Wie im vergangenen Jahr treffen im DFL-Supercup wieder Bayern München und Borussia Dortmund aufeinander. Bei der Ticketbörse Viagogo gab es schon frühzeitig Karten - mit gehörigem Aufschlag. AFP

Famos, dass es den Supercup gibt. Nach kurzer Abstinenz treffen am 27. Juli mal wieder Borussia Dortmund BVB.XE -2,44% Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA Germany: Xetra 4,75 -0,12 -2,44% 22 Sept. 2014 17:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 165.869 KGV 25,39 Marktkapitalisierung 447,95 Millionen € Dividendenrendite 2,11% Umsatz/Mitarbeiter 487.290 € und der FC Bayern München aufeinander. Ein Wanderpokal wartet. 5,5 Kilogramm schwer, 53 Zentimeter hoch, Versicherungswert: 40.000 Euro. Die erste Trophäe der Saison. „Jetzt Tickets sichern!", wirbt die Deutsche Fußball Liga im Internet.

Ligapräsident Reinhard Rauball schlüpft mit seiner Arbeitseinheit DFL einmal im Jahr in die ungewohnte Veranstalterrolle: Der Supercup ist das große Spiel der Liga, gut 80.500 Zuschauer finden im angemieteten Signal Iduna Park in Dortmund Platz. Die Eintrittspreise haben Rauballs Leute bewusst sozialverträglich angesetzt - zwischen 15,30 Euro und 50 Euro. „Fußball muss bezahlbar bleiben", sagt DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig.

Nicht jeder sieht das ganz so eng. Im 9. Stock eines Bürokomplexes im Londoner Stadtteil Southwark, dem Großraumbüro des Viagogo-Kundenservices, ist der Supercup nur eines: die Chance auf ordentlich Cash. Viagogo, offiziell in Genf registriert, sieht sich als führender Internet-Marktplatz für den Weiterverkauf von Eintrittskarten – gehandelt wird auf Provisionsbasis. Kritiker aus der Fußballbranche sagen: Viagogo fördert das Verschieben von Tickets aus kommerziellen Interessen, leistet so Preistreiberei Vorschub und zieht die Prinzipien des Straßenschwarzmarkts elegant und anonym ins Internet.

Ungehemmt hat sich der Londoner Makler auch den Supercup der DFL ins Verkaufs-Portfolio gezogen – und zwar bereits, bevor es die Karten für die Partie überhaupt zu kaufen gab. Leerverkäufe wie an der Börse, wo Zocker mit Aktien handeln, die sie gar nicht besitzen. Eine Auswertung des Internetangebots auf Viagogo am 25. Juni, dem Tag vor dem Vorverkaufsstart, ergab: 1.826 Karten für den Supercup standen auf Viagogo zum Verkauf – zu einem erstaunlichen Gesamtnettopreis von 412.237,83 Euro. Die Durchschnittskarte hätte damit inklusive der bei Viagogo verlangten 15 Prozent Käuferprovision, Steuern und Lieferkosten gut 272 Euro gekostet. Und jedes einzelne Ticket war teurer als von der DFL vorgesehen. Wer auf „Kaufen" klickt, der zahlt sofort. Geliefert wird teilweise erst Stunden vor Anpfiff.

1.780 Euro für einen Supercup-Sitzplatz

Woher das reichhaltige Angebot stammt, kann Viagogo auf Anfrage des Wall Street Journal Deutschland nicht konkret erklären. „Es gibt viele Gründe, warum Verkäufer bereits jetzt wissen, dass sie die Tickets haben werden, zum Beispiel die mit Saisontickets oder Fanclubmitglieder", antwortet eine Viagogo-Sprecherin. In der Tat hatten die 55.000 BVB-Dauerkarteninhaber ab dem 25.6. ein Vorkaufsrecht für die Supercup-Begegnung. Sie hätten also eine Karte für ein Spiel reservieren müssen, das sie gar nicht sehen wollen – und am selben Tag bei Viagogo eingestellt; bevor sie die Karte überhaupt erhalten hätten. Fanclubs wurden vom BVB erst am 11.7. per Mail informiert, dass sie reservieren dürfen.

