In solchen Geschäften werden in China Opfergaben aus Papier verkauft. Te-Ping Chen/The Wall Street Journal

Tief in der chinesischen Geisterwelt braut sich eine Inflationskrise zusammen, bei der Zentralbankern ein Schauer über den Rücken laufen würde.

Seit hunderten Jahren verbrennen Chinesen ganze Bündel von sogenanntem „Geistergeld", um sicherzustellen, dass für ihre Vorfahren im Jenseits gesorgt ist. Die Scheine sind noch bunter als Monopoly-Geld und sind mit dem Bild des Kaisers der Unterwelt verziert.

Traditionell verbrannten Menschen Scheine mit einem kleinen Nennwert von fünf oder zehn. Doch die Geistergeld-Drucker werden immer weniger maßvoll: Der Wert der größten Scheine ist in den vergangenen Jahrzehnten auf Millionen- und sogar Milliardenbeträge gestiegen. Der Grund: Die Nachfahren glauben, dass ihre verstorbenen Verwandten mehr Geistergeld brauchen, um sich moderne Luxusgegenstände wie Eigentumswohnungen und iPads leisten zu können.

Eine 1-Billionen-Note für die Unterwelt.

Dieses Jahr tauchte in einer engen Straße von Hongkong, wo Opfergaben für die Toten verkauft werden, auch ein ellenlanger Schein im Wert von einer Billion auf. „Was wir hier haben ist eine Hyperinflation", sagt Timothy Hau, Ökonom von der Universität Hongkong. „Das ist wie in Simbabwe."

Das Inflationsproblem dürfte dieses Jahr zum Geisterfest noch größer werden, wenn sich dem Volksglauben nach die Tore zur Unterwelt öffnen und die Toten auf der Erde wandeln dürfen. Während der nächsten Wochen führen die Bewohner der Stadt traditionelle Opern auf, um die Gäste aus der Unterwelt zu unterhalten. Die erste Reihe lassen die Zuschauer für die Geister frei. Außerdem kochen die Lebenden aufwendige Gerichte und verbrennen Geldbündel für die Toten.

Die Inflation in der Unterwelt ähnelt der Entwicklung im wirklichen Leben vieler Chinesen. Seit einigen Jahren steigen die Preise in Hongkong wie auf dem chinesischen Festland spürbar. Vor allem Hongkong, dessen Währung an den US-Dollar gebunden ist, kann gegen die Inflation nur wenig ausrichten. Denn dadurch bleiben Kreditzinsen niedrig.

Im westlichen Teil von Hongkong, nahe den Geschäften für Ginseng und Haiflossen, gibt es etwa ein halbes Dutzend Läden für Opfergaben. Ihre Regale sind vollgestopft mit bunten Dim-Sum-Körben, Klimaanlagen und DVD-Spielern, die alle aus Papier hergestellt sind, damit sie als Opfergaben verbrannt werden können.

Seit Jahrzehnten existieren diese Läden neben Krankenhäusern und Sarggeschäften. Doch nächsten Monat wird einer davon schließen. „Die Miete ist so teuer, dass wir nicht mehr weitermachen können", sagt der 62-jährige Inhaber Tony Tai.

„Die Inflation ist überall, also natürlich auch in der Unterwelt", sagt die 42-jährige Li Yin-Kwan, 42. Der Schein über eine Billion sei der beliebteste in ihrem Laden, sagt sie, „weil Geister damit viele Dinge kaufen können, wie ein teures Auto und ein großes Haus."

Es mache jedoch auch noch Sinn, kleinere Scheine zu verbrennen. „Die Geister brauchen auch Kleingeld, um ihre täglichen Besorgungen zu machen", sagt sie. Jüngst waren an einem Freitag alle Billionen-Scheine in ihrem sowie in den angrenzenden Läden ausverkauft. „Tut mir Leid", sagt Li zu einem Kunden. „Es gibt noch einige Scheine über 100 Milliarden."

In vielen asiatischen Ländern wird das Geisterfest gefeiert. Hier werfen Gläubige in Malaysia "Höllengeld" auf eine Statue, bevor diese verbrannt wird. Mohd Rasfan/Agence France-Presse

Es gibt noch andere Anzeichen für eine Wirtschaftskrise in der Unterwelt: Immer mehr Kreditkarten aus Papier, ausgestellt von der „Bank der Unterwelt", sind im Umlauf, manche davon mit rosa Diamantmotiv und VIP-Aufklebern, andere in American-Express-Grün. Außerdem gibt es iPads, Flachbildfernseher mit 3D-Brillen und Sportwagen aus Papier.

Das Problem ist laut Ökonomen, dass es in der Unterwelt niemanden gibt, der kontrolliert, wie viel Geld in das System gepumpt wird. Je mehr Geistergeld verbrannt wird, desto höher steigt die Inflation. „Inflation ist überall ein geldpolitisches Phänomen", sagt Hau und zitiert dabei den Ökonomen Milton Friedman. „Es ist das Geldangebot, das die Inflation verursacht."

Genau wie Simbabwe sollte die Unterwelt seiner Meinung nach ihre Wirtschaft an den Dollar binden und vor allem die US-Währung annehmen. Kaum einer würde echte Dollarscheine verbrennen, glaubt er, wodurch der Bargeldfluss an die Unterwelt schrumpfen würde.

Kenny Cheung, Manager des Bestattungsunternehmens Cheung Kee, verbrennt am liebsten Gläser mit Tee und westliche Anzüge aus Papier für seinen Großvater, da er weiß, dass er diese Dinge im Jenseits vermissen würde. „Wenn das Herz stark ist, ist es nicht nötig, so viel Geld zu verbrennen."

Der Kaiser der Unterwelt

Zwar verkauft er Scheine über eine Billion der Geisterwährung und solche, die fast wie US-Dollar aussehen. 50 Hongkong-Dollar oder etwa fünf Euro kostet ein Geldbündel, das in der Unterwelt etwa 100 Billionen wert ist. Doch bei Kreditkarten aus Papier liegt für ihn die Grenze. „Ich glaube, dass das für die Lebenden wie für die Toten eine schlechte Angewohnheit ist", sagt er.

Die Zentralbank von Hongkong sagt, sie habe keine Macht über die Geldmenge in der Unterwelt. „Daher sammelt die Bank keine Statistiken über die Menge oder den Wert des Geldes, das im ‚Jenseits' in Umlauf ist, noch will sie den Druck dieses Geldes überwachen", sagt eine Sprecherin, die sich entschuldigte, weil ihre Antwort nicht humorvoller war.

Geld zu verbrennen ist laut der chinesischen Tradition eine wichtige Pflicht von Nachfahren. Viele Chinesen glauben, dass das Jenseits dem Leben auf der Erde sehr ähnlich ist, dass es dort ebenfalls Bürokratie gibt und dass Beamte dort genauso wie im Leben gelegentlich auch bestochen werden müssen.

„In der Unterwelt gibt es auch Korruption", sagt Maria Tam, Anthropologin von der Chinesischen Universität Hongkong. Wenn man zum Beispiel ein Papierhaus verbrennt, muss man auch Geld dazutun. „Sonst kommt irgendein Bürokrat und nimmt es sich einfach", sagt Tam. „Also braucht man Geld, um diesen zu bestechen."

Und das Bargeld hat noch einen anderen Zweck. „In der Unterwelt brauchen sie auch Geld für das Glücksspiel", sagt Cheung. „Ohne Geld kein Spaß."

—Mitarbeit: Chester Yung und Alex Frangos

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de