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„Die Banken unterschätzen die Gefahr durch Fintechs“

Der Unterschied ist sofort zu erkennen.

Hier: Frankfurt, einer der vielen Konferenz-Säle der Stadt, darin Zuhörer in den hier üblichen grauen und schwarzen Anzügen. Hier gibt es Frontalunterricht von den Sprechern für das Publikum, das in ordentlichen Reihen vor der Bühne sitzt und sich das Wichtigste notiert. Stift und Block hat der Veranstalter zur Verfügung gestellt.

Dort: Barcelona, ein Industrie-Loft, das sich viele Menschen als Arbeitsplatz teilen, Hub heißt das auf Neudeutsch. Die Imitation eines Wohnzimmers auf der Bühne, warm ausgeleuchtet, Kissen, Bücherregale aus Weinkisten, Nippes darin. Immer wieder gibt es Bewegung im Publikum, die Sprecher auf der Bühne kommen und gehen, die Zuhörer fotografieren und twittern. Die Tonanlage versagt, macht nichts, dann schreit der Redner seinen Text den Zuhörern eben entgegen, bis schließlich das Problem gelöst ist und das grausige Fiepen aus den Lautsprechern aufhört.

Das Geschäftsmodell der Bankenwelt (die sich in Frankfurt bei der Fachtagung „Bank & Zukunft 2014“ trifft) ist auf dem besten Weg, komplett umgekrempelt zu werden (von dem Publikum in Barcelona beim Kongress „Next Bank Europe“). Es wäre das erste Mal, seit es die globale Finanzindustrie gibt. Vor der Bankenbranche ist es der Musikindustrie so ergangen und auch dem Einzelhandel. So geht es auch den Medien seit Jahren. Und die Digitalisierung wird wohl noch viele Branchen erfassen.

Mit Paypal, dem Bezahlabwickler von Ebay hat es begonnen. Inzwischen bieten branchenfremde Startups im großen Stil alternative Plattformen für einfache Bankdienstleistungen an. Einfach zu bedienen sind auch die dazu programmierten Apps für das Smartphone oder den Computer. Und mittlerweile machen das Paypal und andere, kleinere Unternehmen nicht nur im Zahlungsverkehr, sondern auch bei der Kreditvergabe und sogar in der Vermögensverwaltung.

Eine Podiumsdiskussion in Barcelona beim Kongress „Next Bank Europe“ ENLARGE
Eine Podiumsdiskussion in Barcelona beim Kongress „Next Bank Europe“ finnovista

Etwa 100 junge, kleine Unternehmen, die an der Schnittstelle zwischen Finanzdienstleistungen und Technologie tätig sind, hat das Netzwerk mit dem Namen FinTech Forum DACH alleine in Deutschland identifiziert. Gegründet im Juli 2013 von einem Ex-Banker und einem Berater soll es Startups, Investoren und Banken auf Veranstaltungen zusammenbringen.

Die Neuen nehmen den Banken Geschäft weg, lassen Marktanteile und Gewinnmargen schrumpfen. Und was am schwersten wiegt: Sie entfremden den Bankkunden mit ihren Transaktionen von seiner Bank, sogar dann, wenn die an der Abwicklung noch beteiligt ist.

Gedanklich nämlich zahlen wir mit Paypal, auch wenn die Plattform faktisch zur Abwicklung auf unsere Girokonto oder unsere Kreditkarte bei der Hausbank zugreift. Im Bankgeschäft, das direkten Kundenkontakt lebt, ist das eine fatale Entwicklung.

Was das konkret bedeutet, lässt sich beim Thema Sicherheit erkennen. Die ist längst nicht mehr das gewichtigste Pfund, das Banken in die Waagschale werfen können. Bei einer Umfrage von ibi Research, bei der 2013 nach der Bezahlmethode mit dem höchsten Sicherheitsgefühl gefragt wurde, erreichte Paypal eine Zustimmung von 56 Prozent. Sicherer fühlten sich die mehr als 800 Befragten nur bei einer Zahlung auf Rechnung.

Die Banker in Frankfurt wissen das. Sie wissen, dass sie wieder mehr darauf hören müssen, was ihre Kunden wollen und weniger darauf, was ihre Produkterfinder verkaufen wollen. Sie sind sich der eigenen Unzulänglichkeiten bewusst und ärgern sich auch selbst darüber. Sei es bei Podiumsdiskussionen, sei es im persönlichen Gespräch.

Doch: Bevor innovative Ideen in die Chefetage der Banktürme durchdringen, müssen sie in einer langen Hierarchie bestehen. Wenn sie oben angekommen sind, hat die Chefetage nicht unbedingt auf genau diese Idee gewartet, sondern muss möglicherweise ganz andere Probleme lösen.

