Quer durch Asien nehmen die Regulierungsbehörden die wichtigen Referenzzinssätze ins Visier. Sie suchen nach Hinweisen auf Manipulationen, ausgelöst durch den Libor-Skandal und andere Fälle systematischer Beeinflussung der Zinssätze weltweit. Die Geldhäuser hatten die Raten, zu denen sie sich gegenseitig Geld leihen, falsch gemeldet – je nachdem, in welche Richtung sie gerade Gewinn daraus schlagen konnten.

Als Konsequenz hat etwa in Hongkong die Hong Kong Monetary Authority den dortigen Referenzzinssatz Hibor in die eigene Hand genommen – vorher hatte ein Bankenverband die Rate bestimmt. In Japan und Singapur prüfen die Regulierer, ob die dortigen Banken möglicherweise auch manipuliert haben.

Die Hong Kong Monetary Authority unternimmt vorbeugende Maßnahmen. Reuters

Zuletzt hatte die Royal Bank of Scotland am Mittwoch zugestimmt, 610 Millionen US-Dollar an Strafe zu zahlen. Insgesamt 612,6 Millionen US-Dollar kostet das britische Finanzinstitut die Beilegung der Ermittlungen durch britische und amerikanische Behörden. Darüber hinaus bekannte sich die Tochter RBS Securities Japan der Libor-Manipulation für schuldig.

Die schweizerische Großbank UBS hatte in dem Zusammenhang bereits 1,4 Milliarden Franken zahlen müssen, um sich aus den Fängen der Justiz zu befreien. Die britische Bank Barclays war mit der Zahlung von rund 450 Millionen US-Dollar deutlich glimpflicher davongekommen. Auch die Deutsche Bank war beteiligt. Bei ihr ist allerdings noch offen, ob und in welcher Höhe sie finanziell herangezogen wird.

Die Regulierer in Asien waren trotz der Skandale in Europa bisher recht zögerlich bei ihren Untersuchungen. Laut eingeweihten Personen warten viele darauf, bis die internationale Vereinigung von Börsenaufsichtsbehörden, die International Organization of Securities Commissions, Richtlinien zum Thema herausbringt. Ein Sprecher der Organisation sagt, im April dürfte es soweit sein.

Die Trägheit hat einen weiteren Grund: Die Finanzmärkte Asiens sind kleiner und weniger liquide als die in den USA und Europa. So haben die Sorgen über mögliche Manipulationen des Zinssatzes bis vor kurzem wenig Aufmerksamkeit gefunden – bis die Skandale derart hohe Wellen schlugen.

Die Regulierer in Asien verfolgen nun aufmerksam, wie stark das Vertrauen in den Libor bereits ausgehöhlt ist und wie weit dies auf die regionalen Referenzzinssätze durchschlagen könnte. Denn wie der Libor wird auch der Hibor durch die Angaben eines Pools von Banken berechnet und für verschiedene Laufzeiten ermittelt.

"Viele Banken haben bereits die Basis für die Bewertung ihrer Derivative geändert und setzen auf Sätze, die nicht von der Branche selbst ermittelt werden, da der Libor nicht länger als glaubwürdig angesehen wird", sagt Yuri Yoshida, Direktor für Ratings von Finanzinstituten bei Standard & Poor's in Tokio.

In Tokio wird die japanische Aufsichtsbehörde voraussichtlich in den nächsten Monaten Sanktionen gegen RBS wegen laxer Überwachung verhängen, sagen mit der Angelegenheit vertraute Personen. Wie die Auflagen aussehen können, ist offen. Möglich sei alles von der Aufforderung, die Abläufe zu verbessern bis hin zur Suspendierung eines Teils des RBS-Handelsgeschäfts in Japan. Richtschnur dürften frühere Disziplinarmaßnahmen gegen andere Banken sein.

Wichtige Infos zum Libor

Was ist der Libor? Die London Interbank Offered Rate soll die Zinsen messen, zu denen Banken sich gegenseitig Geld leihen. Er stützt sich auf Daten, die die Banken täglich einreichen. Andere Referenzzinssätze wie der europäische Euribor und der japanische Tibor funktionieren ähnlich.

