Es ist erst ein paar Wochen her, dass der Online-Shop Zoogigant ZOO.VI -14,29% Zoogigant AG Austria: Vienna 0,30 -0,05 -14,29% 13 Aug. 2014 17:45 Volumen (​15 Min. verzögert) : 6.500 KGV N/A Marktkapitalisierung N/A Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter N/A auf das Parkett geschliddert ist. Seit Juni notiert die Duisburger Firma an der Börse. Genauer gesagt an der Wiener Börse, versteckt im dortigen „Dritten Markt". Nun handelt Zoogigant zwar mit Heimtierbedarf, als Gigant ist das E-Commerce-Unternehmen bislang aber nicht in Erscheinung getreten.

Gemeinsam mit seinem Schwestershop Traumdiscount erwirtschaftete die Firma im vergangenen Jahr gerade einmal 800.000 Euro Umsatz. Aber das Unternehmen hat etwas geschafft, was 94 Prozent der deutschen Start-ups, glaubt man der jüngsten Umfrage des jungen Bundesverbandes deutscher Start-ups (BVDS), als schwer bis sehr schwer zu realisieren empfinden: ein IPO. Immerhin das Doppelte der jährlichen Einnahmen sammelte Zoogigant in Wien ein.

Trotz des gigantischen Börsendebüts ist zwar vorerst nicht davon auszugehen, dass das Wiener Parkett demnächst von deutschen Start-ups überschwemmt wird, aber so einen dritten Markt – es war bis zum Redaktionsschluss dieser Kolumne leider noch nicht überliefert, ob die Analogie zum ebenfalls in Wien spielenden dritten Mann gewollt ist – den hätten die deutschen Gründer schon auch ganz gerne.

Zumindest flammt die Sehnsucht danach zuletzt regelmäßig auf. Gerade erst hat der BVDS öffentlich bekundet, dass die Bereitschaft der Investoren, in junge Unternehmen zu investieren, ziemlich stark korreliere mit der Qualität ihrer Exit-Möglichkeiten.

Nun muss man wissen, dass man an der Börse stets dann eine Rendite erwirtschaftet, wenn man jemanden findet, der bereit ist, für eine Aktie mehr zu bezahlen als man es selbst zuvor war. Venture-Capital-Gesellschaften geht es da nicht anders, die Samwer-Brüder dürften noch heute froh darüber sein, 2007 auch noch den Rest der StudiVZ-Anteile an Holtzbrinck losgeworden zu sein.

Kleinanleger als bessere Wagniskapitalgeber?

Um Missverständnissen vorzubeugen: Dass es deutschen Start-ups an üppigen Quellen für Wachstumskapital mangelt, dass amerikanische VCs abenteuerlustiger sind als deutsche und ihre Investitionen auch deshalb acht bis zehn Mal – je nach Studie - so hoch sind, obwohl das US-BIP nur viermal so hoch ist wie das deutsche, war auch in dieser Kolumne mehr als einmal nachzulesen.

Doch nur weil Exits wie jene von Trivago ( Expedia EXPE +0,35% Expedia Inc. U.S.: Nasdaq $86,34 +0,30 +0,35% 19 Aug. 2014 16:00 Volumen (​15 Min. verzögert) : 1,54 Mio. NACHBÖRSLICH $86,44 +0,10 +0,12% 19 Aug. 2014 16:57 Volumen (​15 Min. verzögert) : 10.830 KGV 33,86 Marktkapitalisierung 10,94 Milliarden $ Dividendenrendite 0,83% Umsatz/Mitarbeiter 360.252 $ kaufte für 477 Millionen Euro) oder Finanzierungsrunden wie von Soundcloud (50 Millionen Euro), NumberFour (38 Millionen Dollar) oder Researchgate (20 Millionen Euro, u.a. von Bill Gates) die oft bemühten Ausnahmen sind, löst sich das Problem eben nicht allein durch die Hoffnung darauf, dass Kleinanleger bessere Wagniskapitalgeber seien.