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Die Deutsche Bank DB 0.44 % ist da ein gutes Beispiel. Anshu Jain und Jürgen Fitschen stehen vor einem Berg von Klagen, dessen Spitze derzeit noch nicht einmal zu erahnen ist. Da muss eine Idee schon sehr gut sein, um die Aufmerksamkeit oder gar Begeisterung der beiden Chefs zu bekommen. „Die Bank ist sehr mit der Aufarbeitung der Vergangenheit beschäftigt und läuft Gefahr, technisch den Anschluss zu verlieren“, sagte ein Aufsichtsrat des größten deutschen Bankhauses dem Wall Street Journal Deutschland. „Das ist ein großes Problem“, räumt er unumwunden ein.

Aber auch bei den Sparkassen ist es nicht einfach, Vorstände der alten Schule von Neuerungen zu überzeugen. Auf die Frage, wie sie sich gegen die Fintechs und anderen Konkurrenten wappnen, lautet die Antwort vieler Vorstände in Frankfurt unter dem Strich so: Wir haben einen Online-Auftritt, eine Konto-App, und ansonsten muss sich das Modell rechnen. Punkt.

Wenn es darum geht, ihr jeweiliges Online-Schaufenster blitzblank zu putzen, sind die Banken sehr aktiv: Sie machen Werbung für ihre neuen Online-Plattformen oder mobile Banking-Apps, sie erstellen Twitter TWTR 5.59 % -Konten und stellen Social-Media-Mitarbeiter ein, die auch auf Facebook FB -0.08 % auf Beschwerden von Kunden reagieren.

Die Gründer von Cashboard - Sie wollen die private Altersvorsorge einfacher machen. ENLARGE
Die Gründer von Cashboard - Sie wollen die private Altersvorsorge einfacher machen. finnovista

Die Deutsche Bank hat gar eine Studie erstellt, in der Fintechs als „digitale (R)evolution im Finanzsektor“ beschrieben werden. Der Autor der Studie kommt zu dem Schluss, dass es für viele Unternehmen alternativlos sei, ihr Geschäftsmodelle dem digitalen Wandel anzupassen. „Es muss ganzheitlich digital gedacht und reformiert werden“, heißt es in der Studie.

Es sind bittere Szenarien, die der Autor denen vorzeichnet, die nicht jetzt handeln: „Verdrängung aus dem Markt, schmerzhafte Konsolidierungsmaßnahmen, kostenintensive Reformen.“ Deutlicher kann man es nicht sagen. In der Studie steht aber auch: „Das Banking wird nicht neu erfunden. Es wird aber digital“.

Die Erneuer in Barcelona sehen das anders.

„Die Banken unterschätzen, was durch Fintechs auf sie zukommt“, sagt etwa Daniel Latimore. Er ist kein junger Wilder, sondern Vizepräsident von Celent. Die Tochtergesellschaft der international tätigen Strategieberatung Oliver Wyman berät Banken; Latimore hat sich auf IT-Systeme und digitales Banking spezialisiert. „Die großen Banken kommen erst gar nicht zu solchen Veranstaltungen“, sagt er. „Daran sieht man, dass sie die Gründer hier unterschätzen, sie nicht ernst nehmen.“

Das glaubt auch einer der Veranstalter in Barcelona, Andres Fontao vom Netzwerk Finnovista. „Hier sind die Banken, die es verstanden haben. Die, die es nötiger hätten zu sehen, was sich bei den Fintechs tut, die kommen nicht.“

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Es gibt Fintechs, die umgehen Banken bei ihren Geschäften bereits komplett. Die Vergabe von Kleinstkrediten in Schwellenländern zum Beispiel funktioniert von Person zu Person. Oder Kreditech in Peru: Seine Kunden können ihren Kredit bei einem Kooperationspartner, einer Kiosk-Kette, abholen. Oder Cashboard in Deutschland: Die digitale Vermögensverwaltung arbeitet zwar mit der Augsburger Aktienbank zusammen, die aber hat nur eine Depotfunktion. Oder Traxpay, eine Firma, die Zahlungsverkehrlösungen von Unternehmen zu Unternehmen anbietet.

Die Commerzbank CRZBY -0.80 % war zwar nicht in Barcelona vor Ort, aber bei der Veranstaltung in Frankfurt. Sie gehört zu den Banken, die handeln. Der Existenzkampf nach der Teilverstaatlichung hat einige verkrustete Strukturen aufgebrochen. Nachdem Vorstandschef Martin Blessing nach der Übernahme der Dresdner Bank einige Jahre mit Aufräumarbeiten beschäftigt war, hat er inzwischen das Filialnetz und die Zukunftsfähigkeit der Bank auf den Prüfstand gestellt. Tabus gibt es keine. In Future Labs experimentieren Mitarbeiter, wie der Kontakt zwischen Kunde und Berater aussehen könnte. Chat, Mail oder Videokonferenz werden erprobt.