Sind unter den Dauerkarteninhabern in Dortmund also 1.826 blitzschnelle Ticketschieber? Kein anderer Schluss scheint nach der Viagogo-Erläuterung möglich.

Blüten wie beim jüngsten Champions-League-Finale, als Viagogo-Kunden bis zu 31.427 Euro pro Ticket zahlen sollten, treibt die Supercup-Partie nicht. Doch immerhin waren am Donnerstag satte 1.780 Euro für die teuerste Supercup-Karte an Viagogo zu entrichten.

Duldet die DFL die Preis-Eskapaden bei ihrer eigenen Veranstaltung? Auf Anfrage des Wall Street Journal Deutschland stellen die Ligaverantwortlichen klar, dass sie an den Viagogo-Deals nicht mitverdienen: „Es gibt keine Geschäftsbeziehung der DFL zu Viagogo", heißt es. Zudem verbieten die Allgemeinen Ticket-Geschäftsbedingungen, die die Liga für diese Partie zugrunde legt, einen Weiterverkauf der Karten mit mehr als 15 Prozent Aufschlag. Doch konkrete Fragen nach einer DFL-Reaktion sowie der Haltung der Ligaoberen zum Thema Ticketzweitmarkt im Internet wurden mit dem Hinweis auf eine fehlende Geschäftsbeziehung zu Viagogo abgeblockt.

Die DFL duckt sich weg. Einmal im Jahr darf Viagogo mit der Liga Schlitten fahren.

Das Kuschen ist symptomatisch, Viagogo ist das vielleicht größte Politikum der Liga: Eine generelle Handlungsempfehlung an die konstituierenden 36 Profiklubs zu geben, ist für die DFL schon deshalb schwer, weil ein tiefer Graben quer durch die Fußball-Bundesligen läuft. Einige Klubs haben sich eine Partnerschaft von Viagogo versilbern lassen – und verdienen so direkt oder indirekt an der Ticketspekulation mit. Andere Klubs sind erklärte Gegner und grübeln über geeignete Abwehrmaßnahmen.

Der Widerstand wächst

Fest steht: Ein so leichtes Spiel wie beim Supercup hat Viagogo in Deutschland an nur wenigen Fußballstandorten. Der Widerstand gegen die Online-Ticketbörse wächst, vielerorts angetrieben von Faninitiativen wie „Vianogo". Klubs wie Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach, Bayer 04 Leverkusen oder der FSV Mainz haben dem Werben der Londoner trotz der zu erwartenden jährlichen Finanzspritze in sechs- bis siebenstelliger Höhe widerstanden. Sie lehnen den Viagogo-Handel kategorisch ab.

Neu ist: Jetzt regt sich auch Widerstand bei den Vertragspartnern von Viagogo. Nach dem HSV im vergangenen Jahr hat in dieser Woche Schalke 04 den Vertrag vorzeitig gekündigt. Auch bei weiteren Klubs vollzieht sich ein Sinneswandel, der in Kürze sichtbar werden dürfte. Von den acht Erstligisten, die Viagogo zu Jahresbeginn noch als Vertragspartner betrachtete, bleiben nach Informationen des Wall Street Journal Deutschland nach Ablauf der kommenden Saison bestenfalls vier übrig.

Schalke, so scheint es, ist Viagogos Waterloo. Richtungsweisend waren die teils heftigen Reaktionen der Fans. Die Anhänger zwangen den Verein zum Rückzug. Das Klub-Management hat den auf drei Jahre ausgelegten und 3,6 Millionen Euro schweren Viagogo-Vertrag nach nur neun Tagen Laufzeit nach Vereinsdarstellung fristlos gekündigt. S04-Marketingvorstand Alexander Jobst gibt an, sein Klub habe mit der Kündigung dem umstrittenen Dienstleister eine empfindliche Niederlage zugefügt: „Dieser Ausgang wird auch an Viagogo nicht spurlos vorübergehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Unternehmen noch viele potenzielle Partner in der Bundesliga finden wird."