Warum ist er wichtig? Wertpapiere und Kredite im Wert von mehr als 800 Billionen US-Dollar sind mit dem Libor verknüpft, darunter 350 Billionen an Swaps und 10 Billionen an Krediten auf Häuser und Autos, so die amerikanische Aufsicht CFTC. Selbst kleinste Bewegungen und Ungenauigkeiten beeinflussen Investmentrenditen und Verschuldungskosten für Einzelpersonen, Unternehmen und professionelle Investoren.

Zusammenarbeit mit japanischer Aufsicht

Ein RBS-Sprecher in Hongkong sagte, die Bank arbeite weiterhin mit der japanischen Aufsicht zusammen. Im vergangenen Sommer hatte sich das Finanzhaus aus dem Gremium zurückgezogen, das den Tibor festsetzt, dem japanischen Interbankensatz für Yen-Anlagen.

Bislang sind allerdings in Japan noch keine Bestrebungen erkennbar, dem Bankenverband JBA die Erhebung dieser Referenzsätze zu entziehen. Der JBA benennt und überprüft regelmäßig die Banken, die Daten für den Tibor melden.

Die Monetary Authority of Singapore, die Zentralbank des Stadtstaates, hat eigene Ermittlungen über mögliche Manipulationen bei der Festsetzung des dortigen Sibor-Satzes gestartet. Diese Zinsraten werden auf Basis der Meldungen von Geschäftsbanken festgesetzt. Gleiches gilt für diverse als Benchmark genutzte Devisenreferenzkurse. Hier sind erste Auswirkungen durch den Liborskandal bereits erkennbar: Einige Banken haben sich nach internen Untersuchungen von Devisenhändlern getrennt.

Nach Malaysia ausgestrahlt

Auch nach Malaysia hat dies ausgestrahlt: Die Notenbank hat im vergangenen Monat den Banken auferlegt, ausschließlich einen in Malaysia festgesetzten Referenzkurs für die Preisfestsetzung von Devisenkontrakten mit der Landeswährung Ringgit zu nutzen. Zuvor griffen die Finanzhäuser auf die täglich in Singapur von dortigen Banken berechneten Devisenkurse zurück.

Am weitesten ist bislang die Hongkonger Zentralbank HKMA vorangegangen. Mit der Übertragung der Hibor-Aufsicht vom Brancheverband Hong Kong Association of Banks zur Treasury Markets Association hat sie einen Schritt unternommen, von dem sie glaubt, er werde die Glaubwürdigkeit des Hibor-Fixing erhöhen. In der Treasury Markets Association sind auch Vertreter der Aufsichtsbehörden sowie der stellvertretende Chef der Zentralbank aktiv. Außerdem sollen Zinssätze mit geringer Bedeutung für die Märkte künftig wegfallen.

"Dieses Maßnahmenpaket zielt eindeutig darauf ab, das Schiff auf Kurs zu halten und alle Zweifel über die Zinsfestsetzung auszuräumen", kommentiert Alan Ewins, Partner bei der Anwaltskanzlei Allen & Overy in Hongkong, die auch Banken bei Untersuchungen durch die Regulierungsstellen berät.

Ermittlungen bei der UBS

Im Dezember hatte die HKMA über Ermittlungen bei der UBS über mögliche Manipulationen des Hibor berichtet. Auslöser waren Hinweise von ausländischen Aufsichtsbehörden gewesen. Ein UBS-Sprecher sagte, die Bank arbeite mit den Behörden zusammen, wollte aber keine weiteren Details nennen.

Die von der HKMA initiierten Veränderungen folgen einer Empfehlung der britischen Aufsichtsbehörde Financial Services Authority (FSA). Sie hatte im September dem Branchenverband British Bankers' Association die Libor-Festsetzung entzogen.

Martin Wheatley von der FSA, der die Empfehlungen ausgesprochen hat, füllt auch innerhalb der Dachorganisation International Organization of Securities Commissions Corganisation eine führende Rolle bei den Rahmenbedingungen aus. Einige Banker sagen, die von Wheatley vorgeschlagenen Verfahren werden von vielen anderen Regulierungsbehörden als eine Art Goldstandard für die Überwachung von Referenzsätzen angesehen.

—Mitarbeit: Martin Vaughan, Jason Ng und I Made Sentana.

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