Chris Skinner stellte jüngst im Financial Service Club Blog fest, dass es zum Mantra des klassischen Bankings gehöre, nicht innovativ, dafür aber anpassungsfähig zu sein. Um an der Spitze zu stehen, brauche man nicht Innovationsführer zu sein. Kommt es aber zum Wandel, müsse man diesem Wandel nur schnell folgen können.

Nur welchem Wandel sollen die Banken folgen? Die Welle negativer Schlagzeilen zum Finanzsektor reißt in diesen Monaten nicht ab. "Europas Banken hinken beim Aufräumen hinterher" befand Florian Faust für das Wall Street Journal Deutschland, Deutsche Bank DBK.XE +1,04% Deutsche Bank AG Germany: Xetra 27,78 +0,28 +1,04% 30 Sept. 2014 17:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 6,09 Mio. KGV N/A Marktkapitalisierung 37,92 Milliarden € Dividendenrendite 2,70% Umsatz/Mitarbeiter 420.767 € und Commerzbank CBK.XE +0,98% Commerzbank AG Germany: Xetra 11,84 +0,12 +0,98% 30 Sept. 2014 17:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 8,95 Mio. KGV 28,19 Marktkapitalisierung 13,35 Milliarden € Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 329.734 € mit Quartalsverlusten, immer neue Details zum Libor-Skandal und andere aufgedeckte Schurkenstücke. Dazu kommen Kreditausfälle, Stellenstreichungen und die Einstellung ganzer Geschäftsfelder.

Der Meldungstenor brummt in tiefem Moll und wird orchestriert von Umfragen, die das Vertrauen in Banken an einem neuen Tiefpunkt sehen. Darüber, dass die Branche den Nimbus der Krisensicherheit verloren hat, braucht man heute nichts mehr zu schreiben. Zahlreiche Häuser haben die Finanz- und Schuldenkrise nur dank immenser staatlicher direkter und indirekter Interventionen überlebt. Der in Sonntagsreden (Deutsche Bank) oder in breit gestreuten Werbespots (Commerzbank) beschworene Kulturwandel wird eher milde belächelt als geglaubt.

Spricht man mit Mitarbeitern und Führungskräften aus Banken, die täglich mit dem Reputationsverlust kämpfen müssen, schütteln diese oft den Kopf über die eigene Branche. Dem Wandel fehle der motivierende Faktor, nämlich der positive Blick nach vorn. Vor einigen Wochen sagte mir ein Banker: "Wie befinden uns nun seit fast fünf Jahren in einer Abwehrschlacht, und ihr Ende ist immer noch nicht zu sehen."

Nach fünf Jahren mit unzähligen Rettungsaktionen ziehen Politiker und Regulatoren die Konsequenzen und decken die Banken mit Auflagen zu. Das soll die Branche sicherer machen und die Welt vor einem erneuten Desaster schützen. Der damit verbundene administrative Aufwand schmerzt und lässt die Innovationskraft sinken, wie Thomas Dapp in einer im Februar veröffentlichten Studie von Deutsche Bank Research feststellte.

Banken ertrinken in neuen Vorschriften

Banken ertrinken in einer Flut neuer Vorschriften, die heute detaillierter formuliert sind als noch vor ein paar Jahren die internen Organisationshandbücher. Im Detail werfen sie eine Fülle organisatorischer und technische Fragen auf, die in kostspieligen Projekten zu klären und umzusetzen sind. Gleichzeitig fallen in der Vergangenheit lukrative Geschäftsfelder weg oder müssen eingeschränkt werden.

Während die Regulierung die Kosten zum Teil deutlich erhöht, werden die Einnahmen also weniger. An großen Kreditnehmern mit erstklassiger Bonität lässt sich kaum etwas verdienen, weil diese sich oft günstiger am Kapitalmarkt finanzieren können als die Banken selbst. Um die Kosten in den Griff zu bekommen, werden vermeintlich überflüssige Geschäftsfelder gestrichen.

Bei Mitarbeitern sorgt dieses "Race to the bottom" für Frustration, denn viele Vorstände wollen oder können nicht mehr über Projekte entscheiden, die neue Wege eröffnen. Dabei zwingt gerade der digitale Strukturwandel etablierte Banken dazu, ihre Geschäftsstrategie daran anzupassen, schreibt Dapp in seiner Studie. Andernfalls drohen weitere Provisionseinbußen, der Verlust der immer wichtiger werdenden Einlagen und vor allem eine weiter abnehmende Kundenbindung.

Gerade weil viele im Finanzsektor die Gefahren sehen, enttäuscht die Konzeptionslosigkeit in vielen Chefetagen. So wird die Allianz ihre Bank schließen. Sie hat von der Substanz ehemaliger Kunden der Dresdner Bank gezehrt, viel Geld verbrannt und von der Hoffnung eines starken Versicherungsvertriebs gelebt. Kenner überrascht es nicht, dass dieses Konzept nicht aufgegangen ist. Vertrieb ist nur ein kleiner ein Baustein im Erfolgsmix von Unternehmen.

