An den Hochöfen von Thyssen-Krupp TKA.XE +1,62% ThyssenKrupp AG Germany: Xetra 21,95 +0,35 +1,62% 17 Sept. 2014 17:35 Volumen (​15 Min. verzögert) : 1,93 Mio. KGV N/A Marktkapitalisierung 12,22 Milliarden € Dividendenrendite 2,05% Umsatz/Mitarbeiter 263.063 € in Duisburg-Marxloh ist Wertschöpfung noch sichtbar, fühlbar und zu riechen. Dort fließt Stahl, dort fließt Schweiß: In Marxloh entsteht weiß glühend und bei 1600 Grad Hitze, was einmal zu Autos, Schienen oder Gebäuden wird. Das macht die Stahlarbeiter stolz. Die Eigentümer hat es einmal reich gemacht. Doch die Zeiten im Stahlgeschäft ändern sich schnell: Heute sorgen sich die Stahlkocher um ihre Stellen und die Aktionäre um ihr Geld. Es braucht eine Lösung für das europäische Stahlgeschäft von Thyssen-Krupp - womöglich eine radikalere als die, von der Vorstandsboss Heinrich Hiesinger derzeit spricht.

Ein Hochöfen in Duisburg-Marxloh: Die Stahlkocher sorgen sich um ihre Stellen. dapd

In einem Glaskubus in Essen entscheiden die Vorstände über die Hochöfen, die in der Öffentlichkeit noch immer als das Zentrum ihres Konzerns gelten. Auf dem Gelände, das heute als Thyssen-Krupp-Quartier ausgeschildert ist, soll Krupp einmal 370 Dampfmaschinen und 361 Kräne betrieben haben. Davon aber ist heute nichts mehr zu sehen. In der Zentrale sehen sie etwas anderes: die Zahlen des Stahlgeschäfts. Und die alarmieren. Zwischen Oktober und Dezember hat Steel Europe, wie Thyssen-Krupp die europäische Stahlsparte nennt, nicht einmal die Kapitalkosten verdient. Operativ und bereinigt erwirtschafteten die Stahlkocher nur noch 30 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor hatte das Geschäft noch mehr als dreimal so viel abgeworfen. Zwischen Januar und März soll der Gewinn weiter schrumpfen.

Das Stahlgeschäft bringt weniger ein als die übrigen Sparten

Das Stahlgeschäft passt nicht mehr zu Thyssen-Krupp. Es bringt weit weniger ein als die übrigen Sparten: 80 Prozent des operativen Konzernergebnisses erwirtschaften derzeit die Industriegütersparten. Etwa Fabrikanlagen und Aufzüge von Thyssen-Krupp sind so gefragt wie nie. Das Stahlgeschäft dagegen liegt danieder. Es ist hoch kapitalintensiv und extrem schwankungsanfällig. Zwar ist ebendeshalb absehbar, dass sich purer Stahl bald besser verkauft als derzeit, doch kommen neue Probleme hinzu: Russland ist der Welthandelsorganisation beigetreten. Sein Stahl lässt sich deshalb einfacher als bislang im Westen verkaufen. Die EU-Kommission will zudem die CO2-Zertifikate verteuern.

Längst kursiert deshalb die Spekulation, Thyssen-Krupp wolle nicht nur seine verlustreichen amerikanischen Stahlwerke, sondern auch die Hochöfen in Europa loswerden. Konzernboss Hiesinger hat den Aktionären bei der Hauptversammlung im Januar erklärt: Wenn Geschäftsaktivitäten die Anforderungen absehbar nicht erfüllten, gebe es zwei Möglichkeiten: "ein überzeugendes Sanierungskonzept oder den Verkauf". Allein, bei Steel Europe scheint das bislang Tabu. Trotz aller Herausforderungen gebe es "keine Überlegungen, sich von Steel Europe zu trennen", sagte Hiesinger auf der Hauptversammlung weiter. "Im Gegenteil: Wir werden alles daran setzen, dass Steel Europe eine erfolgreiche Zukunft in unserem Konzern hat."

