Seit 22 Jahren ist der Labrador Retriever die beliebteste Hunderasse in den USA. „Das sind die besten Hunde der Welt", ist auch David Frei, Kommunikationschef im Hundeclub Westminster, überzeugt. Doch die Juroren bei der Westminster-Hundeausstellung sind offenbar anderer Meinung: In den 136 Jahren, in denen die Hundeshow bereits stattgefunden hat, hat noch nie ein Labrador den wichtigsten Titel „Best in Show" gewonnen.

54 Labradore nehmen in diesem Jahr an der Westminster-Hundeschau teil. Nur Golden Retriever (Bild) wird es bei der Ausstellung noch häufiger geben, doch auch diese Rasse hat noch nie den „Best in Show"-Titel gewonnen. AFP/Getty Images

Am Montag hat erneut die jährliche Westminster-Hundeschau begonnen, bei der dieses Mal 54 Labradore teilnehmen. Nur Golden Retriever wird es bei der Ausstellung häufiger geben, doch auch diese Rasse hat noch nie den „Best in Show"-Titel gewonnen. Die Chance, dass ein Labrador dieses Jahr gewinnt, steht laut Johnny Avello vom Wynn-Kasino in Las Vegas 450 zu eins.

„Wir haben alle das Gefühl, dass wir ignoriert werden", sagt Mary Wiest, eine Labrador-Züchterin aus New Jersey.

Vergangenes Jahr gewann ein schwarzer Labrador namens Windy den ersten Preis in seiner Rassenkategorie. Besitzerin Elizabeth Martin hatte Windy nur zur Hundeschau gebracht, weil sie sich Chancen auf diesen Preis ausgerechnet hatte. Doch ihr war von Anfang an klar, dass sie den „Best in Show"-Preis nicht gewinnen würde. „Das habe ich nie in Betracht gezogen", sagt sie.

Diese Hunde konnten in Westminster noch nie gewinnen

Stan Honda/Agence France-Presse/Getty Images

Der letzte Labrador, der zumindest in der Sportgruppe aus 30 verschiedenen Rassen eine Chance auf einen Preis hatte, hieß James und hatte schon zweimal in seiner Rassenkategorie gewonnen. Seine Chancen auf den „Best in Show"-Titel standen bei 55 zu eins, so gut wie bisher noch bei keinem anderen Labrador, seit Avello 2007 anfing, die Wettquoten auszurechnen. 2010 gewann James den vierten Platz in der Sportgruppe. Die Labrador-Fans jubelten, als hätte er den Hauptpreis gewonnen.

Warum Labradore nur so schwer an die begehrten Preise kommen, weiß niemand so recht. Die Fans glauben, dass die Konkurrenz in der Sportgruppe besonders groß ist. 19 „Best in Show"-Titelgewinner hat die Sportgruppe der Labradore schon hervorgebracht, 2009 mit einem Sussex-Spaniel, 2007 mit einem English Springer Spaniel und 2005 mit einem Deutsch-Kurzhaar. Diese Rassen sind auffälliger. „Aber wenn ich einem Labrador-Fan sagen würde, sein Hund müsse schicker und schneidiger sein, würde er mich wahrscheinlich steinigen", sagt James Reynolds, der 2011 Juror in der Sportkategorie war.

Anders als ihren Konkurrenten fehlen den Labradoren herausstechende Merkmale wie ein langes Fell oder ein graziöser, schneller Gang. „Es gibt viele Labradore, bei deren Anblick ich Gänsehaut bekommen habe", sagt Cindy Vogels, Jurorin für die „Best in Show"-Kategorie vergangenes Jahr. „Aber das ist wahrscheinlich ein anerzogener Geschmack."

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Labradore sind die beliebteste Hunderasse in den USA. Doch bei der Westminster Kennel Club Dog Show konnten sie den begehrten Preis des "Best in Show" noch nie gewinnen. Damit sind sie nicht allein. Ein Bericht von Ben Cohen. Foto: Getty.

Labradore gehen auch oft leer aus, weil sie zu gutmütig sind. Andere Hunde sind bessere Diven und verdrängen andere Hunde mehr. „Labradore sind nicht egoistisch genug", sagt Frei.

Manche glauben, dass der Rassestandard der Labradore das Problem ist. Schauhunde konkurrieren nicht miteinander, sondern eher mit Richtlinien, die das ideale Aussehen und Bewegungsmuster der Tiere vorschreiben. Die Juroren bewerten die Kopfform („klar umrissen" mit einem „breiten Hinterkopf"), sein Fell (schwarz, gelb oder schokoladenbraun), und seinen Schwanz (der wie der eines Otters aussehen sollte). Wichtig sind auch ein „mächtiger Kiefer" und „freundliche Augen".

Arbeitshunde sind meistens länger und schlanker als die Labradore, die bei Hundeausstellungen auftreten sollen. Der Rassenstandard fordert für männliche Tiere ein Gewicht zwischen 29,5 und 36 Kilogramm, für weibliche zwischen 25 und 32 Kilogramm.

Was die Höhe angeht, sollen Rüden zwischen 57 und 62 Zentimeter, Hündinnen zwischen 54,5 und 59,5 Zentimeter groß sein. Bei einer Abweichung von auch nur einem Zentimeter wird ein Hund disqualifiziert.

Als diese Standards 1994 vom amerikanischen Hundeclub „American Kennel Club" erstmals umgesetzt werden sollten, brach ein so großer Streit darüber aus, dass sechs Züchter vor Gericht zogen. Der Fall zog sich sechs Jahre hin, bis ein Berufungsverfahren vor dem Verfassungsgericht fehlschlug.

Der schwarze Labrador RJ gewann 2008 den Preis für den besten Hund des anderen Geschlechts. Dieser wird einem männlichen Hund verliehen, wenn der „Best in Show"-Titel an eine Hündin geht, und umgekehrt. Am Dienstag tritt RJ zum letzten Mal bei der Westminster-Show an. Seine Besitzerin Diane Ammeriman glaubt jedoch, dass andere Hunde einfach einen besseren „Wahlkampf" betrieben haben. Viele Besitzer geben sechsstellige Summen aus, um Anzeigen in Branchenpublikationen zu schalten und zu verschiedenen Hundeschauen im ganzen Land zu reisen. Dadurch soll der Hund berühmter werden, sagt Ammerman. „Das ist nichts anderes als Politik", sagt sie.

Trotz der Beliebtheit der Labradore wird sich kaum ein Westminster-Juror vornehmen, gerade aus diesem Grund eines der Tiere zum Gewinner der Ausstellung zu küren. Also werden die Labrador-Fans wahrscheinlich noch länger auf den begehrten Titel warten müssen. Aber die Hoffnung bleibt: „Sag niemals nie", erklärt Frei.

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