Devisenhändler in Tokio verfolgen am Mittwoch eine Ansprache des neuen japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe. Der Yen fiel gegenüber dem Dollar auf seinen niedrigsten Stand seit 20 Monaten. Reuters/Yuriko Nakao

TOKIO – Noch bevor Shinzo Abe sein neues Amt als Ministerpräsident von Japan antrat, mischte er sich schon in den angespannten Streit um die globalen Devisenmärkte ein. Japan müsse sich gegen andere Regierungen, die ihre Währungen schwächen wollen, verteidigen, sagt Abe, indem auch Japan den Yen schwächt.

Abe ist nicht der einzige, der sich derzeit um die weltweite Währungspolitik sorgt. Der Gouverneur der britischen Notenbank, Mervyn King, warnt, dass die weltweiten Wirtschaftspolitiker einen Devisenkampf riskieren, der für Spannungen zwischen Staaten führen könnte.

Am Sonntag verlangte Abe von der japanischen Zentralbank, dass sie der amerikanischen und der europäischen Notenbank Widerstand leiste. Diese verbilligten ihre Währungen künstlich, sagt Abe. Ein Niveau von 90 Yen zum Dollar würde die Gewinne japanischer Exporteure stärken. Am asiatischen Markt notierte der Dollar am Mittwoch auf einem 20-Monats-Hoch von 85,33 Yen.

„Zentralbanken auf der ganzen Welt drucken Geld, stützen ihre Volkswirtschaften und steigern die Exporte. Amerika ist das beste Beispiel", sagt Abe mit Bezug auf die Politik der Fed, den Markt mit Dollar zu fluten, indem sie riesige Mengen an Treasury-Bonds und anderen Papiere kauft. „Wenn das so weitergeht, wird der Yen unweigerlich im Wert steigen", sagt Abe. „Es ist wichtig, sich dem zu widersetzen."

„Ich glaube, dass 2013 ein schwieriges Jahr wird, in dem viele Staaten versuchen werden, ihre Währung zu drücken", sagte King diesen Monat in einem Interview.

Devisenreserven der Zentralbanken gestiegen

Die Äußerungen von Abe und King zeigen, dass die Angst um die Währungspolitik weltweit steigt. China zum Beispiel steht schon lange in der Kritik, weil es seine Währung eng an den Dollar anpasst, um die Exportindustrie zu stärken.

Seit der Finanzkrise versuchen außerdem Länder wie die Schweiz, Israel und Südkorea ihre Wettbewerbsfähigkeit im Exportgeschäft zu stützen. Auch in Australien steht die Politik unter Druck, den australischen Dollar nicht zu stark werden zu lassen.

Die Devisenreserven der weltweiten Zentralbanken sind zwischen 2007 und Mitte 2012 von 6,7 Billionen auf 10,5 Billionen Dollar gestiegen, berichtet der Internationale Währungsfonds. Das entspricht einer Steigerung von 57 Prozent in weniger als fünf Jahren und zeigt, wie aggressiv Notenbanken Fremdwährungen horten, um die eigene Währung zu schützen. Die größte Steigerung der Devisenreserven fand in der Schweiz statt.

Für japanische Unternehmen mache es einen großen Unterschied, ob der Dollar im Bereich von 80 oder 90 Yen notiert, sagt Abe. „Wenn der Dollar über 85 Yen steht, zahlen Unternehmen Steuern, die vorher kein gezahlt hatten, weil sie nicht profitabel waren."

Die USA arbeiten offiziell zwar nicht auf einen schwächeren Dollar hin, doch effektiv senken sie mit ihrer Politik den Wert der Währung. Vor allem die quantitative Lockerung, bei der die Fed Geld druckt, um Staatsanleihen zu kaufen, hat die Nebenwirkung, dass im weltweiten Markt mehr Dollar zur Verfügung stehen und der Wert der Währung so sinkt.

Trotzdem war der Dollar in den vergangenen Jahren relativ stabil, da Investoren in US-Treasurys strömten. Diese gelten oft als sicherer Anlagehafen.

Währungsintervention scheint möglich

Einige prominente US-Ökonomen haben von der Fed und dem Finanzministerium verlangt, aggressiver auf die chinesische Währungspolitik zu reagieren. Fred Bergsten und Joseph Gagnon, Ökonomen am Peterson Institute of International Economics, schätzen, dass das US-Handelsdefizit 150 bis 300 Milliarden Dollar kleiner wäre und es etwa zwei Millionen mehr Jobs in den USA gäbe, wenn China und andere Schwellenmärkte ihre Währungen nicht manipulierten.