Mit der Idee, große Filialen wie die in Berlin als Lounge zu gestalten, ist die Commerzbank deutschlandweit Vorreiter in der traditionellen Bankenbranche. Neben einer gewaltigen Espressomaschine gibt es in der Hauptstadt-Niederlassung eine Ecke für die Kleinen, Kinderspiele auf dem Smartphone inklusive. „Wir setzen auf Wohlfühlen“, sagt Ssonja Peter, die Bereichsleiterin Business Development bei der Commerzbank. Die Bank hat festgestellt, dass mehr als 70 Prozent ihrer Kunden noch immer eine Filiale wünschen. Dann sollen sie die Filiale auch bekommen.

Damit die Kunden dort aber nicht nur Kaffee trinken, hat sich die Bank einiges bei den großen Einzelhändlern abgeguckt. „Was ist die Milchtüte einer Bank?“, fragt Ssonja Peter. In einem Supermarkt muss der Kunde, wenn er Milch oder Butter kaufen will, einmal durch das ganze Geschäft laufen. Entsprechend findet sich das Kassengeschäft der Commerzbank nicht mehr im Eingang, sondern im hinteren Teil der Filiale. „Der Kunde muss erst durch die Erlebniswelt der Filiale hindurch“, erläutert sie.

Mit der Videokasse will die Commerzbank auch außerhalb der Öffnungszeiten persönlichen Kundendienst leisten. ENLARGE
Mit der Videokasse will die Commerzbank auch außerhalb der Öffnungszeiten persönlichen Kundendienst leisten. Commerzbank

Ob Videochat-Geldautomat, WLAN in der Kundenlounge, 24-Stunden-Service am Telefon oder längere Öffnungszeiten in der Filiale – die Commerzbank probiert alles aus. Sie kann dabei nur gewinnen. „Nur durch einen radikalen Umbau ist das Privatkundengeschäft profitabel zu betreiben“, erklärt Peter.

Radikaler Umbau? Das würde in Barcelona niemand in Verbindung mit einer Bank bringen. Die Teilnehmer der Veranstaltung dort halten Banken überwiegend nicht für innovativ und glauben auch nicht, dass sie es werden könnten.

Dass sich die Commerzbank bei ihrer Filialaufteilung an erfolgreichen Einzelhändlern orientiert hat, würde ihnen nur ein müdes Lächeln entlocken. Sie würden auf die einbrechenden Verkaufszahlen in vielen Bereichen des stationären Einzelhandels hinweisen und auf das beeindruckende Wachstum von Amazon, Zalando ZAL -0.29 % und Co.

Die Strukturen etablierter Unternehmen, das steht in Barcelona fest, sind zu starr, um richtig kreativen Ideen Raum zu geben. Auch deshalb seien schon viele kluge Köpfe aus der Industrie in Startups abgewandert. Nur wenige würden am Ball bleiben und versuchen, ihre Ideen in der Bank durchzubringen..

Einen großen Vorteil haben die Banken allerdings: Sie haben viel mehr Kapital als die kleinen Fintechs. Allein: Sie spielen diesen Vorteil nicht hinreichend aus.

Grundsätzlich gibt es drei Wege, an neue Ideen zu kommen: Selbst eine gute Idee haben, sie leihen oder kaufen. Es scheint, als konzentrierten sich die Banken derzeit auf die letzte Möglichkeit. Und das sehr zum Ärger vieler Gründer.

Die Commerzbank kündigte gerade erst an, sie werde einen Risikokapitalfonds als Tochtergesellschaft ausgründen. Auch Mastercard, Barclays, die spanische BBVA, die russische Sberbank SBRCY 1.55 % und die italienische Intesa Sanpaolo ISNPY -0.94 % haben Venture-Capital-Fonds oder Inkubatoren, die in der Marktreifephase (Venture) oder noch davor in der Anschubphase (Inkubator) in vielversprechende Startups investieren.

Daniel Latimore hält das durchaus für sinnvoll. Entweder könne die Bank sich auf diese Weise neue Technologien verschaffen – so wie es die Commerzbank mit ihrer Tochter Main Incubator und deren erstem Investment Traxpay plant. Der Zahlungsdienstleister soll der Bank mit seiner Technologie einmal in ihrem Geschäftskundenbereich dienlich werden.

Oder aber die Bank profitiert, wenn sich unter ihren Venture-Investitionen ein neues Facebook, ein neues Google GOOGL 1.45 % oder ein neues Paypal befindet, sagt Latimore. Das könnte dann beim Ausstieg einen Milliardengewinn bedeuten.

Allein: „Warum sollten wir eure Probleme lösen?“, fragt ein Gründer aus dem Publikum in Barcelona das Podium. Dort sitzen Vertreter der Venture-Kapitalgeber von Intesa Sanpaolo, der russischen Sberbank, Mastercard und Rabobank. Sie haben alle keine Antwort auf die Frage.

Kontakt zum Autor: isabel.gomez@wsj.com und Madeleine.Nissen@wsj.com

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