Amerikas Kartellhüter waren im vergangenen Jahr besonders streng. Mehrere geplante Akquisitionen in den verschiedensten Branchen von Bier bis E-Books scheiterten an ihrem Veto. Gegen den sich nun anbahnenden Deal zur Schaffung der weltgrößten Fluggesellschaft dürfte die US-Regierung jedoch keine Einwände haben, sagen Experten.

Die American-Airlines-Mutter AMR und die US-Airways Group Inc befinden sich in ihren Verhandlungen über eine Fusion derzeit im Schlussspurt. Ein Zusammenschluss könnte schon im Laufe dieser Woche verkündet werden. Die fusionierte Airline wäre dann noch größer als die aktuell weltgrößte Fluggesellschaft United Continental und würde rund ein Viertel der Flugkapazität in den USA kontrollieren.

Die schiere Größe der entstehenden Gesellschaft dürfte die Kartellhüter dabei nicht auf den Plan rufen: Die Wettbewerbshüter werden dann hellhörig, wenn zwei zusammengeführte Airlines auf vielen Flughäfen gleichzeitig operieren. Denn dann kann die fusionierte Fluglinie auf einzelnen Flügen ganz oder fast konkurrenzlos ihre Dienste anbieten, und so die Preise bestimmen.

Ein Mitarbeiter betankt auf dem Flughafen in Frankfurt eine Maschine der US-Airways. dapd

Der Betrieb von American Airlines und US Airways überschneidet sich nur auf rund einem Dutzend Strecken. Und das ist laut Daten von J.P. Morgan etwa so viel wie bei den letzten drei großen Zusammenschlüssen von Fluggesellschaften, die vom Justizministerium grünes Licht erhielten. Nur bei einem dieser Deals mussten die Fusionspartner einige Slots für Starts und Landungen abgeben, um den Wettbewerb aufrechtzuerhalten.

"Die Behörden halten einige Überschneidungen tendenziell nicht für problematisch", sagte Alison Smith, Kartellrechtsanwältin bei der Kanzlei McDermott Will & Emery LLP in Houston, die an dem AMR-Deal nicht beteiligt ist. "Wenn eine Fusion sich ergänzende Netze vereint, kann das den Kunden Vorteile bringen."

Laut Smith, die früher in der Kartellrechtsabteilung des Justizministeriums gearbeitet hat, lautet die Kernfrage für die Behörde, ob die Konzentration in der Luftfahrtbranche schon zu weit fortgeschritten ist. Das sei aber wohl noch nicht der Fall, deswegen werde allgemein davon ausgegangenen, dass die aktuelle Transaktion grünes Licht erhält.

An Flughäfen, wo American und US Airways gemeinsam übermäßig stark präsent wären, könnte das Justizministerium den Verkauf von Start- und Landeslots fordern. Das könnte zum Beispiel beim New Yorker LaGuardia-Flughafen oder den Reagan-National-Airport bei Washington der Fall sein - beides Slots an Flughäfen, auf die anderen Gesellschaften bereits ein Auge werfen, wie mit der Sache vertraute Personen sagen.

Sieben US-Kartellverfahren laufen

Allerdings ist Wettbewerber Delta schon sehr stark am LaGuardia-Flughafen vertreten. In Washington gebe es zudem auch andere Flughäfen, wodurch der Wettbewerb gewährleistet bleiben würde. Das Justizministerium wollte sich dazu nicht äußern.

Die Behörde prozessiert derzeit in sieben Kartellrechtsfällen. Damit geht sie gleichzeitig gegen so viele Fusionsvorhaben vor wie noch nie. Betroffen sind so verschiedene Branchen wie Bier, elektronische Bücher und Gesundheit.

Im vergangenen Monat verklagte das Ministerium den Brauereikonzern Anheuser-Busch InBev, um dessen geplante Übernahme des mexikanischen Corona-Brauer Grupo Modelo zu stoppen. Im vergangenen Jahr kippten die Kartellhüter zudem die geplante Akquisition der Deutsche-Telekom-Tochter T-Mobile USA durch AT&T und blockierten einen geplanten Zukauf des US-Steuerdienstleisters H&R Block.

Die Behörde sei "in anderen Branchen zuletzt außerordentlich aktiv" gewesen, sagte Kenneth Quinn von der auf Luftfahrtrecht spezialisierten Kanzlei Pillsbury Winthrop Shaw Pittman in Washington. Wenn sie die Fusion von AMR und US Airways nicht absegnet, würde sie seiner Einschätzung nach aber stark unter Druck geraten, weil sie auch andere große Airline-Fusionen genehmigt habe - und das nicht zum Schaden der Kunden: Laut Studien sind die Flugpreise in den USA in den vergangenen Jahren trotz der Flut an Zusammenschlüssen zurückgegangen.

US Airways, aktuell die fünftgrößte Fluggesellschaft der USA, umwirbt die Nr. 3 American Airlines schon seit über einem Jahr. Begonnen hatte der Flirt kurz nachdem AMR Ende 2012 in die Insolvenz geschlittert war. Die Fusion, aus der ein Unternehmen mit einem gemeinsamen Marktwert von über 10 Milliarden US-Dollar entstehen würde, kristallisiert sich immer mehr als der wahrscheinlichste Weg von AMR aus der Insolvenz heraus.

Ein Jahr Beratung

Mit Blick auf den geplanten Zusammenschluss habe sich US Airways schon seit fast einem Jahr in Kartellrechtsfragen beraten lassen, sagten mit der Sache vertraute Personen. Das Unternehmen aus Tempe in Arizona habe einen Antrag vorbereitet und Vertreter des Justizministeriums bereits über die Pläne informiert. Die in Fort Worth, Texas, ansässige American Airways lehnte eine Stellungnahme ab.

Wenn die Boards der beiden Unternehmen den Deal genehmigen, soll der Antrag beschleunigt bearbeitet werden, damit American Airways nicht unnötig lange in der Insolvenz bleiben muss. Das ist rechtlich möglich - bei einem so komplexen Fall wie diesen, dürfte das Justizministerium aber mehr Informationen anfordern und könnte trotz der beschleunigten Bearbeitung Monate dafür benötigen, die Transaktion Route für Route zu prüfen, warnen Experten.

Die Akquisition von Northwest Airlines durch Delta 2008 benötigte sechs Monate, um grünes Licht zu erhalten. Der Deal, bei dem 2010 United Continental geschaffen wurde, wurde nach vier Monaten genehmigt. Southwest Airlines erhielt 2011 erst nach rund sieben Monaten grünes Licht für den Kauf von AirTran Airways. Aktuell kontrolliert United 19,3 Prozent der US-Innlandsflugkapazitäten, Delta 19,2 Prozent und Southwest 15,9 Prozent.

Auch die Kartelwächter der Europäischen Union müssen der Fusion zustimmen, weil American Airlines auch bei Transatlantikflügen stark vertreten ist. Zudem dürften die Joint Ventures von American mit Fluggesellschaften in Europa, Japan und Lateinamerika vom US-Verkehrsministerium überprüft werden.

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