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Kostenexplosion beschert Amazon größten Verlust seit 14 Jahren

Was wird eigentlich in ein paar Jahren das Kerngeschäft des Online-Händlers Amazon sein? Der Konzern dringt derart schnell in derart viele neue Bereiche vor, dass Aktionäre und Analysten den Anschluss verloren haben. ENLARGE
Was wird eigentlich in ein paar Jahren das Kerngeschäft des Online-Händlers Amazon sein? Der Konzern dringt derart schnell in derart viele neue Bereiche vor, dass Aktionäre und Analysten den Anschluss verloren haben. Agence France-Presse/Getty Images

Der Internethändler Amazon.com AMZN 1.07 % hat sich mit seinen hoch fliegenden Ambitionen den größten Quartalsverlust seit 14 Jahren eingebrockt. Massive Ausgaben für die Entwicklung neuer Produkte, für Musik- und Videolizenzen sowie den allgemeinen Expansionskurs bescherten dem US-Konzern im dritten Quartal einen Nettoverlust von 437 Millionen US-Dollar. Das war rund zehn Mal mehr als im Vorjahresquartal, als Amazon nur 41 Millionen Dollar Verlust gemacht hatte.

Trotz des ausufernden Verlustes stieg Amazons Umsatz um 20 Prozent auf 20,58 Milliarden Dollar. Anleger straften das Unternehmen nach Bekanntgabe der Ergebnisse jedoch heftig ab. Der Aktienkurs fiel nachbörslich um 12 Prozent oder 33,43 Dollar auf 279,75 Dollar – den niedrigsten Stand seit Juni 2013.

Ein weiterer Stolperstein in der Bilanz: Amazon buchte im vergangenen Quartal eine Abschreibung von 170 Millionen Dollar auf sein konzerneigenes Smartphone „Fire“. Das Telefon ist zwar erst im Juli auf den Markt gekommen, verkauft sich nach Auskunft von Analysten aber schlecht.

Der Umsatzausblick für das laufende Quartal, das wegen des Weihnachtsgeschäfts als das wichtigste des Jahres gilt, enttäuschte obendrein.

„Die haben überall Geld ausgegeben“

In einem Konferenztelefonat mit Journalisten äußerte sich Amazons Finanzvorstand Tom Szkutak ungewohnt vorsichtig. Er sagte, dass das rasch expandierende Unternehmen wohl gezwungen sein werde, mit seinen Investitionen in Zukunft wählerischer zu sein.

„Wir haben eine Menge Gelegenheiten vor uns“, sagte Szkutak. „Wir sind sicherlich jetzt mehrere Jahre lang in einer Phase gewesen, die ich als Investitionsmodus bezeichnen würde. Aber wir wissen, dass wir die Gelegenheiten, die wir verfolgen, sehr genau auswählen müssen.“

Jahrelang überzeugte Amazon seine Aktionäre jedes Quartal aufs Neue mit rasant wachsenden Umsätzen und einem grenzenlosen Optimismus über langfristige Projekte, welche die Umsätze noch stärker zu erhöhen versprachen. Aber in letzter Zeit fragen sich Anleger zunehmend, ob sich all diese Projekte auch wirklich auszahlen. Zwischen dem Jahresanfang und der Vorlage der jüngsten Quartalszahlen fiel Amazons Börsenkurs bereits um 21 Prozent.

2014 brachte Amazon sein erstes Smartphone „Amazon Fire“ und ein eigenes Fernsehempfangsgerät in den Handel. Das Unternehmen startete einen Musik-Streamingdienst und gab viel Geld für Videoprogramme aus. Es erweiterte seinen Lieferdienst für online bestellte Waren und plant nun sogar sein erstes begehbares Kaufhaus in New York. Das Unternehmen errichtet laufend neue Lagerhäuser, um die Lieferzeiten in seinem Online-Handelsgeschäft zu verkürzen. Und es baut neue Datenzentren, um sein rasch wachsendes Geschäft als Computerzentrum für andere Firmen zu fördern.

„Ganz klar, die haben überall Geld ausgegeben“, sagt Michael Pachter, ein Analyst beim Finanzunternehmen Wedbush Securities. „Sie haben all diese neuen Produkte herausgebracht – das Telefon, das TV-Empfangsgerät, das Streaming –, aber es ist gar nicht klar, wie sich das in den Umsätzen niederschlagen wird.“

Wachsende Belegschaft ist ein Kostentreiber

Laut Amazon stiegen die Ausgaben für „Technologie und Inhalte“ – dazu gehört die Entwicklung neuer Produkte, die Lizenzen für Musik und Videos sowie die Datenzentren – im vergangenen Quartal um 40 Prozent. Diese Kosten wuchsen also doppelt so schnell wie der Umsatz. Ausgaben für Technologie und Inhalte zehrten insgesamt 12 Prozent der Einnahmen auf.