Viagogo reagiert auf die Schalke-Kündigung trotzig. Die Zahl der weit über Nennwert angebotenen Karten stieg binnen Stunden rasant an – gerade so, als sei einer Hundertschaft verhinderter Schalke-Fans kurz nach der Kündigung eingefallen, dass sie massenhaft Karten für diverse Spiele in ferner Zukunft übrig haben. Viagogo fand am selben Tag diesen „regen Verkauf von Schalke Tickets" eine Pressemitteilung wert. Es seien „alle Aspekte des Vertrags erfüllt" worden, man behalte sich rechtliche Schritte gegen den Klub vor. Auch der Hamburger SV hat Ende 2012 seinen Vertrag nach nur wenigen Wochen gekündigt, Viagogo hat gegen den HSV Klage eingereicht.

Nach Darstellung von Schalke-Vorstand Jobst hat Viagogo „entgegen der Vereinbarungen" gehandelt. „Trotz mehrfacher Intervention sowie anschließenden Abmahnungen kam Viagogo unseren Aufforderungen nicht nach, sich an die Spielregeln zu halten", ließ Jobst wissen. Woran sich der Disput konkret entzündete, teilt Schalke nicht mit.

Denkbar ist, dass die vereinbarte Deckelung von 100 Prozent Preisaufschlag bei Viagogo der Streitpunkt ist. Zusätzliche Gebühren und die darauf erhobene Mehrwertsteuer könnten den Endkundenpreis über die 100-Prozent-Schwelle gedrückt haben.

Viagogo erklärt die Preisgestaltung so: „Die Gestaltung der Mehrwertsteuer war in unserem Vertrag mit keinem Wort erwähnt. Wie üblich wird die Mehrwertsteuer zusätzlich zu unseren Gebühren erhoben", sagt Viagogo-Sprecher Steve Roest.

Immer mehr Klubs überdenken Partnerschaft mit Viagogo

Dem ist jedoch nicht immer so: Nicht näher definierte „Bearbeitungsgebühren" werden von Viagogo auch offenbar steuerfrei kassiert, wie ein Testkauf bei Viagogo in Dortmund im Juni zeigte. Auf Nachfrage antwortet das Unternehmen: „Viagogo ist ein international tätiges Unternehmen und zahlt Steuern, wo immer es erforderlich ist, in Einklang mit der jeweiligen Steuergesetzgebung."

In Dortmund kam es für Kunden unter anderem zur Androhung willkürlicher 500-Euro-Geldstrafen durch Viagogo-Vertreter.

Die bemerkenswerte Business-Kultur ist nicht nur auf Schalke schlecht angekommen. Wie eng die Lage für Viagogo inzwischen ist, zeigt eine Umfrage des Wall Street Journal Deutschland unter den Erstligaklubs, die mit Viagogo eine Partnerschaft abgeschlossen haben. Während sich Nürnberg, Hoffenheim und Stuttgart zur Online-Ticketbörse bekennen, der sie unter anderem den Weiterkauf von Tickets mit Aufschlägen von teilweise bis zu 100 Prozent erlauben, muss sich die Augsburger Klubführung auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 8. August den aufgebrachten Fans stellen. Bis dahin will sich der Klub nicht offiziell äußern. In Hannover sind Zweifel am Partner zu hören. Im Wolfsburg klingt die Verbindung mit Viagogo gerade leise aus.

Bayern München will den nach der kommenden Saison auslaufenden Vertrag nicht verlängern. Damit wäre auch der Vorzeigepartner verloren, mit dem die Viagogo-Story in der Bundesliga im Jahr 2007 so hoffnungsvoll begann.

Thomas Mersch und Stefan Merx sind Gründer des Pressebüros JP4 und der Seite jp4sport.biz. Für das Wall Street Journal Deutschland schreibt JP4 über Sport-Business-Themen.

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