Der ehemalige CEO der Dresdner Bank, Herbert Walter, stellte Anfang Februar zu Recht fest, dass die Banken im Modernisierungsstau feststecken. Deutschbanker Thomas Dapp untermauert diese Position mit seiner Studie. Er schließt nicht aus, dass potenzielle Wettbewerber wie Google, GOOG -0,39% Google Inc. Cl C U.S.: Nasdaq $574,13 -2,23 -0,39% 30 Sept. 2014 13:54 Volumen (​15 Min. verzögert) : 886.747 KGV N/A Marktkapitalisierung 393,72 Milliarden $ Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 1.321.030 $ Apple, Amazon, Pay Pal oder Facebook FB -0,10% Facebook Inc. Cl A U.S.: Nasdaq $78,92 -0,08 -0,10% 30 Sept. 2014 13:54 Volumen (​15 Min. verzögert) : 21,86 Mio. KGV 84,28 Marktkapitalisierung 205,40 Milliarden $ Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 1.580.090 $ ihr bisheriges Dienstleistungsangebot ausweiten, um z.B. in den Markt für standardisierte Finanzdienstleistungen einzutreten. Dapp schreibt: "Viele der potenziellen Internetakteure können einen relativ loyalen Kundenstamm in dreistelliger Millionenhöhe (alle Alterskohorten vertreten) vorweisen, breiten sich rasant aus und bieten zunehmend webbasierte Finanzlösungen an – auch oder gerade für mobile Endgeräte." Mit dieser Einschätzung befindet er sich in guter Gesellschaft. In den Banken sollte man seine Studie genau studieren, um daraus die richtigen Schlussfolgerungen ziehen.

Ein Grund für die Ignoranz gegenüber dem digitalen Wandel könnte darin liegen, dass die Kunden trotz der großen Unzufriedenheit bisher gerade nicht in Scharen abgewandert sind. Bürger und Unternehmen misstrauen zwar den Banken, nicht aber ihrem persönlichen Banker (siehe dazu auch die Kolumne "Bankkunden zwischen Disruption und Tradition").

Dennoch, Kundenverhalten und Technologien verändern auch die Finanzdienstleistungen. Der Trend zur Entstofflichung der Bankfiliale – sprich der Schließung von Zweigstellen – rührt dabei dabei interessanterweise nicht daher, dass man den Bedarf gerade jünger Kunden nach mobilen "App-Banking" erfüllen möchte. Hintergrund ist vielmehr, dass die Banken die Kosten für den Betrieb der immer überflüssiger werdenden Zweigstellen senken wollen.

Zu viele Abteilungen in den Banken bremsen

Das Dilemma für Finanzhäuser ist heute, dass sie gar nicht wissen, wo sie zuerst anpacken sollen. Deswegen wird eher reagiert als agiert."Vorstandschef Blessing fehlen die Gewinnbringer, daher legt er alle Kraft ins Sparen," schrieb jüngst Madeleine Nissen auf WSJ.de über die Commerzbank.Das überrascht, weil die Saat für Innovationen bereits im eigenen Konzern aufzugehen scheint. Dem Institut gehören die umtriebige Comdirect und die experimentierfreudige polnische BRE Bank, die wiederum im Retailgeschäft mit der mBank und der MultiBank viel beachtete Erfahrungen in neuen Welten sammeln.

Und überhaupt gesellen sich zu den lauten Molltönen der großen Häuser immer wieder frische Melodien. Ich denke dabei etwa an die Fidor Bank, die Chris Skinner sogar als innovativste Bank der Welt bezeichnete. Auch die Sparkassen wollen die Web-2.0-Ära einläuten. Die Ankündigung von Präsident Fahrenschon auf dem 10. Internationalen Retail-Bankentag, mit Macht die Digitalisierung ihres Geschäfts zu betreiben, blieben zwar inhaltlich reichlich unkonkret, machten aber zumindest Appetit auf mehr.

Dennoch hakt es in den Organisationsstrukturen vieler traditioneller Banken noch an zu vielen Stellen. Die Anzahl kontrollierender und bremsender Abteilungen übersteigt meist die Zahl der entwickelnden Einheiten. Viele Projekte verwenden mehr Zeit für Planung, Entscheidung, Abstimmung und Dokumentation als für die eigentliche kreative Lösungssuche. Unübersichtliche Zuständigkeiten und die Furcht vor falschen Entscheidungen oder gar Regelverstößen und Fehlschlägen bremst Innovatoren und frustriert Talente.

Viele Häuser haben mit der Krise ihr Machergen verloren. Eine Infusion des Genpools der Next Generation Finance täte wirklich gut. Die hellen Köpfe freilich, die das Warten darauf satt sind, verlassen derweil den traditionellen Finanzsektor und gründen ihre eigenen, innovativen Unternehmen.

Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und mittelständische Unternehmen. 2008 hat er den Blick Log gegründet, der 2012 zum Finanzblog des Jahres gekürt worden ist. Ein Schwerpunkt des Blogs sind Themen aus der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und Neuerungen im Banking.

Kontakt zum Autor: Bankenwandler@wallstreetjournal.de