Analysten glauben Hiesinger einstweilen. Björn Voss vom Analysehaus Warburg Research weist auf die gerade erst bekanntgegebene Restrukturierung der Sparte hin: Thyssen-Krupp will bei Steel Europe bis zum Geschäftsjahr 2014/15 die Kosten um 500 Millionen Euro senken. 2.000 der 27.600 Stellen dürften dem zum Opfer fallen. Die Belegschaft könnte um 1.800 weitere Mitarbeiter schrumpfen - weil der Konzern zudem einen Teil der Elektroband-Produktion, deren Kunden etwa die Hersteller von Stromgeneratoren sind, abgeben könnte. Für die nächsten fünf Jahre ungefähr stehe die komplette Trennung vom Stahlgeschäft bei Thyssen-Krupp nicht zur Debatte, schätzt Hermann Reith von der BHF-Bank.

Doch dem Analyst gefällt nicht, was das bedeutet. Dem Unternehmen bleibe derzeit nichts anderes übrig, als ständig Kosten zu senken und Unternehmensteile zu verkaufen. "Darunter leiden alle, die Aktionäre wie die Arbeitnehmer", sagt Reith. Der Konzern braucht Geld, um in Wachstumsfelder zu investieren: Thyssen-Krupp ist hoch verschuldet, vor allem weil das Unternehmen mehrfach Milliardenbeträge auf seine beiden amerikanischen Werke abgeschrieben hat - noch im vergangenen Geschäftsjahr 3,6 Milliarden Euro. Das amerikanische Stahlgeschäft steht zum Verkauf. Doch ob die Veräußerung genug finanziellen Spielraum schafft, ist noch fraglich. Und eine Kapitalerhöhung schließt auch Voss von Warburg Research aus. Sie sei "das Letzte", dem die Krupp-Stiftung zustimmen werde. Die Stiftung, die das Erbe der Familie Krupp verwaltet, hält eine Sperrminorität an Thyssen-Krupp. Die wolle sie nicht verlieren, sagt Voss.

Die Thyssen-Krupp-Zentrale in Essen: Der Konzern muss eine Lösung für sein europäisches Stahlgeschäft finden. dapd

Reith von der BHF-Bank schlägt eine Radikallösung vor: die Aufspaltung des Konzerns in ein Stahl- und ein Technologieunternehmen. Synergien zwischen den Sparten bestünden ohnehin nicht, sagt der Analyst. Eine getrennte Börsennotiz aber böte die Möglichkeit einer Kapitalerhöhung dort, wo sie gebraucht werde: in der Stahlsparte. Die Krupp-Stiftung müsste daran nicht teilnehmen, um ihre Macht beim Technologieteil des alten Thyssen-Krupp-Konzerns zu behalten. An der Börse kursiert bereits ein Vorschlag für die Namen der Konzernteile: Thyssen und Krupp könnten sie heißen.

Den Aktionären könnte die Aufspaltung eine Chance bieten

Und auch den Aktionären böte die Aufspaltung eine Chance, sagt Reith: Als Einzelunternehmen würden die Sparten von der Börse um rund 20 Prozent besser bewertet, prognostiziert er. Leider aber stehe die Trennung momentan eben nicht zur Debatte.

Auch ein schlichter Verkauf des europäischen Stahlgeschäfts scheidet derzeit aus: Dem im Weg stünden im Moment die Stahltradition von Thyssen-Krupp und die Aussicht auf Gewinne, wie sie die Sparte immerhin noch im Geschäftsjahr 2010/11 eingebracht habe, sagt Voss. Wie lange Tradition und Hoffnung aber noch Argumente bleiben, ist offen. In den nächsten rund zwei Jahren werde sich das Management um Hiesinger bemühen, Steel Europe auf Profitabilität zu bürsten, glaubt Voss. Gelinge das nicht, könne ein Verkauf der Sparte auf die Tagesordnung geraten.

Möglich ist auch, dass Thyssen-Krupp das Stahlgeschäft künftig mit einem Partner aus der Branche betreibt. Eines aber scheint unwahrscheinlich: dass in Marxloh der Stahl erlischt. Die Stahlkocher seien durchaus in der Lage, Rendite zu erzielen, sagt Analyst Voss. Noch vor rund zwei Jahren hätten sie 1,1 Milliarden Euro zum operativen Gewinn von Thyssen-Krupp beigetragen. Käme es zur Kapitalerhöhung einer abgespaltenen Stahlsparte, könnte sich Reith gar vorstellen, dass die seiner Ansicht nach eher unterbewerteten amerikanischen Werke im Unternehmen blieben. Die Stahlsparte des Konzerns jedenfalls sei überlebensfähig, sagt er.

Kontakt zum Autor: hendrik.varnholt@dowjones.com