Michael Frenzel hat sein Ziel verfehlt. Nach 19 Jahren als Tui-Chef geht er in Rente und hinterlässt einen Konzern mit komplexen Strukturen und unzufriedenen Aktionären. Mit seinem großen Plan, aus der alten Preussag AG TUI1.XE -0,44% TUI AG Germany: Xetra 11,21 -0,05 -0,44% 20 Aug. 2014 16:24 Volumen (​15 Min. verzögert) : 412.901 KGV 19,32 Marktkapitalisierung 3,16 Milliarden € Dividendenrendite 1,34% Umsatz/Mitarbeiter 244.438 € ein reines Touristikunternehmen zu schmieden, ist er gescheitert. Der Blick zurück gleicht einem strategischen Zick-Zack-Kurs ohne klare Richtung. Was Frenzel nicht geschafft hat, soll nun ein Neueinsteiger in der Reisebranche richten. Nach der Hauptversammlung am Mittwoch übernimmt der ehemalige Vodafone VOD.LN -0,74% Vodafone Group PLC U.K.: London GBp200,70 -1,50 -0,74% 20 Aug. 2014 15:24 Volumen (​15 Min. verzögert) : 14,81 Mio. KGV 0,01 Marktkapitalisierung 53,58 Milliarden GBp Dividendenrendite 7,44% Umsatz/Mitarbeiter 430.148 GBp -Deutschland-Chef Friedrich Joussen die Kontrolle über die Großbaustelle in Hannover.

Frenzel geht nicht aus eigenen Stücken. Vielmehr beugt sich der Manager, der die Verantwortung für mehr als 70.000 Mitarbeiter hat, dem Druck der Großaktionäre. Seit Jahren fordern einige Investoren endlich den Schnitt und einen Neuen an der Spitze von Europas größtem Reiseveranstalter. Frenzel hat sich jahrelang gewehrt, bis zum vergangenen Sommer. Da stellte der Tui-Aufsichtsrat Joussen als Thronfolger vor.

Die Baustellen der Tui

Das vorzeitige Abschieben aufs Altenteil dürfte dem rührigen, nicht immer erfolgreichen Manager Frenzel nicht gefallen. Sein Lebenswerk ist unvollendet – die Tui AG gleicht auch nach Jahren unter seiner Führung einer Hülle ohne Substanz. Frenzel wollte den Rest der verlustreichen Hamburger Reederei Hapag-Lloyd verkaufen und sich damit endgültig von der Containerschifffahrt verabschieden. Investieren wollte er in die boomenden Reise-Märkte in Russland oder China – und sogar den Goldesel, die britische Tochter Tui Travel, TT.LN -1,01% TUI Travel PLC U.K.: London GBp370,70 -3,80 -1,01% 20 Aug. 2014 15:24 Volumen (​15 Min. verzögert) : 1,04 Mio. KGV 80,59 Marktkapitalisierung 4,19 Milliarden GBp Dividendenrendite 2,19% Umsatz/Mitarbeiter 267.913 GBp kaufen. Und das wohl Wichtigste: Die Aktionäre sollten nach 2007 endlich wieder eine Dividende erhalten. Doch aus all dem wurde nichts.

Frenzel wurde immer wieder vorgeworfen, dass er den seit vielen Jahren geplanten Verkauf der Reederei zu lange vor sich hergeschoben hat. Schon im Jahr 2004 war ein Börsengang von Hapag Lloyd geplant. Als sich aber plötzlich die Preisvorstellungen nicht erfüllten, sagte Frenzel quasi in letzter Minute den Gang aufs Parkett ab. Für Kopfschütteln sorgte dann nur ein Jahr später der plötzliche Ausbau der Containerschifffahrt. Frenzel kaufte für Hapag die kanadische Reederei CP Ships – und fiel bei einigen Aktionären vollkommen in Ungnade. Sein plötzlicher Wechsel zur Zwei-Säulen-Strategie „Touristik und Schifffahrt" wurde als planlos bezeichnet.

Kritik aus Norwegen

Entsprechend wurde die Kritik lauter, vor allem aus Norwegen gab es massives Störfeuer. Auf Druck des neuen Großaktionärs John Fredriksen legte der Tui-Lenker eine Rolle rückwärts hin: Er stellte Hapag-Lloyd wieder ins Schaufenster und suchte intensiv nach einem Käufer. Fredriksen, der sich nach und nach bei Tui eingekauft hatte, setzte Frenzel unter Dauerstrom. Der Norweger forderte von Vorstand und Aufsichtsrat sogar die komplette Aufspaltung des Konzerns. Er mischte mit seiner rechten Hand, Tor Olav Troim, diverse Hauptversammlungen auf und ließ die Aktionäre über die Entlassung von Frenzel und seinem Aufsichtsratschef Jürgen Krumnow abstimmen.

Wie Michael Frenzel Preussag zu Tui umbaute

Fredriksen konnte mit seinem Störfeuer zwar die Stimmung gegen Frenzel anheizen. Letztendlich überzeugte er aber die Mehrheit der Aktionäre nicht. Denn: So planlos Frenzel auch wirkte, vielfach machte ihm das trübe Umfeld - wie die schwere Krise in der Containerschifffahrt und die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise - einen Strich durch die Rechnung.

Abgesehen von dem defizitären Geschäft bei Hapag-Lloyd kämpfte Frenzel noch an einer anderen, viel größeren Baustelle. Er wollte das Firmengeflecht der Tui AG vereinfachen und in Hannover ein gehöriges Wörtchen bei der Zukunft des Reisegeschäftes mitreden. Bisher verordnet sich die britische Tochter Tui Travel ihre Strategie selbst - trotz des Mehrheitsanteils der Tui AG. Das passt den Deutschen gar nicht.

