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Chaos Computer Club profitiert vom „Snowden-Effekt“

Teilnehmer auf dem CCC-Jahrestreffen Chaos Communication Congress 2013. ENLARGE
Teilnehmer auf dem CCC-Jahrestreffen Chaos Communication Congress 2013. Getty Images

BERLIN— Der Chaos Computer Club – Deutschlands prominente Vereinigung von Anti-Überwachungs-Geeks und organisierten Hackern – profitiert vom „Snowden-Effekt“: Die Enthüllungen zur Massenausspähung im Internet durch amerikanische und britische Geheimdienste, die der ehemalige NSA-Zuarbeiter Edward Snowden im Sommer 2013 so dramatisch wie massenwirksam platzierte, haben auch dem Club viel Nachwuchs gebracht.

Sprecher Andreas Bogk spricht von 35 Prozent mehr zahlenden Mitgliedern binnen zwei Jahren – von 4.200 Anfang 2013 stieg ihre Zahl auf zuletzt rund 5.700. „Das Thema Überwachung im Netz ist von der Nische im Mainstream angekommen“, sagt Bogk.

Die Hackervereinigung hat sich schon lange vor den Snowden-Enthüllungen für eine weltweite ungehinderte und vor Überwachung geschützte Kommunikation im Netz eingesetzt - und dafür technische Lösungen ertüftelt. Snowdens Dokumente bestätigten die Arbeit des Clubs: Sie zeigten, dass Verschlüsselung ein Weg ist, um sich vor der allumfassenden Überwachung des Internets durch die Geheimdienste zu schützen.

Mitglieder des CCC arbeiten beispielsweise an Verschlüsselungssoftware für die abhörsichere Kommunikation mit. In Kooperation mit der Wochenzeitung Die Zeit entwickelten sie eine Software, die deren Informanten hilft, brisante Dokumente sicher in die Redaktion zu übermitteln. Frank Rieger, ein weiterer Sprecher des Clubs, ist außerdem Technik-Chef der Berliner Firma GSMK, die für die Telekom eine App Mobile Encryption entwickelt hat, mit der zum Beispiel Geschäftskunden abhörsichere Telefonate führen können.

Dass sich der Club schon lange vor Snowden die freie und private Netzkommunikation auf die Fahnen geschrieben hat, zieht viele junge Computerbegeisterte in die überall in Deutschland verteilten offenen Treffs des Clubs. Es sind Leute wie der 17-Jährige Schüler, der unter dem Pseudonym „Plushvoxel“ auftritt. An einem Donnerstagabend sitzt er in den Clubräumen des CCC in Berlin-Mitte – einer teuren Wohngegend im Herzen von Berlin – mit anderen vor seinem Laptop. An der Wand hängt gut sichtbar ein Schild: „Die Verfolgung von Straftaten kann in diesem Räumen nicht verhindert werden.“ Es wird wenig gesprochen – die meisten schauen auf ihre Bildschirme und hacken auf die Tastatur ein.

Plushvoxel ist hier, weil er auf der Suche nach einem Diskettenlaufwerk für seinen Commodore C64 ist – ein Heimcomputer, der 15 Jahre vor seiner Geburt auf den Markt gekommen ist. Während die meisten seiner Klassenkameraden mit Facebook FB -0.13 % und einigen Apps zufrieden sind, bastelt er an dem Heimcomputer aus der IT-Steinzeit, weil die Elektronik des Geräts noch so einfach aufgebaut ist, dass er sie komplett verstehen kann.

Neben Plushvoxel sitzt „lphd“, so nennt sich ein 16-jähriger Computerenthusiast. Er sieht jünger aus, trägt eine Brille, ist klein und schmächtig – gerade erst hat er seine Hausaufgaben erledigt, jetzt programmiert er. Er hält sich im Club auf, weil ihn seine Eltern zu Sozialkontakten verdonnert haben. „Zwei Mal die Woche muss ich mich mit Leuten treffen, verlangen meine Eltern“, sagt er – deshalb geht es einmal zu Greenpeace und einmal zum CCC. Mit 15 hat er ein sogenanntes Bot-Netzwerk, ein Netzwerk aus fremden Rechnern, mittels einer Anleitung im Netz übernommen – und dann einen Server für das Spiel Minecraft abgeschossen, sagt er. Sein Motiv: Er wollte, dass ein anderer Spieler gewinnt, dessen Fan er auf Youtube ist.