Pachter schätzt, dass Amazon in diesem Jahr 1,5 Milliarden Dollar für Inhalte im Video-Streaming-Geschäft ausgeben wird. 2015 sollen diese Ausgaben auf 2 Milliarden Dollar steigen.

Zwar stieg der Gesamtumsatz im dritten Quartal gegenüber dem Vorjahr von 17,09 Milliarden Dollar auf 20,58 Milliarden Dollar, aber Analysten hatten laut Thomson Reuters mit einem Umsatz von 20,8 Milliarden Dollar gerechnet. Auch Amazons Nettoverlust von 95 Cent je Aktie lag deutlich über der Analystenschätzung von 74 Cent je Aktie.

Der operative Verlust des Unternehmens schwoll auf den höchsten Wert überhaupt an: Er stieg im Jahresvergleich von 25 Millionen Dollar auf 544 Millionen Dollar. Die operativen Ausgaben stiegen im Jahresvergleich von 17,12 Milliarden Dollar auf 21,12 Milliarden Dollar. Für das vierte Quartal sagte Amazon Umsätze zwischen 27,3 Milliarden und 30,3 Milliarden Dollar voraus – auch das liegt unter der Analystenerwartung von 30,9 Milliarden Dollar.

Ein Kostentreiber ist Amazons wachsende Belegschaft. Für neue Lagerhäuser in den US-Bundesstaaten Florida, Kalifornien und Texas musste der Konzern viel Personal einstellen. Im dritten Quartal stieg die Zahl der Mitarbeiter bei Amazon um 36 Prozent auf rund 149.500.

Das Smartphone Fire ist ein ziemlicher Flopp

Das Smartphone „Fire“, das Amazon im Sommer mit großem Tamtam nach vier Jahren Forschungs- und Entwicklungsarbeit auf den Markt brachte, traf den Nerv der Kunden bisher nicht, obwohl es einige Besonderheiten wie einen holografischen Bildschirm aufweist.

Schon zwei Monate nach der Markteinführung gab es erste Signale dafür, dass das Telefon ein Flopp sein könnte. Damals senkte Amazon den Gerätepreis für jene Käufer auf fast null, die einen Mobilfunkvertrag über zwei Jahre abschließen. Am Ende des dritten Quartals hatte Amazon noch 83 Millionen seiner Smartphones im Lager liegen.

Weil Amazon gleichzeitig in so viele verschiedene Geschäftsbereiche vordringt, lässt sich kaum absehen, was wohl in ein paar Jahren das Kerngeschäft des Unternehmens sein wird. So kaufte Amazon dieses Jahr noch die Videospielseite Twitch für 1,1 Milliarden Dollar. Daneben stellte der Konzern ein neues Scan-Gerät vor, mit dem Kunden Zuhause ihre Lebensmittelschränke durchleuchten und automatisch fehlende Vorräte online bestellen können. Und er präsentierte ein Kreditkarten-Lesegerät, das Verbraucher mit ihren Smartphones und Tablets verbinden können. Damit will Amazon seinen Rivalen Ebay, EBAY 2.51 % Paypal und Square Inc. Konkurrenz machen.

Über einige Geschäftsbereiche gibt Amazon kaum etwas preis. Das macht es schwer zu beurteilen, wie profitabel Initiativen wie das Kundenprogramm „Prime“ sind, das Amazon-Mitglieder 99 Dollar im Jahr kostet. Im Gegenzug brauchen sie keine Liefergebühren für ihre Online-Bestellungen bei Amazon mehr zu bezahlen und können Amazons Video-Streaming-Angebot nutzen.

„Wir wissen nicht, wie viele Prime-Mitglieder die haben oder was die ausgeben“, sagt Wedbush-Analyst Pachter. Amazon selbst sprach Anfang des Jahres von mehreren Dutzend Millionen Mitgliedern, lieferte aber keine konkreten Zahlen. Inzwischen hat der Konzern die Premium-Mitgliedschaft um 20 Dollar verteuert. Einige sagen, Prime-Kunden geben doppelt so viel Geld bei Amazon aus wie reguläre Kunden. Sie wären insofern die wertvollsten Kunden für das Unternehmen.

„Das Programm wächst sehr schnell“, sagte Szkutak am Donnerstag. „Wir freuen uns sehr darüber und wir glauben, dass es langfristig wirklich gut für die Kunden und für uns und die Aktionäre ist.“

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