Sie haben von der US-Politik verlangt, in die Märkte einzugreifen, um den Dollar zu drücken, oder Importe aus diesen Ländern höher zu besteuern.

Eine Niedrigzinspolitik und quantitative Lockerung sind nicht die einzigen Methoden, um den Wert einer Währung zu senken. Möglich ist auch eine Währungsintervention, bei der eine Notenbank ihre eigene Währung gegen eine fremde eintauscht. So hat zum Beispiel die südkoreanische Zentralbank im November Won verkauft und mindestens eine Milliarde Dollar gekauft, um die Wertsteigerung der eigenen Währung aufzuhalten, berichten Händler.

Solche Währungsinterventionen haben der Erfahrung nach nur geringen Einfluss. Japan hat dieses Jahr seine eigenen Deviseninterventionen beendet, nachdem das US-Finanzministerium das Land scharf dafür kritisiert hatte. Abe selbst glaubt, dass solche Interventionen „kaum effektiv" seien. Stattdessen erhöht er den Druck auf die japanische Zentralbank, aggressive Schritte wie „unbegrenzte Lockerung" einzuleiten, um der chronischen Deflation des Landes ein Ende zu bereiten.

Droht ein Rückfall in die 1930er Jahre?

Abe gewann die Wahl am 16. Dezember mit großem Abstand. Im Wahlkampf hatte er damit geworben, dass er die Wirtschaft von ihrer Rezession kurieren werde, indem er der Zentralbank schwerere Geschütze mitgebe und die Staatsausgaben erhöhe.

Am Sonntag verlangte Abe erneut von der Zentralbank, dass sie bei ihrer Vorstandssitzung im Januar ein Inflationsziel von zwei Prozent festlege. Er drohte damit, die Bank gesetzlich zu einem solchen Schritt zu zwingen, wenn sie nicht selbst die Initiative ergreife.

Edwin Truman, ein weiterer Ökonom am Peterson Institute, warnt vor einem zu schweren Gegenschlag in der Währungspolitik. „Wenn man eine Währung zu stark unterbewertet, führt das auch zu einem Handelskrieg", sagte Truman vergangene Woche.

Handelskriege, bei denen Länder Importe aus anderen Staaten begrenzen, spielten auch bei der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre eine große Rolle und behinderten das globale Wachstum. Truman sagt, es bereite ihm Sorgen, dass die Kooperation zwischen unterschiedlichen Ländern in Fragen der Währungspolitik in den vergangenen Jahren abgenommen habe.

Vergangene Woche erklärte die japanische Zentralbank, dass sie bei ihrem Treffen im Januar ein Kursziel in Erwägung ziehe und stellte ein Programm vor, bei dem Geschäftsbanken billig Geld erhalten sollen, wenn sie mehr Kredite vergeben – unter anderem auch, um Übernahmen im Ausland zu finanzieren.

„Weise Nachricht" von Abe

Abe und andere Schwergewichte in seiner Partei scheinen lediglich eine leichte Schwächung des Yen anzustreben. Seit der Nuklearkrise im März 2011 sind die Importe nach Japan deutlich gestiegen – der Unfall hatte zur Folge, dass die meisten Kernkraftwerke in Japan stillstehen und stattdessen andere Energierohstoffe aus dem Ausland gekauft werden.

Yuji Saito, Direktor des Devisenhandels bei Crédit Agricole ACA.FR +1,50% Credit Agricole S.A. France: Paris 12,16 +0,18 +1,50% 18 Sept. 2014 15:26 Volumen (​15 Min. verzögert) : 4,94 Mio. KGV 7,37 Marktkapitalisierung 30,85 Milliarden € Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 694.078 € in Tokio, sagt, Abes Team sende „eine weise Nachricht, dass ihr Ziel lediglich eine Korrektur des zu starken Yen sei, und dass sie den Yen nicht schwächen wollen. Das Ziel von 85 bis 90 Yen ist für alle Beteiligten eine akzeptable Spanne, auch für Exporteure, Importeure und Banken sowie Partner wie Südkorea und die USA."

Wenn Abe auf ein Ziel von 100 Yen pro Dollar zuarbeiten würde, würde die neue Regierung die Zentralbank womöglich „zu stark unter Druck setzen", sagt Saito, und so vielleicht sogar den japanischen Markt für Staatsanleihen stören, der bisher stabil ist, und die langfristigen Zinsen steigern.

—Mitarbeit: Takashi Mochizuki und In-Soo Nam

Kontakt zu den Autoren: redaktion@wallstreetjournal.de