Vorkämpfer für Datenschutz im Netz

Doch nicht nur die Technik zieht Computergeisterte an – der Club hat sich in Deutschland schon seit den 1980er Jahren als Vorkämpfer für Datenschutz im Netz etabliert, lange vor der vom US-Geheimdienstmitarbeiter Snowden ausgelösten weltweiten Debatte um Datensicherheit. Mitglieder des Clubs halten sich mit ihren Aktionen nicht immer an geltende Gesetze – bei den größeren Veranstaltungen des Clubs wie dem jährlich stattfindenden Chaos Communication Congress ist es beispielsweise zu einer Art Sport geworden, die Webauftritte zum Beispiel von rechtsradikalen Gruppierungen zu verunstalten.

Eine 29-jährige Hackerin, die nicht namentlich genannt werden will, bringt auf den Punkt, was viele hier denken: „Am Ende geht es darum, was ethisch vertretbar ist.“ Hacken ist für sie deshalb nicht unbedingt kriminell – es gehe vor allem um den kreativen und unkonventionellen Umgang mit Technik und um „Spaß am Gerät“, ein Motto des Clubs. Nacktbildern von Prominenten gegen ihren Willen zu veröffentlichen sei beispielsweise ethisch nicht vertretbar, die Enthüllung von geheimen Regierungsdokumenten schon eher.

Ein Punkt der „Hacker-Ethik“ des Clubs fasst das unter der Losung „Öffentliche Daten nutzen, private Daten schützen“ zusammen. Edward Snowden ist für die überwiegende Mehrzahl der hier Versammelten ein moderner Held. Das in Berlin allgegenwärtige Konterfei des Whistleblowers mit der Aufschrift „Asyl“ ist im Clubumfeld besonders häufig zu finden – es klebt auf vielen Laptops von Clubmitgliedern.

BTX-Hack ist der Gründungsmythos

An einem kalten Novemberabend treffen CCC-Mitglieder zusammen, um den Gründungsmythos feiern: Der Diebstahl von 135.000 D-Mark von der Hamburger Sparkasse im Jahr 1984 mit Hilfe einer Sicherheitslücke im deutschen Internet-Vorläufer BTX. Die Summe wurde damals öffentlichkeitswirksam zurückbezahlt und machte auf die Sicherheitsprobleme einer vernetzten Welt aufmerksam. Der Dienst BTX – Langform: Bildschirmtext – wurde von der damals noch staatlichen Deutschen Bundespost betrieben.

Sich selbst bezeichnet der CCC als „galaktische Gemeinschaft“, in der weder Geschlecht, Alter, Nationalität oder gesellschaftliche Stellung des Einzelnen zähle, sondern allein, was er tut. Einer, der beim sogenannten BTX-Hack damals dabei war, trägt einen Cowboyhut – ansonsten ist die typische Hackerkluft eher schlicht: Jeans, T-Shirt und Kapuzenpulli. Getrunken wird Club Mate – das inoffizielle Getränk der deutschen Hacker-Szene seit Mitte der 1990er Jahre. Es handelt sich um eine Limonade mit besonders hohe Koffeingehalt und Mate-Extrakt, einer Pflanze, die ebenfalls eine aufputschende Wirkung hat.

Der kuriose Name Chaos Computer Club und das unkonventionelle Auftreten mancher Clubmitglieder darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Hacker-Vereinigung so viel politischen Einfluss wie vermutlich keine andere auf der Welt genießt: Club-Mitglieder wurden bei wichtigen Entscheidungen zur Fragen des Datenschutzes im Internet oder zu Wahlcomputern von Deutschlands höchstem Gericht, dem Bundesverfassungsgericht, angehört. Auch werden die Hacker regelmäßig von der Opposition im Bundestag zu Anhörungen eingeladen, vor allem wenn es um die Frage der IT-Sicherheit geht.