Sicher, Kleinanleger wagen mehr, aber aus anderen Gründen als amerikanische VCs. Kleinanleger tappen immer wieder in Fallen. Das haben sie leider zu oft schon bewiesen, sonst hätten sie nicht geglaubt, dass ein Unternehmen wie EM.TV 15 Milliarden Euro wert sein könnte oder dass die New Economy wider wirtschaftlicher Vernunft wirtschaftlich arbeitet. Sonst hätten sie sich einst nicht ihre Depots mit argentinischen Staatsanleihen vollgestopft oder Girokonten auf Island eröffnet. Sonst hätten sie gewusst, dass Zertifikate - ausgestellt von der US-Investmentbank Lehman Brothers - riskante Schuldscheine sind.

Jeder, der wie Intershop-Gründer Stephan Schambach derzeit für einen neuen Neuen Markt lobbyiert, weiß, dass sich diese Liste endlos in die Länge ziehen ließe.

Das Argument, Kleinanleger seien mündige Bürger, deren Gier ihnen viel zu oft den klaren Blick verschleiert, ist berechtigt. Aber beim nächsten Versuch, Gründern und vor allem ihren Alt-Investoren die Möglichkeit zu geben, nicht länger an die Zukunft der gemeinsamen Unternehmung glauben zu müssen, ein zu bequemes.

Investoren scheuen das Risiko mit Gründern

Gerade erst gewinnt die deutsche Gründerlandschaft eine Kontur. Und schon fühlt es sich bisweilen so an, dass kein Investor ins große Risiko gehen will, sich aber über kleine Tickets ein jeder in Position bringt, um dabei zu sein, wenn die Party richtig losgeht. Anders ist die Accelerator-Schwemme nicht zu erklären.

Sich allein auf die Gier des Mob zu verlassen, ist gefährlich, weil schon mal da gewesen. Es wird den vielen guten Ideen und Geschäftsmodellen in Berlin und anderswo auch nicht gerecht. Denn es gibt mindestens einen Unterschied zur alten New Econonmy: Die Börsenkandidaten von heute sind besser als Letsbuyit.com oder Fortunecity.

Gerade weil das so ist, sollten die Kriterien für den Zugang an eine neue Börse klug überlegt sein. Warum nicht IPOs an einer Börse für Wachstumsunternehmen verbieten, bei denen nur die Altaktionäre Kasse machen statt über die Emission neuer Aktien künftiges Wachstum zu schmieden? Warum Banken die Platzierung überlassen, wenn diese das Platzierungsrisiko auf ihre Kunden abwälzen?

Wer die Geduld nicht aufbringt, der kann es Zoogigant nachmachen. Es muss ja nicht am „dritten Markt" sein. Die Nasdaq hat schließlich auch nie ausgeschlossen, deutsche Start-ups aufzunehmen. An der US-Techbörse notieren mehr israelische Tech-Firmen als europäische. Und es ist ja auch nicht so, dass es in Deutschland keine Börse gäbe. So notiert die Firma MediNavi seit 2010 im Hamburger Freiverkehr, Zooplus, ZO1.XE +0,12% zooplus AG Germany: Xetra 49,96 +0,06 +0,12% 20 Aug. 2014 10:23 Volumen (​15 Min. verzögert) : 1.303 KGV 99,92 Marktkapitalisierung 311,60 Millionen € Dividendenrendite N/A Umsatz/Mitarbeiter 1.718.880 € was für ein Zufall, ist seit 2008 an der Frankfurter Börse, auch Xing hat in der Post-Neuen-Markt-Ära sein IPO hinbekommen.

Auch die Deutsche Börse hat mit dem Entry Standard längst einen zweiten Versuch gewagt, ein Segment für mittelständische und junge, wachstumsstarke Unternehmen zu etablieren? Dass sich dort seit 2011 gerade einmal fünf Unternehmen an die Börse trauten, liegt gewiss nicht am Entry Standard allein.

Das Segment klingt halt nicht so sexy wie - sagen wir – Crowdinvesting. Wenn Kleinanlegern bei Seedmatch & Co. vorgegaukelt wird, ihnen winke eine ähnliche Performance wie den Profiinvestoren von Andreessen Horowitz, Accel oder Earlybird, dann ist das nur ein Vorgeschmack auf einen neuen Neuen Markt.

PS: Die Aktie von Zoogigant notierte übrigens gestern 40 Prozent über dem Ausgabekurs.

Über den Autor

Marcus Pfeil ist freier Journalist in Berlin. Für das Wall Street Journal Deutschland beobachtet er die Entwicklung der Startup-Szene in der Hauptstadt und berichtet darüber alle zwei Wochen in der Kolumne "Gründerjahre".

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de