern des italienischen Parlaments stellen. Mit 54 Sitzen im italienischen Senat ist Grillos Partei groß genug, um das gemäßigt-linke Bündnis von Pier Luigi Bersani unter Druck zu setzen. Dieses schnitt zwar prozentual im Abgeordnetenhaus am besten ab, wird aber wohl nur dann eine Regierung zustande bringen, wenn es entweder eine Allianz mit Grillos Leuten oder mit den Erzfeinden von der Mitte-Rechts-Koalition unter Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi eingeht.

Die Mitglieder der Grillo-Partei – die so genannten Grillini – sind ein Schock für die herrschende politische Clique in Italien, die überwiegend aus Karrieristen besteht. Unter den Grillini, die am 15. März ihre Abgeordnetenämter einnehmen werden, finden sich arbeitslose Uni-Absolventen, Lehrer und Altenpfleger. Mit ihnen wird das italienische Parlament so jung und mit so vielen Frauen besetzt sein wie nie zuvor, hat die Forschungsabteilung des Bauernverbands Coldiretti herausgefunden.

Grillo nach der Stimmabgabe am Wochenende. Der Komiker selbst will gar keinen Sitz im Parlament haben. Er überlässt die Bühne einer Schar junger Anhänger. Reuters

Grillo selbst lehnt jegliche Koalition mit anderen Parteien ab. Aber weil er für sich selbst gar keinen Sitz im Parlament beansprucht, bleibt seine Rolle mehr die eines Dirigenten denn eines Feldmarschalls. Es bleibt abzuwarten, welche Parteidisziplin die neuen Abgeordneten letztlich walten lassen werden.

Am Dienstag meldete sich Bersani, der wegen seiner Mehrheit im Abgeordnetenhaus das Mandat zur Regierungsbildung innehat, zu Wort. Seine Partei werde versuchen, eine Regierung zu bilden, die sich auf die Verabschiedung neuer Gesetze konzentrieren soll: die Kosten des Politikbetriebs sollen sinken, das Wahlrecht soll sich ändern, die Korruption soll bekämpft und mögliche Interessenskonflikte zwischen Unternehmern und Politikern ausgemerzt werden.

Abfuhr für die „wandelnde Leiche"

Bersanis Worte wirkten auf viele wie eine sanfte Annäherung an Grillo, dessen Bewegung viele ähnliche Ziele hat.

Aber am Mittwoch erteilte Grillo Bersani eine entschiedene Abfuhr, nannte ihn eine „wandelnde Leiche" und beschrieb ihn in seinem Internet-Blog als „politischen Stalker", der seine Fünf-Sterne-Partei „mit unziemlichen Angeboten" belästige.

Andererseits aber müssten die Italiener, wenn jetzt keine Regierung zustande kommt, erneut zur Urne schreiten. Und das wiederum wäre nach Ansicht vieler Fünf-Sterne-Abgeordneten eine verlorene Chance, um ihre Protestbewegung gegen die herrschende politische Klasse in die Tat umzusetzen und Wandel zu erzeugen.

Auf Grillos Blog, dem zentralen Sprachrohr seiner Kampagne, wirkten Anhänger der Fünf-Sterne-Partei am Mittwoch gespalten in der Frage, ob sie Bersani bei der Regierungsbildung unterstützen sollen oder nicht. „Ich glaube, es ist eine Pflicht vielen Wählern gegenüber, die Schaffung einer neuen Regierung zu ermöglichen", schreibt einer, der sich als Natalino Lanzara ausgibt. „Wenn sich erst einmal eine Regierung gebildet hat, können wir uns um einzelne Vorhaben kümmern."

Pier Luigi Bersani, Chef der linksgerichteten Demokratischen Partei, ist mit der Regierungsbildung beauftragt. Grillo aber erteilte ihm bereits eine brüske Abfuhr. Associated Press

Die Grillini könnten sogar einer Regierung unter Bersani ins Amt helfen, ohne direkt für sie zu stimmen. Das liegt an den obskuren italienischen Wahlgesetzen. Diese lassen im Senat zu, dass Abgeordnete bei einer Vertrauensabstimmung nicht mitmachen. Entsprechend würde dann die erforderliche Wahlhürde gesenkt werden, sodass ein Vertrauensvotum für eine mögliche Bersani-Regierung im Senat auch ohne das Zutun der Grillini durchkäme.