Dividende? Fehlanzeige.

Tui hatte Anfang 2007 den Löwenanteil seines touristischen Geschäftes mit dem britischen Reiseveranstalter First Choice in der neu gegründeten Tui Travel plc gebündelt. Tui hält an dem sehr erfolgreichen Reiseriesen zwar 57 Prozent, der Rest liegt bei freien britischen Aktionären. Die Beteiligung zahlt sich aber für die Aktionäre der deutschen Tui AG nicht aus. Knapp die Hälfte der Dividende fließt den britischen Anteilseignern zu, der Rest versickert in der Verwaltung der deutschen Holding. Dividende? Fehlanzeige. „Frenzel hat die Folgen dieses Konzernumbaus mit seinen doppelten Strukturen einfach unterschätzt", sagte Klaus Kränzle, Analyst von Westend Brokers.

Das erzürnt die Aktionäre. Sie fordern seit Jahren, dass Tui die restlichen Anteile seiner britischen Tochter kauft, den Reiseveranstalter in den Konzern integriert und so die vielen doppelten Strukturen beseitigt. Dafür fehlt Tui aber das Geld. Denn das steckt in der Reederei.

Bei der Beurteilung von Frenzels Arbeit darf aber nicht außer Acht gelassen werden, was der Manager während seiner Amtszeit auch alles geschafft hat. Im Jahr 1988 wurde er als Vertreter der WestLB in den Vorstand der Tui-Vorgängerin Preussag AG berufen. Sechs Jahre später stieg er auf und wurde Vorstandsvorsitzender.

Zeitleiste: Wie Frenzel Preussag zu Tui umformte

Die Preussag AG war seinerzeit ein großer Industriekonzern mit mehr als 20 Branchen, darunter Bergbau, Stahlerzeugung, Metallhandel, Schiffbau und Telekommunikation. Frenzel stellte schnell fest, dass dieses Konglomerat nicht überlebensfähig war und entwickelte die Idee eines modernen touristischen Dienstleistungsunternehmens. Er wollte nicht nur Reisen verkaufen, sondern Vertrieb, Flug, Hotel, Reiseziele und Reiseveranstalter eng miteinander verzahnen. Der erste Schritt gelang noch: Er kaufte das Hamburger Unternehmen Hapag-Lloyd mit Reisebüros, Fluglinie, Containerreederei und einer 30-prozentigen Beteiligung an der Touristik Union International (Tui), die Reisebüros und Hotels besaß.

In den folgenden Jahren kaufte Frenzel die restlichen Anteile an Tui und weitere europäische Reiseveranstalter. Zeitgleich veräußerte er mehr als 100 alte Gesellschaften der Preussag. Als bereits 60 Prozent des Umsatzes aus der Touristik stammten, verschwand der Unternehmensname Preussag von der Bildfläche und der Hannoveraner Konzern benannte sich zur Tui AG um. Heute ist Tui Europas größter Reiseveranstalter. Mehr als 70.000 Mitarbeiter setzten im Geschäftsjahr 2011/2012 rund 18 Milliarden Euro um. Der Branchenzweite, die Thomas Cook plc, liegt weit zurück und hat mit erheblichen Problemen zu kämpfen.

Verantwortlich für das Geschäft der britischen Reisetochter ist aber nicht Frenzel, sondern der ehemalige First-Choice-Chef Peter Long. Zu gerne würde Frenzel den Ton angeben, die Gewinne komplett kassieren. Erst vor wenigen Wochen startete er seinen letzten Angriff: Frenzel wollte mit der Londoner Tochter fusionieren, doch der Deal scheitere an der Bewertung der beiden Unternehmen.

Es ist ein schweres Erbe, das Frenzel seinem Nachfolger Joussen hinterlässt: Auf ihn warten eine Baustelle mit zwei großen, ungelösten Problemen und die hohe Erwartung der Eigentümer. Während der Amtszeit von Frenzel sackte der Tui-Aktienkurs von 20,10 Euro (1997) bis Ende 2011 auf ein Tief von 3,21 Euro. Seitdem bekannt ist, dass Joussen den Job übernimmt, verdoppelte sich der Kurs der Tui AG. Der Markt traut dem ehemaligen Vodafone-Geschäftsführer Einiges zu.

Wie der Neue die Wünsche der Investoren erfüllen will, ist aber noch unklar. Der 49-Jährige hat sich bisher nicht zu seinen Plänen geäußert. Dies will er auch während der Hauptversammlung am Mittwoch nicht tun. Er stellt sich lediglich kurz den Aktionären vor - und will ansonsten seinem Vorgänger die "Show" nicht stehlen.

Ob es wirklich eine "Show" wird, ist fraglich. Störfeuer aus Norwegen dürfte es in Hannover zumindest in diesem Jahr nicht geben. Troim wird dem Aktionärstreffen am Mittwoch fernbleiben. Er wolle Frenzels Verabschiedung nicht stören, sagte er dem Wall Street Journal Deutschland. Im kommenden Jahr will er aber wieder dabei sein.

Ob er dann auch Joussen kritisiert, bleibt abzuwarten. Zumindest könnte es dann eine Baustelle weniger geben. Hapag-Lloyd verhandelt derzeit mit der zur Oetker-Gruppe gehörenden Reederei Hamburg-Süd über eine Fusion. Möglicherweise steigen damit die Chancen für Tui, einen Käufer für das 22-Prozent-Paket zu finden.

Kontakt zum Autor: kirsten.bienk@dowjones.com