„Wir werden nur eingeladen, um Wind zu machen“

Ein solches prominentes Mitglied des Clubs, das zuletzt gerne von Grünen und Linken als Experte zu Anhörungen geladen wurde, ist Linus Neumann. „Wir werden nur eingeladen, um Wind zu machen“, bringt er seine Rolle auf den Punkt. Allerdings habe er seine Sicherheitsanalysen für die Parlamentarier genauso durchgeführt wie er es für einen Kunden gemacht hätte. Neumann arbeitet für einen IT-Sicherheitsberater in Berlin.

Selbst in der konservativen Regierungspartei von Bundeskanzlerin Angela Merkel, der CDU, hat sich der CCC mit seinen Auftritten Respekt verschafft. Thomas Jarzombek, netzpolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Deutschen Bundestag, lobt die „technische Expertise“ des Clubs. Sie sei eine „Stütze bei jeder Anhörung“ im Parlament – vor allem, weil es der Politik auf diesem Feld häufig an der nötigen Kompetenz mangele. Selbst Bundesinnenminister Thomas de Maizière, der von Bürgerrechtlern eher als „Law-and-Order“-Politiker kritisiert wird, lobte schon die technische Expertise des Clubs, beschwerte sich allerdings über ihren „rotzigen Ton“.

Die Kontakte zur etablierten Politik und das in einem eingetragenen Verein registrierte „Chaos“ gefallen jedoch nicht jedem Hacker. Andy Müller-Maguhn, über viele Jahre Sprecher des Clubs und heute Ehrenmitglied, gab kürzlich auf einer Veranstaltung zum Besten, dass ihm ein Hacker mit Knast-Erfahrung vorgeworfen habe, Mitglied einer „bürgerlichen Spießerbande“ zu sein.

Entscheidung zwischen „eingetragenem Verein und terroristischer Vereinigung“

Und Wau Holland, der 2001 verstorbene Mitgründer und Übervater des Clubs, sagte einmal, der CCC habe sich irgendwann zwischen „eingetragenem Verein und terroristischer Vereinigung“ entscheiden müssen. 1986 war das, als in Deutschland das Hacking unter den Bezeichnungen „Ausspähen von Daten“ und „Computersabotage“ unter Strafe gestellt wurde. Da entschied sich der CCC für einen eingetragenen Verein.

Ein bisschen „typisch deutsch“ sei das, räumt Sprecher Bogk ein. „Chaos ordentlich und eingetragen.“ Bis heute gebe es ein Verständnis dafür, dass es einen Chaos Computer Club gebe, der nicht komplett deckungsgleich mit dem Chaos Computer Club e.V. sei - nicht jeder, den die Szene zum Club zählt, muss also auch unbedingt Mitglied des eingetragenen Vereins sein. „Es passiert immer wieder, dass Leute unter Protest austreten, weil ihnen die Strukturen auf die Nerven gehen.“

Mehr als 30 Jahre nach der Gründung bleibt die Frage, wie bürgerlich ein Club von Hackern sein darf. Ist beispielsweise ein CCC-Mitglied vorstellbar, das gleichzeitig Christdemokrat ist? „Das ist überhaupt gar kein Problem“, sagt CCC-Sprecher Bogk. „Wir haben vom Hausbesetzer bis zum Multimillionär und Unternehmer Mitglieder.“ Er könne sich gut vorstellen, dass ein Unternehmer auch die CDU wähle. Eine klare Abgrenzung gibt es nur gegenüber Rechtsradikalen.

Auch auf politischer Seite ist eine CCC-Mitgliedschaft kein Problem: „Ich sehe darin auch gar keinen Widerspruch“, sagt etwa CDU-Netzpolitiker Jarzombek.

Kontakt zum Autor: stephan.doerner@wsj.com

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