Einige Grillini haben schon angekündigt, über einzelne Gesetze entschlossen mitbestimmen zu wollen. „Ich mag keine Hinterzimmer-Kungeleien", bei denen Regierungsmehrheiten geschmiedet werden, sagt Stefano Vignaroli, ein 36-jähriges Parteimitglied der Fünf-Sterne-Bewegung, der diese Woche sein Mandat fürs Abgeordnetenhaus erhalten hat. „Aber wenn ein Gesetz gut ist, ist mir egal, wer den Vorschlag macht...Warum sollte ich nicht dafür stimmen?"

Kandidatenklicken im Netz - Demokratie à la Grillo

Vignaroli, der als Videotechniker beim staatlichen Sender Rai arbeitet, hat wie viele Grillini per Internetvideo für seine Kandidatur geworben. Gleichgesinnte konnten dann über die Videokandidaten abstimmen, und wer die meisten Klicks bekam, erhielt am Ende einen Listenplatz. So sieht für Beppo Grilli „direkte Demokratie" aus.

Als klar war, dass auch er ins Parlament einziehen würde, musste sich Vignaroli erst einmal einen Anzug kaufen. Der Italiener hat sein Universitätsstudium nie beendet, er habe sich damals lieber einer Aktivistengruppe angeschlossen und gegen eine örtliche Mülldeponie demonstriert, erzählt er. Die letzten Tage vor seinem Start im Parlament verbringt er jetzt damit, sein Wissen zur Wirtschaft und zu den Rechten Homosexueller aufzufrischen.

Seit dem Einstieg von Medienmogul Silvio Berlusconi in die Politik vor zwei Jahrzehnten, hat es in Italien einen solchen politischen Durchstarter wie die Fünf-Sterne-Bewegung nicht mehr gegeben. Ihr Parteichef Grillo hatte sich schon in den 80er-Jahren mit der herrschenden Klasse seines Landes angelegt. Nach öffentlichen Witzeleien, in denen er italienischen Politikern vorwarf, regelmäßig Schmiergeld anzunehmen und die Staatskasse zu plündern, wurde er aus dem italienischen Fernsehen verbannt. Als Komiker machte er jedoch weiter Karriere.

Vor knapp drei Jahren erst gründete er seine Partei und holte schon bei Lokal- und Regionalwahlen im vergangenen Jahr viele Stimmen. Seiner Ansicht hat sich bis heute nicht viel an der Lage in Rom geändert.

Der große Durchbruch aber erfolgte am Sonntag und Montag, wo seine Fünf-Sterne-Bewegung mehr Stimmen holte als jede andere Partei im Land: Knapp 8,69 Millionen Menschen wählten Grillo - ein Anteil von 25,6 Prozent. Selbst Bersani mit seiner Demokratischen Partei erhielt mit rund 8,64 Millionen Stimmen weniger Zuspruch. Weil dieser aber mit einer Reihe kleinerer Parteien ein Bündnis eingegangen war, kam er am Ende auf prozentual mehr Stimmen im Abgeordnetenhaus und damit auch auf mehr Sitze.

Ihr Wahlerfolg gibt den Grillini eine gute Basis: Sie dürften genug Stärke im Parlament aufbieten, um viele Gesetzesvorschläge einzubringen. Die Abgeordneten der Protestbewegung sagen, sie wollen ändern, wie in Italien Politik gemacht wird. Insbesondere wollen sie die Regierung und den Parlamentsalltag durchsichtiger machen. Die Partei will, dass Gesetzesvorschläge im Parlament für jeden zugänglich im Internet stehen, damit jeder Italiener sie lesen und vor der Abstimmung kommentieren kann. Auch in die Ausschüsse sollen Bürger vollen Zugang bekommen.

Wenn die Grillini damit scheitern sollten, würden sie mehr Transparenz erzwingen, droht Francesco Molinari, ein 48 Jahre alter Anwalt, der für die Protestpartei in den Senat einziehen wird. Dann würden er und seine Mitstreiter versuchen, die moderne Technologie geschickt zu nutzen und „Offenheit erzwingen".

—Mitarbeit: Christopher Emsden.

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